Der boshafte Blick

Texte von Maria Aschen­wald, Beate Lotters­berger, Katha­rina Müller, Liliana Pepe-Espo­sito, Heike Pichler, Maria Seyr­lehner und Irene Wondratsch

MARIA ASCHENWALD

Fens­ter­putzen

Gibt es Schö­neres, als Fenster zu putzen? Wohl kaum. Es bietet mir die Gele­gen­heit, viel frische Luft zu atmen und mein Gleich­ge­wicht zu trai­nieren. Vor allem, wenn ich in den oberen Stock­werken – auf der Fens­ter­bank balan­cie­rend – noch den letzten Dreck­winkel im Fens­ter­kreuz erwi­schen will. Meine Hände lieben es, im warmen Schmutz­wasser zu baden. Am Schluss, wenn ich auch meine Ober­arme kräftig bewegt und damit gut durch­blutet habe, erfreut mich immer noch die eine oder andere Schliere, die nicht weichen wollte. Wenn dann erst die Sonne scheint – wunderbar, all die Streifen, die noch sichtbar sind! Wie Regen­bogen!
Natür­lich beneidet mich mein Mann um diese wunder­bare Tätig­keit, aber wie sehr er auch flehen mag, ich lasse ihn da nicht ran. Denn ich, nur ich sorge für den Durchblick!

 

BEATE LOTTERSBERGER

Ein Mädchen tanzt auf TikTok

Ein Mädchen tanzt auf TikTok ganz laut und kocht im Wok
Es trägt die neueste Mode in Purpur und empfiehlt uns eine Tinktur
Sag, wieviel Follower sie haben mag,
Wenn sie viele hat, kriegt sie einen Vertrag
Das tanzende Mädchen in Purpur
Lebt von ihrer Hochkonjunktur.

Reime

Wackel­pud­ding in Rot
Ist des Naschers Tod
Witwen­küsse sind da besser
Da über­lebt der Esser
Wind­beutel sind nichts für die Maus
Man findet diesen Gaumen­schmaus
Auch in der Wegwerf­windel
Vom kleinen Kindel
Und der Scho­komund
Tut den Dieb der Torte kund.

 

 

KATHARINA MÜLLER

Jetzt kommen dann wieder diese Feste …

Feste sind was für Schwätzer.
Da mach ich nicht mit. Je länger der Abend, umso lauter der Lärm.
Nichts für meine empfind­samen Ohren.
Rechts und links von mir jeder und jede hört sich selbst gern
und bringt die eigene Sicht der Dinge zum Besten.
Dazwi­schen auf dem Tisch das Rind oder Schwein,
das glück­lose Huhn oder eine andere Sauerei.
Öko ist Wurscht, Haupt­sache ein gefun­denes Fressen.
Sitz ich dann vor dem Teller mit Essen drapiert
will mich auf die Speise richten, beginnt die von links
zu reden über ihre Vergan­gen­heit,
was denn damals so speziell. « ich kann nicht hören, schreits in mir, kapiert!»
und nicke stumm, zu dumm an einem Fest zu schreien.
Da beginnt doch die von rechts und gleich­zeitig die vis à vis und……
ich verschluck mich am Huhn, wie noch nie!
Es ist, wie wenn ich die von recht und links und vis à vis mitessen will
und dann noch die Geschichte über ihn, das ist mir alles viel zu viel!
Zwei Münder haben die um mich,
können essen und schwatzen und verschlu­cken sich nicht.
Nur Ohren sehe ich keine, sind wohl gestöp­selt oder haben Beine.
So schreib ich meine Worte, dann bleiben sie bestehen,
während die Feste längst vorüber­gehen. 

 

LILIANA PEPE-ESPOSITO

Die Runzeln im Gesicht

Die Runzeln im Gesicht sind schon länger kein Indiz mehr für den Herbst des Lebens, der Einzug hält. Der Runzeln sind wir schon Herr geworden, wir Frauen.
Was also zeichnet uns noch aus, uns in den Herbst Gekom­mene?
Es sind ganz sicher nicht die Enkel­kinder auf unseren Schößen. Viel­leicht ist es die ergrau­ende Haar­pracht, die flachen und vor allem breiten Schuhe, die dem sich verän­dernden Zehen­stand eine neue, zukunfts­si­chere Heimat geben.
In den Herbst des Lebens Eintre­tende suchen nicht selten vergeb­lich die Packungs­bei­lage. Sie fragen Arzt und Apotheker auf der Suche nach Anlei­tung oder auch Beglei­tung. Beglei­tung zu finden, hast du nicht vorge­sorgt, gestaltet sich bisweilen schwie­riger als gewünscht.
Der goldene Herbst erscheint als graue Winter­zeit. Viele Falten­freie, dem schwa­chen Geschlecht ange­hö­rende, flüchten sich in den Winter­schlaf. Einige davon hoffen auf ihr altes Ideal­ge­wicht, andere auf bessere Zeiten. Alle werden enttäuscht.
Der Herbst des Lebens schert sich nicht um den Früh­lings­be­ginn. Streng genommen verzichtet er ab jetzt auf die Jahres­zei­ten­ab­löse.
Als betrof­fene Herbst­zeit­lose weiß ich Bescheid über die Natur der Dinge.
Sind es doch die schönen Dinge, die zu suchen ich aufge­for­dert bin. Der Wechsel der Jahres­zeiten hat den Wech­sel­be­schwerden groß­zügig Platz gemacht, was das Suchen auf weiter Strecke erschwert.
Keine Runzeln zu haben, ist kein Privileg, wie ich es auch drehen mag, es erscheint mir nicht in gutem Licht.
Die Farben des Herbstes bieten warme, sanfte, aber auch kräf­tige Töne.
Als Laub, durch das ich mit meinen bequemen Schuhe streife, kann ich sie sehen. Suche ich abseits der Blät­ter­haufen, wünschte ich, ich wäre eine Igelin.
Der Herbst des Lebens ist eine verän­de­rungs­schwan­gere Zeit. Dauer mehr als zehn Monate. Ausgang auf unge­wisse Weise gewiss.
Den Herbst meines Lebens färbe ich golden, stelle ich mir vor, während ich nachts wach liege und auf den Sonnen­auf­gang warte.

 

 HEIKE PICHLER

Braucht es noch Spezialisten?

Gesund­heit, Bildung, Hand­werk. Alle Bereiche des Lebens unter­liegen mitt­ler­weile der Verwis­sen­schaft­li­chung, ein Umstand der zum einen zu langen Warte­zeiten, zum anderen zu stei­genden Kosten führt. Und tief in die Tasche greift mal wieder der kleine Mann. Doch ist dies über­haupt noch notwendig und zeit­ge­recht? Hubert Krämer sagt nein und präsen­tiert seine Lösung.
„Da tippe ich ins Internet www.youtube.com und dort finde ich dann für alle Even­tua­li­täten die passenden Tuto­rials“, berichtet der Self-Made Chirurg und zeigt stolz seinen Sohn Theodor. „Zuerst habe ich ein Tuto­rial gesucht für Lama­haar­schnitt, wie es die jungen Burschen ja heute so haben und dann hab ich mir ein Tuto­rial gesucht zu Schnitt­ver­let­zungen selber nähen.“ Herr Krämer fährt dem jungen Burschen durch die Haare und weist dann auf die beinahe sauber genähte Naht am Ohr hin. „Kosten beim Friseur und lange Warte­zeiten im Kran­ken­haus – hab ich beides sparen können“, berichtet er.
Immer mehr Menschen greifen auf die gut anwend­bare Lern­platt­form zurück und die Hörsäle der Univer­si­täten leeren sich zuse­hends. „Mit so viel­sei­tigen Ange­boten und den simpli­fi­zierten Anwen­dungs­mög­lich­keiten können wir einfach nicht Schritt halten“, erklärt Herr Dr. Dr. Nimmer­voll aus dem Fach­be­reich der Mikro­bio­logie. „Warum auch soll noch jemand sechs Jahre Mikro­bio­logie studieren, wenn ich in einem Youtube Video in zwei Minuten zwanzig lerne, wie ich Corona mit Frost­schutz­mittel in Zaum halten kann?“ Resi­gniert nimmt er ein Stam­perl Frost­schutz­mittel und gurgelt. Er verweist noch auf die Univer­si­täts­in­ternen Umschu­lungs­an­ge­bote Youtubern für Dummies und Influen­cern leicht gemacht.

 

 

MARIA SEYRLEHNER

So eine Energie-Verschwendung!

Würden klimak­te­ri­sche Hitze­wal­lungen elek­tro­ni­sche Wellen schlagen, dann wären Meno­pausen-Frauen so begehrte Wesen, dass sich die Ener­gie­kon­zerne um sie rangeln.
Würden die Eier­stöcke und die Gebär­mutter für die jahr­zehn­te­lange Leis­tung, monat­lich frucht­bare Tage zur Verfü­gung zu stellen, ein Gehalt und einead­äquate Alters­pen­sion erhalten, die ihre oft frus­trie­renden Bemü­hungen aner­ken­nend entlohnen, dann müsste der Körper nicht so rebel­lisch auf deren plötz­liche Verwei­ge­rung reagieren und die ganze wallende Aufre­gung könnte fried­lich im Sand verlaufen.
Ande­rer­seits hätte dann aber Frau Wall-fang-Sing, eine findige Chinesin, nicht ihre raffi­nierte Idee zu folgender Strom­ge­win­nung gehabt:
In die Achsel geklemmt, sammelt ihr Gerät die begehrten goldenen Schweiß-Perlen auf, staut sie in einem kapil­laren System auf, leitet den erzeugten Druck an winzige Turbinen weiter und spei­chert die lukrierte Energie in einer Batterie.
In Form eines geschmeidig umhüllten Rohres kann diese Batterie platz­spa­rend zwischen die Vulva-Lippen posi­tio­niert und diversen Strom­ab­neh­mern zur Verfü­gung gestellt werden.Wenn Sie eine breit grin­sende und leise vor sich hin summende Frau beim Auto­fahren aus dem Fenster blicken sehen, dann fährt sie gerade im nach­hal­tigen Vibrator-Modus, der von der verkaufs­tüch­tigen Chinesin im Sinne von – all inclu­sive- voraus­schauend einge­baut wurde.
So geben klimak­te­ri­sche Frauen im allge­meinen Verkehr­strubel eine fried­li­ches Vorbild ab und tragen zu dessen Beru­hi­gung bei.

 

IRENE WONDRATSCH

Ein Leben

In der Jugend­gruppe
gab‘s oft Schleim­suppe,
manchmal Rote Grütze.
Man trug Zipfelmütze.

Ob Nebel­schweif, ob Stern­schnuppe,
ob Tag, ob Nacht,
ob schnell, ob in Zeit­lupe,
ob geweint, ob gelacht,
die Zeit ist kein Bume­rang.
Die Uhr tickt ein Leben lang.

Du fährst in der Eisen­bahn
und schaust aus dem Fenster,
dann siehst du Gespenster.
Am Styx wartet schon der Kahn.
Es winselt der Zerberus
Und somit ist wirk­lich Schluss.

Dramo­lett

Mama: Freust du dich schon auf die Schule?
Bub
:    Ich mag nicht in die Schule.
Mama
: Dort lernst du viele neue Freunde kennen.
Bub
:    Ich hab schon zwei. Und der Fabian kommt auch die Schule, das Arsch­loch.
Mama
: Das will ich nicht gehört haben. Von wem hast du denn dieses böse Wort?
Bub
:    Vom Papa.
Mama
: Nein!
Bub
:    Doch. Gestern im Auto hat der Papa das Fenster runter­ge­lassen und zu einem Fußgänger „Du Arsch­loch!“ geschrien.
Mama
: Wieso?
Bub
:    Der ist über die Kreu­zung gegangen, wie schon Rot war und der Papa noch abbiegen hat wollen.
Mama
: Na ja, das war wirk­lich ein Arsch­loch.
Bub
:    Ich mag nicht in die Schule zu den Arsch­lo­chen.
Mama
: Das heißt Arsch­lö­cher, und sprich nicht so ordinär!
Bub
:    Aber der Fabian ist ein …
Mama
: Was?
Bub:    … ein Arsch­loch
Mama: Na ja, es gibt halt Arsch­lö­cher, aber in der Schule lernst du viele schöne Sachen.
Bub:    Was?
Mama: Lesen, schreiben, rechnen …
Bub:    Aber ich kann schon lesen.
Mama: Aber schreiben.
Bub:    Ich hab doch meinen Mac.
Mama: Aber stell dir vor, der Mac stürzt eines Tages ab, was machst du dann?
Bub:    Dann schreibe ich nicht.
Mama: Aber rechnen. Dann kannst du zählen, wie viele Fische im Aqua­rium schwimmen.
Bub:    Lame, die blöden Fische.
Mama: Oder wie viele Matchbox Autos du hast.
Bub:    Wozu?
Mama: Damit du allen anderen sagen kannst, du hast mehr als sie.
Bub:    Aber wenn dann einer noch mehr hat?
Mama (kratzt sich am Kopf): Geh jetzt in dein Zimmer aufräumen!
Bub:    Muss ich dann nicht in die Schule gehen?
Mama: Du räumst jetzt sofort dein Zimmer auf!
Bub:    Wozu, wenn ich eh in der Schule bin?
Mama: Aber wenn du nach­hause kommst.
Bub:    Dann hast du ja schon aufge­räumt.
Mama (schreit): Geh jetzt, geh du kleines  Arschloch!

 

Die Texte sind im Rahmen des Schreib­work­shops “Der boshafte Blick – Ironie – Parodie – Satire” mit Britta Mühl­bauer entstanden.