Marti­ni­loben – Marlen Scha­chinger

Eine Buch­re­zen­sion von  Barbara Rieger

Marlen Scha­chinger schreibt sich mit diesem Roman an der Gegen­wart entlang, in der sich in einem fiktiven Dorf B., unweit der Haupt­stadt (Öster­reichs), gleich mehrere Dramen ereignen.

Die Gegen­wart, das ist die soge­nannte Flücht­lings­krise, die in Öster­reich vor allem ab dem Sommer 2015 sicht- und spürbar wurde. Die Gegen­wart, das sind terro­ris­ti­sche Anschläge, die vermehrt auch euro­päi­sche Städte treffen. Sie ist gezeichnet vom Wachsen der Angst und des Unbe­ha­gens in der Bevöl­ke­rung und vom aufflam­menden Hass gegen die Fremden und auf jene, die die Fremden will­kommen heißen.

Prot­ago­nistin Mona ist selbst eine Fremde im Dorf B. Die „Frau Professor“ pendelt in die Haupt­stadt, wo sie am Institut für Philo­so­phie lehrt. Im Dorf kümmerte sie sich um die dort unter­ge­brachten Flücht­linge, auf den Zugfahrten verfasst sie provo­kante Essays zur aktu­ellen Lage. Letz­teres durchaus auch für ihren Freund Emil, der gerade seine Stelle und damit auch seine Lust auf Mona und die Bezie­hung verloren hat. Im alten Hof, den sie gemeinsam bewohnen, fühlt Mona sich dennoch zuhause und sicher.
Zu Beginn sind es auch „nur“ Droh­briefe, die sie erhält und die sie in einer Schub­lade ihres Schreib­ti­sches stapelt. Doch ab dem Zeit­punkt, zu dem die neue Nach­barin Daniela im Hof ein- und auszu­gehen beginnt, wird die Bedro­hung zuneh­mend diffuser und bringt Mona an ihre Grenzen. Nicht nur Emil macht sich aus dem Staub, auch der Kater verschwindet. Ein ehema­liger und ein Möch­te­gern-Lieb­haber machen ihr zu schaffen. Bald hängen Monas Job und ihre Gesund­heit an seidenen Fäden.
Gleich­zeitig nehmen Angst, Gewalt und Gegen­ge­walt im gesamten Land zu. So auch im Dorf B., das sich nichts desto trotz für das alljähr­liche „Marti­ni­loben“ heraus­putzt. Die einzige Person, die Mona unei­gen­nützig zur Seite steht, ist die geflüch­tete Salma. Mit ihrer kleinen Tochter Rana zieht sie aus dem Asyl­quar­tier aus und bei Mona ein. Und schließ­lich ist sie es, die am Tag des Marti­ni­lo­bens zum Opfer wird.

Gesäumt von zwei Prologen, einem Epilog und einem Nach­wort entfaltet sich die komplexe Hand­lung des Romans auf 500 Seiten. Neben zahl­rei­chen Dialogen, inneren Mono­logen und Essays finden sich auch Ausschnitte eines Krimis, den die Prot­ago­nistin liest. So vermi­schen sich Realität und Fiktion auf mehreren Ebenen, so steuert das Poli­ti­sche wie das Private unwei­ger­lich auf seinen tragi­schen Höhe­punkt hin.

Span­nend, schreck­lich, kunst­voll. Eine Dystopie? Das bleibt zu hoffen!

 

Barbara Rieger, 2016

Für die Rezen­sionen sind die jewei­ligen Verfas­se­rInnen verant­wort­lich.

 

Marlene Scha­chinger: Marti­ni­loben
Wien: Septime Verlag, 2016
504 Seiten

EUR 24,00

ISBN: 978–3902711588