Märchen verdrehen
Texte von Angelika Moser und Klaudia Weber
Angelika Moser
Schock im Märchenwald: Schneewittchen kocht – die Zwerge dealen
Das längst nicht mehr minderjährige Schneewittchen entpuppt sich als knallharte Businessfrau. Wie sichere Quelle berichten, soll sie gemeinsam mit den 7 Zwergen in einer Blockhütte im Märchenwald ein geheimes Crystal-Meth-Labor betrieben haben.
“Der Geruch war so eigenartig”, erzählt ein Augenzeuge.
Die Zwerge, die man bisher nur munter vor sich hinpfeifend mit Spaten und Rucksack durch den Wald streifen sah, wurden nun mit Schutzbrille, Ganzkörperschutzanzug, Gummimaske und verdächtigen gelben Fässern gesichtet. Offensichtlich wirkten sie auch sehr nervös.
Und Schneewittchen? Augenscheinlich das Mastermind und der organisatorische Kopf hinter dem Ganzen.
Der Stoff soll von höchster Qualität sein, kein einziger fauler Apfel sozusagen. Ob die Schlammschlacht bei der Scheidung vom Prinzen sie dazu getrieben hat oder ob nun einfach ihr wahres Ich ans Tageslicht gekommen ist … es lässt sich nur mutmaßen. Die Königin ist sich jedenfalls sicher: “Schneewittchen war nie die Unschuld vom Lande.“
Schneewittchen schweigt beharrlich und beruft sich auf ihr Aussageverweigerungsrecht. Die Ermittlungen laufen. Der Wald bleibt großräumig abgesperrt.
Klaudia Weber
Rotkäppchen sieht rot.
Jeden Tag liegt sie dir in den Ohren, deine Mutter. Und das schon, seit du denken kannst. Mit immer demselben Gelabere: gebetsmühlenartig. Ähnlich wie die zehn Gebote, die man als Kind auswendig lernen muss. Wenigstens waren es bei dir nur vier Gebote.
- Zieh dich warm an.
- Besuch sonntags deine Oma.
- Nimm niemals Süßigkeiten von Fremden an.
- Sei zu älteren Menschen immer höflich und widersprich nicht.
Vor allem die letzte Regel macht dir zu schaffen. Denn so gut wie jeder hier im Dorf ist älter als du. Also kannst du nicht vielen Menschen widersprechen. Auch nicht deiner Mutter.
Wozu das führt? Du bist gehorsam, höflich, hast wenige Glücksmomente (weil kaum Süßigkeiten – Stichwort: Serotonin) und schwitzt ständig. Denn du ziehst dich auch im Sommer warm an und setzt dir immer eine Mütze auf. Eine dieser kratzenden Mützen, die dir deine Großmutter strickt, seit du auf der Welt bist. Diese hässlichen roten Gebilde, die nicht nur du, sondern auch deine Freunde uncool finden. Wer könnte dir da verdenken, dass du eines Tages selbst rot sehen wirst? Doch noch gehst du zur Schule und du bist erst sieben Jahre alt. Unschuldige sieben Jahre.
Die Zeit in der Schule genießt du. Zeit zum Durchatmen. Zeit, um wenigstens ein bisschen DU zu sein. Dort sind viele Gleichaltrige. Denen kannst du widersprechen, ohne gegen das Gebot deiner Mutter zu verstoßen. Von deinen Mitschüler*innen darfst du auch Süßigkeiten annehmen, denn sie sind dir nicht fremd. Du fühlst dich so lange frei, bis das Wochenende naht. Dann bist du wieder umzingelt von älteren Menschen. Und am unfreisten fühlst du dich sonntags. Denn Sonntag ist Oma-Tag. Und sonntags musst du durch den Wald spazieren, zum kleinen roten Haus, wo sie wohnt … um nicht zu sagen: wo sie liegt. Denn sie ist schon seit Jahren bettlägerig. Das Einzige, was sie tun kann, ist Stricken: rote, hässliche, kratzige Mützen. Und delegieren. Ihre knöchernen Finger springen dabei immer von links nach rechts: Hol mir dies, hol mir das. Du kannst ihre Stimme mit dem leidenden Unterton nicht mehr hören.
Doch du wirst deine Großmutter noch weitere zehn Jahre jeden Sonntag besuchen, ihr nicht widersprechen und immer die rote Kappe aufsetzen: Winter wie Sommer. Bis du eines Tages eine Idee hast. Denn in letzter Zeit wird in den Medien immer wieder von einem Wolf berichtet, der sich gefährlich nahe an die Häuser der Menschen heranwagt, wohl aus Hunger. Denn die Menschen nehmen den Wildtieren zunehmend den Lebensraum und damit auch ihr Jagdrevier weg.
Du baust im Wald also Fallen auf. Du hast dir dafür auf YouTube zahlreiche Videos angesehen und dir selbst Fallen gebastelt, die du im Wald aufstellst. Und eines Tages hast du ihn „geschnappt“, den Wolf. Besser gesagt: Eine der vielen Fallen hat ihn geschnappt. Du betäubst ihn, bringst ihn in das Schlafzimmer deiner Oma und machst die Tür zu. Du wartest eine Weile. Dann scheint der Wolf wieder bei Sinnen zu sein. Du hörst Schreie, siehst Blut spritzen, siehst also die Farbe Rot endlich in einem anderen Kontext … und machst dich auf den Heimweg. Morgen wird in der Zeitung stehen, dass einmal mehr ein Wolf sein Unwesen trieb und dem es unerklärlicherweise gelang, bei einer alten Frau ins Schlafzimmer zu gelangen. Und du wirst lesen, dass sich die arme Frau das Leben retten konnte, indem sie dem Wolf ein paar ihrer Sticknadeln in den Leib rammte und ihm das Maul mit einem roten Wollknäuel stopfte.
Du bist nach wie vor nicht frei. Und du bist dazu verdammt, noch weitere 20 Jahre das Rotkäppchen zu spielen, bevor du beschließt, die Seiten zu wechseln. Am Ende landest du beim Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“ und stellst dir bei jedem kleinen Kitz vor, dass du abwechselnd deine Mutter oder deine Großmutter verspeist. Freud lässt grüßen. „Gut gekaut, ist halb verdaut“. Auf diese Weise verarbeitest du deine Vergangenheit. Verdauen … loslassen … neu anfangen, so lautet das neue Motto. Endlich kannst du über ein neues märchenhaftes Leben nachdenken und dich von deiner Opferrolle befreien
Die Texte sind im Rahmen des Schreibworkshops “Märchen verdrehen” bei Katja Renzler entstanden.