Lite­ra­risch Soli­da­risch. Perspek­tiven auf einen neuen Lite­ra­tur­be­trieb – Hatice Açikgöz (Hg.)

Eine Rezen­sion von Barbara Rieger

Wie können wir den Lite­ra­tur­be­trieb gemeinsam soli­da­ri­scher gestalten?

In den Beiträgen der acht­zehn von Hatice Açikgöz einge­la­denen Autor:innen – die bereits im gleich­na­migen, seit 2023 bestehenden Podcast zu Gast waren – werden margi­na­li­sierte Posi­tionen inner­halb des Lite­ra­tur­be­triebs ins Zentrum gerückt und Möglich­keiten eines soli­da­ri­scheren Mitein­an­ders ausgelotet.

Der Lite­ra­tur­be­trieb ist, so formu­liert es Mareice Kaiser tref­fend in ihrem Beitrag, ein System, in dem es „am Ende auch und vor allem um Geld geht“ (S.30), außerdem ein stark auf Konkur­renz basie­rendes System. Ein System, in dem selbst erfolg­reiche Frauen, wie Mareike Fall­wickl darlegt, nicht in den Kanon aufge­nommen, sondern vergessen wurden und werden. Ein System zudem, in dem Personen, die beispiels­weise nicht mit Büchern aufge­wachsen sind, Personen, die eine Behin­de­rung haben, die unter chro­ni­schen Krank­heiten wie etwa einer Depres­sion leiden, die Care-Arbeit leisten müssen oder deren Iden­tität oder Themen zu wenig taug­lich für den Main­stream scheinen, benach­tei­ligt sind.

So erläu­tert Sarah Berger in einer drama­ti­schen Ausein­an­der­set­zung mit sich selbst, dass die Werke jüdi­scher Autor:innen nicht als Teil allge­meiner lite­ra­ri­scher Strö­mungen betrachtet werden. Ozan Zaka­riya Kesk­inkiliç beschreibt nicht nur seine doppelten Diskri­mi­nie­rungs­er­fah­rungen als queerer Muslim, sondern weist auch auf die lite­ra­ri­schen Quali­täten des Korans hin. Linus Giese setzt sich unter anderem mit der Frage ausein­ander, ob es sich bei Büchern rund um Queer­ness ledig­lich um ein Trend­thema handelt. (Nein)

Der Beitrag der Buch­blog­gerin Seda Calis­ka­noglu geht der Frage nach, wie soli­da­ri­sches Lesen und Bespre­chen von Büchern aussehen könnte, Maryam Aras weist auf die tenden­ziell homo­gene und bildungs­bür­ger­lich-weiße Zusam­men­set­zung von Jurys und deren Folgen hin. Lite­ra­ri­sche Veran­stal­tungen werden von Ayna Stei­ger­wald in Hinblick auf ihre soli­da­ri­sche Funk­tion beleuchtet.

Betiel Berhe macht auf die mate­ri­elle Dimen­sion des Buches aufmerksam und erzählt von Arbeits­be­din­gungen in einer Druckerei. Ihre „Szenen aus dem Leben einer Schwarzen Autorin“ sind viel mehr als persön­liche Anek­doten: „In ihnen wird eine kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schafts­struktur sichtbar, deren Grund­be­din­gungen Rassismus und Klas­sen­ver­hält­nisse sind.“ (S. 100)

Zu Sexismus, Ableismus, Rassismus, Queer­feind­lich­keit, Klas­sismus, Ageismus und Anti­se­mi­tismus, die unsere Gesell­schaft und somit auch den Lite­ra­tur­be­trieb prägen, kommt, wie Maline Kotetzki anmerkt, noch die Einsam­keit, die mit dem nach wie vor prägenden Klischee­bild von Schrei­benden zusam­men­hängt: „Das Genie – männ­lich, weiß, nicht-behin­dert, steht allein auf dem Gipfel, umgeben von einem bewun­derten Publikum.“ (S.184)

Auch wenn sich die Verhält­nisse nicht von heute auf morgen ändern lassen, so ist es doch sinn­voll, dies zu versu­chen. Schließ­lich brächten wir uns sonst um die Möglich­keit, diverse Stimmen zu hören und neue, andere Perspek­tiven einzu­nehmen. Und das ist schließ­lich die größte Stärke der Lite­ratur. So steht als vorletzter Beitrag ein utopi­scher Text einer soli­da­ri­schen Gesell­schaft. Anstelle eines Nach­worts findet sich eine Liste mit Tipps, wie wir als Akteur:innen des Lite­ra­tur­be­triebs in Rich­tung einer solchen gehen können.

Ein Buch also, das alle, die mit Lite­ratur zu tun haben und sei es nur als Leser:innen, durch­ar­beiten und als Anstoß für Refle­xion der eigenen Praxis und für Verän­de­rung nehmen sollten.

 

Barbara Rieger, Oktober 2026

Für die Rezen­sionen sind die jewei­ligen Verfasser:innen verantwortlich.

 

Hatice Açikgöz (Hrsg.):  Lite­ra­risch Soli­da­risch
Perspek­tiven auf einen neuen Lite­ra­tur­be­trieb
Mit Beiträgen von Jose­phine Apraku, Maryam Aras, Sarah Berger, Betiel Berhe, Dara Brexen­dorf, Seda Çalış­ka­noğlu, Özlem Özgül Dündar, Mareike Fall­wickl, Chris­tiane Froh­mann, Heike Geißler, Linus Giese, Mareice Kaiser, Ozan Zaka­riya Kesk­in­kılıç, Maline Kotetzki, Hami Nguyen, Andrea Schöne und Ayna Stei­ger­wald.
Berlin: Verbre­cher Verlag 2026
200 Seiten
20 EUR
ISBN: 9783957326485

 

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