Wie eine Land­schaft aus dem Jahre Schnee – Petra Gangl­bauer

Eine Buch­re­zen­sion von Erika Kronabitter

In ihrem neuen Band „Wie eine Land­schaft aus dem Jahre Schnee“ macht die in Wien und Burgen­land lebende Schrift­stel­lerin die Veror­tung der Orte zum Thema. Petra Gangl­bauer, selbst an mehreren Orten verortet, beschreibt in ihren avan­cierten Pros­ami­nia­turen sozu­sagen den „Ort, und an diesem, dort“ (9mal) ebenso wie den „Ort, und am anderen, dort“ (14mal). Hinzu fügt die Autorin noch die Paral­le­lität: „Ort, parallel“ (13mal) – hier aller­dings entsteht das Span­nungs­feld einer Doppel­ver­or­tung: die Paral­le­lität der Exis­tenz von Orten (hier und dort) sowie die Paral­le­lität der Zeit – jedoch in einer Gegen­läu­fig­keit, die unsere Zeit­rech­nung sabo­tiert: „…damals, in der Zukunft“.

Ort, parallel, und ich stehe am Abgrund, damals, in der Zukunft“, das ist die Unbän­dig­keit der Natur, das Knospen, Blühen, Grünen, der Berg, ein Magnet aus Kalk, das Myste­rium des Wach­sens ein Sog und ein Raunen, wobei „Ort, parallel“ auch mit dem Impetus des Reli­giösen gelesen werden kann: Der Geist, das Welt­ver­spre­chen sind hier verortet, die „große Höhe der Seele“. Die Natur bricht immer wieder durch, über­wu­chert das Menschen­ge­machte. Über­wu­chert alles, auch den Ort, „am anderen, dort“. Dort nämlich, dort herrscht Krieg, brechen die Häuser ausein­ander, Panzer­spuren, die Meute schürt die Brand­nester. An den anderen Orten herrscht immer derselbe Krieg, „stürzen sie blutend zu Boden, in die Luft gejagt, auf den einen Himmel zu“, die Kleinsten und die Mütter, die Körper über Stock und Stein, Schüsse im rast­losen Gewirr.

Kursiv geschrie­bene Passagen beschreiben die omni­prä­sente Medi­en­welt. Wir sitzen am „Ort, an diesem dort“, an den Bild­schirmen, sitzen hinter Groß­for­maten oder Smart­phones und inha­lieren die Kriege aus dem anderen Ort in Form portio­nierter Massaker. Die Durch­sagen im TV, im Rund­funk werden stünd­lich wieder­holt, ein stän­diges Wieder­holen von ein- und demselben. Neu aufbe­rei­tete Wirk­lich­keits­stücke aus der Wirk­lich­keit gerissen, in andere Wirk­lich­keiten, in unsere Wohn­zimmer, trans­fe­riert und medien/wählerwirksam aufbe­reitet. Von Poli­ti­kern für die eigenen Zwecke umge­deutet und miss­braucht. Hier, an diesem Ort wächst die Angst. Mit mani­pu­la­tiven Nach­rich­ten­häpp­chen wird die Angst gezüchtet, „eine hämi­sche Angst und der Angriff gegen alles, was vor der Haut beginnt und anders riecht“. Wenn die Angst groß genug wird, setzt eine meuten­ähn­liche Kläf­fer­runde ein, der Wort­schatz bröckelt, der Sprach­ver­ro­hung sind Tür und Tor geöffnet.

Durch die colla­gen­ar­tige Text­ver­zah­nung erzeugt Petra Gangl­bauer ein Span­nungs­feld von Ort und Zeit, von intimer Innen- und distan­zierter Welt­sicht. Hier bleiben keine Bilder, hier bleibt das Entsetzen ob der Verro­hung, eine Verro­hung, an diesem und am anderen Ort. Die Texte sind keine Versuchs­an­ord­nung, sondern präzise Wort­set­zungen, diffe­ren­zierter sprach­li­cher Wort­schatz: Gangl­bauers Kurz­prosa resul­tiert aus dem scharfen Blick, der Fähig­keit der überaus wachen Aufmerk­sam­keit, welche die Lese­rInnen fordert, das soeben Gele­sene noch einmal zu lesen und noch einmal in den gesamten Kontext der Veror­tungen zu denken.

Für die Lese­rInnen kann man sich nur wünschen, dass der Verleger der Biblio­thek der Provinz auch genü­gend Geld für die Bewer­bung in die Hand nimmt, um diese span­nende Lektüre dorthin zu verbreiten, wohin sie gehört: In den gesamten deutsch­spra­chigen und inter­na­tio­nalen Raum – mit entspre­chenden Über­set­zungen.

 

Erika Kronabitter, 2017

Für die Rezen­sionen sind die jewei­ligen Verfas­se­rInnen verant­wort­lich.

 

Petra Gangl­bauer: Wie eine Land­schaft aus dem Jahre Schnee
Bilder von Gabriele Quase­barth
Weitra: Biblio­thek der Provinz, 2017
54 Seiten
EUR 10,00
ISBN: 978–3-99028–681-4