Gemischte Sätze. Lite­ra­ri­sche Varia­tionen aus dem Meid­linger Schreib­ate­lier Abschluss­pu­bli­ka­tion des BÖS-Schrei­b­­päda­gogik Lehr­ganges 2024/2025

Eine Rezen­sion von Tobias Thomas March

Es war an einem sonder­baren Tag, irgend­wann im Herbst.“ (S. 48). Mit diesem Satz startet die Kurz­prosa „Keinerlei, allerlei und drei­erlei“ von Carin Caduff. Der Schreib­päda­gogik Lehr­gang der 11 Autor­innen star­tete aber nicht an einem sonder­baren Tag, irgend­wann im Herbst, sondern im März 2024. Und beim Lesen des Buches wird klar: Man kann froh darüber sein, dass dieser Lehr­gang 11 starke weib­liche Stimmen der Gegen­warts­li­te­ratur „unter diesem Fleder­maus­himmel“ (S. 48) versam­melt hat.
Die Antho­logie „Gemischte Sätze“ besteht aus lustig-verschlun­gener Kurz­prosa wie „Lily liebt Nino“ von Carin Caduff, in der geschrieben steht: „Leider küsst er aber wie eine lang­zungige, nervöse Schlange.“ (S. 47). Durch Wieder­ho­lungen und Varia­tionen im Text wirkt dieser selbst bald wie eine schlän­gelnde, nervöse Schlange: „Eigent­lich will ich ja nur, dass Nino hier bei mir ist. Aber er ist bei ihr. Er muss bei ihr sein. Er will eigent­lich lieber bei mir sein. Aber sein Kater ist bei ihr.“
Es gibt auch längere und nach­denk­lich stim­mende Texte wie „Paris“ von Brigitta Nöbauer. Darin wird die Perspek­tive einer demenz­er­krankten Mutter, die im Kopf eine Reise nach Paris unter­nimmt und deshalb die Zeit vergisst, mit den Perspek­tiven ihrer zwei Töchter, Renate und Gerda, geschickt verwoben. „Mama hatte sich für sie nicht verän­dert, nur das Gehen war beschwer­li­cher geworden. Viel­leicht wurde sie jetzt dement?“ (S. 120). Gerda meint panisch: „Sie ist nicht gekommen. Ich habe sie ange­rufen, aber sie meldet sich nicht.“ (S. 118).
Verena Wallner wiederum geht „Im Ange­sicht der Urgroß­mutter“ dieser ernst­haften, jungen Frau nach, die mit 16 Jahren an einen fünf Jahre älteren Mann verhei­ratet wurde, den sie bis dahin niemals gesehen hatte. Es war eine arran­gierte Ehe. „Ich stell‘ mir vor, dass es in dieser unmög­li­chen Situa­tion ein Kuss war, der die beiden rettete. Nicht aus dem körper­li­chen Begehren, aber als Geste des Mutes.“ (S. 129).
Clara Weber entführt in einen Garten in Tel Aviv oder über­zeugt mit Gedichten zum „Sommer“ und „Schne­cken“: „die tage schne­cken weiter/sie verschne­cken sich/zu wochen monaten/ und werden gehäuse“ (S. 139).
Eva Zauchner zeigt in „Leben an der Eisen­bahn“ deutsch-fran­zö­si­sche Vergan­gen­heit und Sehn­sucht nach der Zeit „als man Fenster noch öffnen konnte“. „Einmal nur Thes­sa­lo­niki-Express oder Orient-Express“ (S. 153), sinniert die Erzäh­lerin.
Corinna Alber lässt in ihrem Text „Gerne heim“ ihre Protagonistin/ihren Prot­ago­nisten, ein Du, zurück­kehren in das heimat­liche Dorf, in dem sich so wenig verän­dert hat. „Du zeigst auf den Kaugum­mi­au­to­maten. Der stand schon immer da, sagst du.“ (S. 21). Dieses Du versucht nicht hinzu­sehen, nicht die Blicke des Groß­va­ters, des Urgroß­va­ters vor sich zu sehen. Das Du versucht nur, besser zu spielen als der Vater. „Am Abend wirst du gerne wieder nach Hause fahren.“ (S. 21)
Seher Cakir nimmt uns im Text „Wohnungs­suche“ mit in die Gedan­ken­welt einer Prot­ago­nistin, Frau Berg, die nicht mehr lange Frau Berg bleiben möchte und die auf der Suche nach einer Wohnung ist. Ihre Gedanken kreisen, ihr Hund ist tot. Die Story wech­selt sich geschickt mit der Story eines Restau­rant­be­su­ches ab.
Barbara Erhardt schreibt im Text „Traum­welten“ auf Seite 69 vom kleinen, schla­fenden Emil, der immer wieder vom selben Elefanten träumt.
Elisa­beth Bendl ist Profi für starke, selbst­be­stimmte Frau­en­fi­guren. Egal ob eine Mutter, die in „Zwei Füße, so klein“ von Schmerzen und von Verlust geplagt wird, oder ob in „Feuer“ die Feuer­wehr­frau Eva, oder in „Schnitzler’sche Varia­tion“ Leocadia ihre Prot­ago­nistin ist, immer findet die Autorin Platz, Bestimmt­heit, Zärt­lich­keit und Begehren ohne Kitsch mitein­ander zu verbinden.
Magda­lena Kowalls Text “In Frag­menten“ ist sehr berei­chernd, in ihm werden viele Versatz­stücke wie Listen und Zahlen zu einem dröh­nend-großen Text von Mutter­schaft und Abhän­gig­keit, zusam­men­ge­fügt.
Martina Anna Linortner nimmt in ihrem Lang­text „Flucht“ uns Leser:innen mit in eine zukünf­tige Welt mit vielen Planeten. Die Prot­ago­nistin Kim wird zum Tod durch Hitze in der Wüste verur­teilt. Ihre zwei Begleiter, die Wüsten­mäuse namens Dai und Pai, sollten ihr helfen zu über­leben. „Sachte öffnete Kim die Box. Sie nahm Dai, die Wüsten­maus mit dem kleinen schwarzen Fleck im Fell, und steckte sie vorsichtig in die Brust­ta­sche des Wüsten­an­zugs, sodass Dai gut atmen und alles sehen konnte.“ (S. 105).

 

Tobias March, Oktober 2025

Für die Rezen­sionen sind die jewei­ligen Verfasser:innen verantwortlich.

 

Gemischte Sätze. Lite­ra­ri­sche Varia­tionen aus dem Meid­linger Schreib­ate­lier
Hamburg: BOD 2025
181 Seiten
15 EUR
ISBN 978–3‑7693–5844‑5

 

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Bericht zur Abschluss­le­sung im BÖS
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