Frauen im Ausnahmezustand

Ein kolla­bo­ra­tiver Text von Louise Kienzl, Eva Wachinger und Jasmin Gerstmayr

Aufga­ben­stel­lung 1:
Jede Teil­neh­merin entwirft einen Charakter/ Figur, der sich in einem Ausnah­me­zu­stand befindet und drei Ticks/Besonderheiten hat:

Maja: 35, Schwedin, aus Stock­holm, lebt jetzt in Wien, flachs­blond, drei schwarze Katzen, durch­lebt eine schwere Sinn­krise, wäre gerne mehr sie selbst. (Jasmin Gerstmayr)

Karen: 45, arbeitet auf See, hat gerade einen gewal­tigen Karrie­re­sprung gemacht und wurde zur Kapi­tänin eines Maersk-Fracht­schiffes ernannt, das zwischen Kopen­hagen und Grön­land pendelt. Macht dauernd Licht­schalter an und aus; wenn sie aufge­regt ist, kann sie den Satz nicht fertig spre­chen; abends müssen immer die letzten Worte, die sie an dem Tag hört, in ein Gedicht gegossen werden. (Louise Kienzl)

Malina: lebt in Genf, ihr wurde die Wohnung gekün­digt, weil das Gebäude gene­ral­sa­niert werden soll, doch sie findet keine freie Ersatz­woh­nung, hat Angst vor der Obdach­lo­sig­keit. Schwimmt jeden Tag eine Runde im See, auch im Januar; trägt immer knall­rote Stöckel­schuhe und eine rote Basken­mütze; isst leiden­schaft­lich gerne Mehl­speisen. (Eva Wachinger)

 

Aufga­ben­stel­lung 2:
Die Gruppe schreibt gemeinsam eine Geschichte, in der alle drei Figuren vorkommen:
Text­teil 1 Karen, Text­teil 2 Malina, Text­teil 3 Maja

Karen:
Ich gehe den Gang zur Messe hinunter. Bald wird es Essen geben. Ich betrachte die Licht­schalter, 8 sind es in diesem Gang. Ich habe sie gezählt. Ich habe alle Licht­schalter auf dem Schiff gezählt. Gestern war ein phan­tas­ti­scher Tag. Der erste Tag auf hoher See. Das Meer ruhig, die Strö­mung nicht zu stark, der Nebel hatte sich gelichtet und wir kamen gut voran. Auf der Brücke hatte ich die Kommandos ruhig gegeben, die Blicke des Steu­er­manns und der ersten Offi­zierin auf mir – kritisch aber durchaus wohl­wol­lend. Es hat sich also doch gelohnt die halbe Nacht an den ersten Sätzen zu üben. Bis zum Punkt. Immer den ganzen Satz bis zum Punkt spre­chen. Abends hatten auch die letzten Seemöven abge­dreht. Jetzt, und für die nächsten Tage, waren es nur ich, das Schiff, die Mann­schaft – ach ja, und dann noch die 2 Kabi­nen­gäste. Eine Frau aus Genf und eine Schwedin, die aktuell, wenn ich mich richtig erin­nere, in Wien lebt.

Malina:
Ich hatte die Nase so voll von dieser Wohnungs­ge­schichte zuhause, von der Kündi­gung und der völlig ergeb­nis­losen Suche nach einer neuen Bleibe. Da habe ich das getan, was ich leider viel zu oft tue, nämlich ich bin geflohen. Habe eine Reise gebucht. Eine Reise auf einem Fracht­schiff. Es war noch ein Platz frei für die Fahrt von Kopen­hagen nach Grön­land, und den habe ich gleich reser­viert. Nun sind wir schon einige Tage unter­wegs. An Bord ist ausser mir nur noch ein anderer Passa­gier, eine junge Frau aus Stock­holm. Sehr schweigsam und melan­cho­lisch ist sie, aber die Matrosen sehen ihr alle sehn­süchtig nach, wenn sie über das Deck geht.

Der Kapitän ist eine Kapi­tänin. Eine Frau. Das gefällt mir. Die Frau gefällt mir, auch wenn sie ein Problem mit Licht­schal­tern zu haben scheint. Sie lässt gerne ihre Sätze zum Ende hin offen – eigent­lich über­ra­schend für jemanden, der Befehle geben muss.

Das Essen ist übri­gens gut. Seit ich dem Koch verraten habe, wie man anstän­dige Maril­len­knödel macht, gab es das schon zweimal zum Nach­tisch. Da wurde selbst die trau­rige Schwedin mal kurz richtig fröh­lich. Nur das Schwimmen im See fehlt mir, über­haupt fehlt mir die Bewegung.

Maja:
Eigent­lich bin ich mir gar nicht sicher, ob ich diese Reise wirk­lich machen möchte. Schiffe können schließ­lich jeder­zeit unter­gehen. Ich trau denen einfach nicht. Aller­dings ist es jetzt eh schon zu spät, wir sind bereits in See gesto­chen. Hadern bringt nix mehr. Ich bin froh, dass ich Malina kennen­ge­lernt habe. Ich glaube, sie ist auch gerade in einer Krise. Aller­dings in einer exis­ten­zi­ellen: die Arme ist auf Wohnungs­suche und das ist in ihrer Stadt wohl echt schwierig. Das hat sie mir gestern beim Abend­essen erzählt. Ich würde ihr voll gern helfen. Ich hoffe, das hat sie gespürt. Ich bin nämlich mal wieder so kühl und sach­lich gewesen, wie ich das gar nicht mag an mir.

Lustig ist, dass sogar die Kapi­tänin beim Abend­essen dabei war. Sie hat aller­dings keine Haupt­speise gegessen, sondern ist gleich zum Dessert­buffet gegangen. Soweit ich das mitge­kriegt habe, hat sie tatsäch­lich drei von den Maril­len­küch­lein genommen. Ich bin nämlich fast in sie rein­ge­rannt, als ich schnell noch Erdäp­fel­salat holen wollte. So pein­lich… Die wird sich was denken. Ich hab sie dann noch unauf­fällig beim Essen beob­achtet. Ich wollte einfach sehen, wie sie so drauf ist. Sie wirkte echt fröh­lich. Ihre Augen voll am Glit­zern… Ich hab wegschauen müssen. Ich möchte keine neidige Person sein, aber irgendwie bin ich’s halt trotzdem.

 

Der Text ist im Schreib­work­shop “Schreiben in Zeiten des Umbruchs” mit Claudia Dabringer entstanden.