Das Schreiben macht uns alle zu besseren Menschen
Ein Interview mit Gertraud Klemm
Wer Angst habe, sei im Schreiben sicher gut aufgehoben, im Veröffentlichen eher nicht. Das sagt Gertraud Klemm im Vorfeld ihrer Lesung aus “Abschied vom Phallozän” beim Literatursalon im BÖS-Atelier.
BÖS: Wie verändert das Bekenntnis zum Feminismus die Art des Schreibens?
Gertraud Klemm: Es verändert die Art der Rezeption, was im schlimmsten Fall auf das Schreiben zurückfällt- in dem Sinne, dass um das Thema herumgeschrieben wird oder auf die publikumswirksame, vermarktbare Schiene des Feminismus hingeschrieben wird.
Sich zu einem Thema zu bekennen, ist vor allem in der literarischen Rezeption eher eine Gefahr. Wie alles andere auch ist der Feminismus ein Produkt auf einem Markt geworden. Das dürfen wir nie vergessen: der Markt lauert immer im Hintergrund.
Für mich war es alternativlos. Mich hat nie etwas anderes interessiert als das, was als feministisches Schreiben bezeichnet wird. Retrospektiv hat sich in meinem Fall das Dranbleibenmüssen am Thema bewährt, auch wenn es am Anfang wie ein Stigma angefühlt hat.
BÖS: Was rätst du jungen Autorinnen, die Angst vor Veröffentlichungen haben, weil sie einen Shitstorm befürchten?
Gertraud Klemm: Es ist gar nicht schwer, um riskante Themen herumzuschreiben, die thematischen Grenzen zwischen gefährlich und harmlos sind ziemlich eindeutig. Sehr viele Kolleg:innen wissen, wie man schreibt und nicht aneckt, und daran ist nichts auszusetzen. Die Frage, die sich stellt, ist ja nicht das wie, sondern das warum: warum schreibe ich? Wegen des Geldes? Bestimmt nicht. Wegen der Aufmerksamkeit? Schon eher. Von wem bekomme ich die, was bringt sie mir und zu welchem Preis kommt das alles?
Schreibe ich, um geliebt zu werden? Wenn ja – Kann ich bestimmen, wer mich liebt, wie lange will ich von wem geliebt werden, und wie werd ich die Liebe wieder los??
Oder schreibe ich wegen des Bedürfnisses, die Welt besser zu verstehen und sie mir selbst zu erklären? Wenn ja – ertrage ich, es mit einem Gegenüber aufzunehmen, das immer anonymer wird, das zunehmend despotischer wird, das ständig die Regeln ändern kann?
Kurz gesagt: wer Angst hat, ist im Schreiben sicher gut aufgehoben, im Veröffentlichen eher nicht. Diese Erkenntnis ist so alt wie das Schreiben selbst, fürchte ich.
BÖS: Du bist dem BÖS seit Jahren als Mitglied verbunden – welchen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft von heute können wir vom BÖS in Deinen Augen leisten?
Gertraud Klemm: Das Schreiben macht uns alle zu besseren Menschen, davon bin ich überzeugt. Der BÖS ermöglicht einen niederschwelligen Zugang dazu, der das Schreiben vom Geniekult und vom Elitären abgekoppelt vermittelt. Das allein unterscheidet ihn von so manchen anderen Schreibschulen. Auch die Offenheit gegenüber allen Disziplinen und Spielarten des Schreibens finde ich schön – der Zugang ist ergebnisoffen und nicht auf Publikationen, die unbedingt erfolgreich sein müssen, fixiert. Ich finde diesen Zugang zum Schreiben wohltuend, weil bedingungslos; schon überhaupt, weil er auch auf die Lehre ausgerichtet ist.
Der Literatursalon im BÖS-Atelier findet am 13. Juni 2026 statt. Beginn ist bei freiem Eintritt um 19 Uhr.
Foto: Andrea Peller
