Nur die Laute der Vögel – Ursula Wiegele

Eine Rezen­sion von Roswitha Perfahl

Eine schmer­zende Hand verwehrt Luca, einem Gamben­spieler, die weitere Ausübung des Berufs. Medi­zi­nisch kann nichts nach­ge­wiesen werden. Die unmiss­ver­ständ­liche Reak­tion des Körpers veran­lasst den Prot­ago­nisten von Ursula Wiegeles neuem Roman, sich gezwun­ge­ner­maßen zurück­zu­ziehen – einschließ­lich totaler digi­taler Absti­nenz. Den Hand­y­akku lässt er beim Drehen eines Videos über Meeres­wellen leer­laufen, ohne Möglich­keit, diesen wieder aufzu­laden. Die fami­liären Verbin­dungen verschaffen ihm Unter­kunft in einer Grado idyl­lisch vorge­la­gerten Insel, die er alleine bewohnt, von einem alten Einhei­mi­schen, einem Freund der Familie, umsorgt. Der Alltag führt Luca zu einer Flamin­go­ko­lonie, in die öster­rei­chi­sche Geschichte der Insel Anfora und in die Pflan­zen­zucht. Wir erfahren, dass er als Kind sehr am Gärt­nern inter­es­siert war, was jetzt prak­tisch ist, da er selbst Gemüse und Kräuter auf der Insel zieht. In Rück­bli­cken und durch Besuche aus der Heimat erfährt die Leserin/der Leser die fami­liären Zusam­men­hänge, Geschicke und Schick­sals­schläge des Prot­ago­nisten. Dabei begegnen wir neben Luca wieder den Figuren aus dem Debüt­roman Ursula Wiegeles, „Cello, stromabwärts“.

Ursula Wiegele bleibt auch in ihrem sechsten Roman ihrem Stil treu. Leich­füßig nimmt sie sich der Figuren an, stellt keine aus, sondern gleitet mit ihnen durch einen Sommer in Italien. Sie findet poeti­sche Bilder „Wolken liegen im Fluss“ (S.79), „Die Dunkel­heit greift nach den Bäumen“ (S.139), „Die Klänge ziehen durch die Luft, legen sich auf alle Ober­flä­chen, sie löschen die Spuren und das Gerede der unge­be­tenen Gäste“ (S.136). Dabei kommt der feine Humor nicht zu kurz, der ganz nah an der Tragik liegt: „Gott habe meine Mutter schon sehr früh zu sich gerufen, hat einmal ein Nachbar gesagt …. Bald darauf holte mir der Ohren­arzt kleine Mura­no­glas­perlen aus den Gehör­gängen, mit einer langen Pinzette. Die Perlen hatte ich mir hinein­ge­stopft, damit ich die Stimme Gottes nicht höre. Falls er auch mich zu sich rufen würde.“ (S.19)
Wie nebenher fließen Erder­wär­mung und Klima­not­stand in den Text ein, als immer heißere Sommer, stei­gender Wasser­spiegel und immer später einset­zender Vogelzug.
Was es mit der Schwermut auf sich hat, und wie sie auf einer Bahn­hofs­sta­tion zurück­ge­lassen werden kann, müssen Sie selber nachlesen.

Große Empfeh­lung für diese Medi­ta­tion in Buchform.

 

Roswitha Perfahl, April 2026

Für die Rezen­sionen sind die jewei­ligen Verfasser:innen verantwortlich.

 

Ursula Wiegele: Nur die Laute der Vögel
Salz­burg: Otto Müller Verlag 2026
164 Seiten
24 EURO
ISBN 978–3‑7013–1341‑9

 

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