Bauch­mama – Kuschel­mama – Jutta Treiber und Susanne Wechdorn

Eine Rezen­sion von Cornelia Stahl

Ein Recht auf Familie – und auf Geborgenheit

Jeder Mensch hat ein Recht auf Familie – das garan­tieren die Allge­meine Erklä­rung der Menschen­rechte in Artikel 16 sowie die Euro­päi­sche Menschen­rechts­kon­ven­tion. Um ein Recht auf das Wissen um seine Herkunft ließe sich die Ausfüh­rung der Konven­tion noch erwei­tern. Und genau davon erzählt Jutta Treiber in ihrer Neuerschei­nung „Bauch­mama – Kuschel­mama“: Von Herkunft und Zuge­hö­rig­keit. Vertrauen und Gebor­gen­heit.
Am Beispiel geläu­figer Alltags­szenen gewährt Treiber einen Einblick, mit welchen Unsi­cher­heiten Adop­tiv­kinder und Adop­tiv­el­tern konfron­tiert werden. Jede Familie weist Beson­der­heiten und spezi­elle Gewohn­heiten auf. Im vorlie­genden Kinder­buch wird das Abend­ri­tual des Vorle­sens zum Ausgangs­punkt der Hand­lung: Jeden Tag werden dem Kind von der Adop­tiv­mutter fünf Bücher vorge­lesen: „Flora kuschelt sich an Mama. Mama liest vor. Alle fünf Bilder­bü­cher.“
Bereits die Eingangs­se­quenz entwirft ein Bild der Mutter-Kind-Bezie­hung, gibt Auskunft zur beson­deren Bindung der beiden Menschen zuein­ander. Die Geduld der Mutter und das Vertrauen des Kindes sind beson­ders einprägsam in diesem Bild.
Jutta Treiber versetzt sich in Floras Gedan­ken­welt: Während des Vorle­sens tauchen unver­mit­telt Fragen auf und es entspinnt sich ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter, in dem es um Floras Herkunft geht und um die Exis­tenz beider Mütter: die leib­liche Mutter und die Adop­tiv­mutter.
„Ist es wahr, dass Babys im Bauch wachsen?“, fragt Flora. Behutsam erklärt die Adop­tiv­mutter, dass Flora nicht in ihrem Bauch gewachsen ist und löst Unsi­cher­heit im Selbst­ver­ständnis des Kindes aus.
„Wieso bist du meine Mama, wenn ich nicht in deinem Bauch war?“.
Treiber spie­gelt die Zweifel des Adop­tiv­kindes:
„Ich glaub, sie hat mich nicht lieb gehabt, sagt Flora“. 

Eindrucks­voll verwebt die Autorin die Iden­ti­täts­suche eines Kindes mit dem Leben zweier Frauen, in denen es um Auto­nomie und Selbst­be­stim­mung geht. Im Subtext deutet Treiber die Schatten der Wohl­stands­ge­sell­schaft an und wirbt indi­rekt dafür, genauer hinzu­schauen und Zivil­cou­rage zu zeigen:
„Mama über­legt: Deine Bauch­mama hat es nicht leicht gehabt.“
Ein Kinder­buch, das sich dem Thema Adop­tion behutsam annä­hert und die Gedan­ken­welt eines Adop­tiv­kindes spie­gelt, im Ringen um Wahr­heits­suche. Die kräf­tigen Rot‑, Blau- und Grün­töne der Illus­tra­torin Susanne Wech­dorn markieren die Inten­sität des Textes. Das Buch leistet einen wich­tigen Beitrag in der Vermitt­lung mit Adoptivfamilien.

 

Cornelia Stahl, Jänner 2026

Für die Rezen­sionen sind die jewei­ligen Verfasser:innen verantwortlich.

 

Jutta Treiber und Susanne Wech­dorn: Bauch­mama – Kuschel­mama
Wien: wort­weit Verlag 2025
24 Seiten
24,90 EURO
ISBN: 978–3‑903326–44‑6 

 

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