Das Andere ist für mich produktiv
Ein Interview mit Ulrike Ulrich
Letztes Jahr ist Ulrike Ulrichs vierter Roman “Zeit ihres Lebens” im Berlin Verlag erschienen. Am 11. April 2026 liest sie daraus beim Literatursalon im BÖS-Atelier und blickt im Interview hinter die Kulissen des Buchs.
BÖS: “Zeit ihres Lebens” ist Dein vierter Roman, er spielt in Paris. Ist für dich persönlich Paris ein Fest fürs Leben?
Ulrike Ulrich: Paris ist für mich Inspirationsquelle und Projektionsfläche zugleich. Paris ist das Café, «La Rue», ist Museum, die Seine, sind die zweistelligen Arrondissements, ist Montmartre, die Parks, ein Glas Champagner für 7 Euro, sind Menschen von überall auf der Welt, die dort leben, leben wollen oder nur zu Besuch sind. An Paris hängen so viele Erzählungen, Bilder und Vorstellungen. Für Liane, die Protagonistin in meinem Roman “Zeit ihres Lebens”, ist es gleichzeitig Rückzugsort – und Ausgangspunkt für neue Texte, Erkenntnisse, Reisen in die nahe und ferne Vergangenheit, Begegnungen mit lebenden und lang verstorbenen Feministinnen, Schriftstellerinnen und Aktivistinnen.
Paris ist auch eine Stadt voller Gegensätze und Widersprüche. Im Jahr 2021, als Liane ein paar Monate am Montmartre verbringt, wird dort der 150. Jahrestag der “Pariser Kommune” gefeiert, Symbol für Widerstand und Reformen, während der 60. Jahrestags des “Massakers von Paris”, dem Mord an Hunderten von Menschen algerischer Herkunft durch die Polizei, nur wenig Aufmerksamkeit erhält. Paris ist der Ort, an dem Rilkes “Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge” spielt, einem Buch, das für mich von grosser Bedeutung ist. Und das ich als Vorbild für meinen Roman genommen habe. Mit seinen Themen, seiner Struktur, seinen Reflexionen über das Schreiben. Und der Stadt Paris als zweite Protagonistin.
BÖS: Was macht für Dich den Reiz aus, einen Roman in einem anderen Land anzusiedeln und dauert die Recherche dafür länger?
Ulrike Ulrich: Ich habe im Tessin grosse Teile meines ersten Romans geschrieben, der in mehr als zehn Ländern spielt, fast immer im Zug. Ich habe in London über Zürich geschrieben. In Ligurien über Paris. In Zürich über Rom und Wien, übers Tessin. Ich schreibe über Orte, die ich kenne, aber oft dann, wenn ich nicht dort bin. Es hilft, Abstand zu haben, vielleicht Notizen von einem Besuch vor Augen, aber nicht mittendrin sein, während ich darüber schreibe. Meistens bin ich in Zürich, zuhause. Sitze ich dort im Café und schreibe, aber ich habe auch schon das Quartier gewechselt, um mich fremder, weniger vertraut zu fühlen. Das Andere, Abweichende, das Neue und Unbekannte ist für mich produktiv, daraus entsteht für mich eine Spannung, oft erfahre ich in dieser Spannung auch sehr viel über mich selbst.
Bei “Zeit ihres Lebens” war es aber tatsächlich so, dass die Recherche für mich aufwändiger war als bei anderen Büchern, weil viele Quellen und Zeitungsartikel, viele Texte, mit denen ich mich beschäftigt habe, auf Französisch waren. Die Sprache hat den Unterschied gemacht. Am meisten recherchiert habe ich für die Geschichte von Louise Crombach, der Autorin, auf die Liane stösst. Die Mitte des 19. Jahrhunderts eine kurze Zeit lang berühmt war, einen Roman über eine Frauenfreundschaft geschrieben hat. Und dann als Gefängniswärterin gearbeitet, um ihre Mutter und ihre Tochter zu ernähren. Weil sie einer Gefangenen zur Flucht verhalf (vor allem aber, weil man ihr vorwarf, lesbisch zu sein), wurde sie 1845 verurteilt. Und ist dann vollkommen in Vergessenheit geraten. Einen Roman in einer anderen Zeit anzusiedeln, das stelle ich mir noch deutlich herausfordernder vor, als ein anderes Land zu wählen, in dem ich immerhin schon einige Zeit verbracht habe.
BÖS: was verbindet dich mit dem BÖS?
Ulrike Ulrich: Ganz unmittelbar: Erika! Erika Kronabitter kenne ich seit über 20 Jahren. Wir haben uns am Wolfgangsee kennen gelernt, bei den Wolfgangseer Literaturtagen, die Raimund Bahr organisiert hat. Wir haben unzählige Gespräche über Texte geführt, wir haben zusammen einen Workshop zu “experimentellem Schreiben” gegeben. Wir sind uns verbunden geblieben. Haben unsere Bücher gelesen. Weniger unmittelbar: Dass ich selbst seit 25 Jahren als Dozentin und Leiterin von Schreibwerkstätten tätig bin, als Mentorin auch. (Meine erste Werkstatt habe ich, glaube ich, 2001 mit Jörg Piringer in Wien gegeben.) Dass für mich – nach dem eigenen Schreiben – das Arbeiten mit anderen Schreibenden zu den Tätigkeiten gehört, die mich am meisten erfüllen. Dass ich aus meiner Zeit in Wien (1999–2002) noch eine ganze Reihe von Dozierenden kenne, nicht als Dozierende zwar, aber als Autor:innen, mit ihren Texten.
Ulrike Ulrich liest am 11. April 2026 ab 19 Uhr aus ihrem aktuellen Roman “Zeit ihres Lebens” beim Literatursalon im BÖS-Atelier.