Stille Scham – Regina Schlager

Eine Rezen­sion von Ange­lika Moser

Eine Wand aus Scham, Schuld und Schweigen …

Regina Schlager widmet „Stille Scham“ „alle[n] Frauen, die in KZ-Bordellen sexu­elle Zwangs­ar­beit leisten mussten“ (S. 5) und bringt Licht in ein zeit­ge­schicht­li­ches Thema, das der Öffent­lich­keit nur wenig bekannt ist – auch aufgrund der Tatsache, dass die betrof­fenen Frauen, zumeist soge­nannte „Asoziale“, lange nicht als Opfer quali­fi­ziert wurden und somit keinen Anspruch auf Entschä­di­gung hatten.

Die Autorin verbindet in ihrer Geschichte, auch dank der fundierten Recher­chen und Gespräche mit Exper­tInnen, Fiktio­na­lität und natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Gescheh­nisse – und zwar in einer Art und Weise, dass die Leser:innen denken: Genau so könnte es statt­ge­funden haben. Inter­es­santes Detail: Im Schreib­pro­zess war die Autorin eng im Dialog mit den Figuren und hat sogar eine syste­mi­sche Aufstel­lung mit ihnen gemacht (frei zitiert nach Schlager bei der Online-Buch­prä­sen­ta­tion am 26. Mai 2026).

Katrin, Lektorin mit etli­chen Baustellen im Privat- und Berufs­leben, lebt auf dem Wolfers­berg im Westen Wiens im Haus ihrer verstor­benen Eltern, das, wie sich heraus­stellen wird, seine eigene dunkle Geschichte hat. Ihre Groß­mutter Luisa geht auf die 100 zu und Katrin spürt, dass da noch irgend­etwas ist, das sie loswerden möchte und das sie nicht mit ins Grab nehmen kann. Der Ausbruch des Ukraine-Krieges scheint etwas in ihr aufge­wir­belt zu haben. Verun­si­chert, fein­fühlig und kreativ nähern sich Katrin und Luisa der Wahr­heit an. Auch Katrin sieht sich etli­chen Heraus­for­de­rungen in Bezug auf ihre Fami­li­en­ge­schichte gegen­über. Später wird Katrin die Geschichte ihrer Groß­mutter, die auch sie selbst betrifft, nieder­schreiben, denn der Faden soll nicht bei ihr abreißen (vgl. S. 7).

Stille Scham“ erzählt von zwei starken Frauen, die sich ihrer Vergan­gen­heit stellen und die Wand des Schwei­gens durch­bre­chen, sich auf die Verletz­lich­keit und die wider­sprüch­li­chen Gefühle, die damit einher­gehen, einlassen. „Es war so nahe. Nicht bloß eine Doku­men­ta­tion im Fern­sehen. Nicht mehr nur Dinge, die fremden Leuten passiert waren.“ (S. 67) Ein beson­deres Ritual wird für beide sehr heilsam.

Neben dem fiktiven Schicksal von Luisa erfahren die Lese­rInnen auch viel über histo­ri­sche Fakten und den langen Weg der Aner­ken­nung, den die betrof­fenen Frauen hinter sich haben. Marlen Haus­hofer, deren Buch „Die Wand“ Katrin physisch und meta­pho­risch begleitet, war der Meinung, dass jedes Leben schluss­end­lich verge­bens gewesen sei. Lange hätte Katrin dem zuge­stimmt, doch jetzt nicht mehr. „Wir sind mitein­ander verwoben wie in einem Netz. Keine verein­zelten Punkte auf der Erde, im Universum, die nichts zählen. Jedes Leben zählt. Jedes Erlebnis zählt.“ (S. 270) Ein einfühl­sames, berüh­rendes und vor allem wich­tiges Buch.

Die in Wien gebo­rene Regina Schlager, Schreib­päd­agogin, Autorin und syste­mi­sche Coachin, lebt seit 2011 in Zürich. Wie es sich als Wienerin in der Schweiz lebt, erzählt sie in ihren Kolumnen auf ihrer Website. „Stille Scham“ ist ihr Debüt­roman, mit einem Nach­wort von Brigitte Halb­mayr und einem kurzen Glossar öster­rei­chi­scher Ausdrücke.

 

Ange­lika Moser, August 2026

Für die Rezen­sionen sind die jewei­ligen Verfasser:innen verantwortlich.

 

Regina Schlager: Stille Scham
Hamburg: BoD – Books on Demand 2026
288 Seiten
16,50 EUR
ISBN 978–3‑6957–1754‑5

 

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