Warum lesen Sie Rezensionen?
Ein Text mit Cornelia Stahl
Literarische Besprechungen tragen bisweilen zu Kaufentscheidungen bei. Wer selbst Rezensionen verfasst, orientiert sich an Eckpunkten, die in jedem Medium variieren.
Lesen und Schreiben stehen in enger Wechselwirkung zueinander. Durch das Lesen von Besprechungen aktueller Bücher stosse ich regelmäßig auf literarische Neuigkeiten, die ich bisweilen auf meine Leseliste setze. Im Laufe der Zeit sammelt sich ein Fundus von Neuerscheinungen an, die ich mir vormerke, um sie im Laufe des Jahres zu lesen. Manchmal wird die Rezeption eines Werkes zum Ausgangspunkt eigener Schreibprojekte.
Die Vielzahl an jährlichen Neuerscheinungen verunmöglicht es jedoch dem Laien, den Buchmarkt auch nur annähernd zu überblicken. Hilfreich sind dann manchmal die Veranstaltungsprogramme der Literaturhäuser, die literarische Neuerscheinungen und Themen, mit denen sich Autoren und Autorinnen sprachlich auseinandersetzen, präsentieren. Alle Veranstaltungen zu besuchen, ist aus Zeitgründen begrenzt, ebenso das Lesen aller Veröffentlichungen. Wie kann man also der Fülle an Literatur Herr werden und ein geeignetes Buch auswählen? Und welchen Beitrag leisten Rezensionen, um sprichwörtlich genommen ein gewisses Licht am Ende des Tunnels zu erkennen?
Zunächst möchte ich anmerken, dass Literatur wie auch Rezensionen sehr individuell rezipiert werden. Beim Lesen lasse ich mich gern überraschen. Eine Besprechung muss Neugierde wecken, muss mich in den Text hineinziehen. Ich möchte etwas erfahren über die Protagonist:innen und die Konflikte und Probleme, denen sie ausgesetzt sind und mit denen sie ringen. Aus welcher Perspektive wird der Roman erzählt und in welcher Zeit spielt er? Welche Themen werden im Roman aufgegriffen? All das entscheidet über mein Interesse und eine mögliche Notiz auf meiner Leseliste.
Die Vorlieben und Interessen variieren bei den jeweiligen Lese:innen. Die Vielfalt der literarischen (und wissenschaftlichen) Neuerscheinungen spiegeln indirekt die vielfältigen Interessen der Leser:innenschaft. Um aus meiner Komfortzone zu gelangen, wähle ich auch gern Bücher aus, die mich dazu anregen, mich mit anderen als meinen Lieblingsthemen auseinandersetzen.
Wonach bemisst sich die Qualität einer Rezension?
Schlechte Rezensionen sind daran erkennbar, dass sie den gesamten Handlungsablauf nacherzählen, und auch das Ende nicht aussparen. Über die Inhaltliche Komponente hinaus interessiert die Leser:innen die sprachliche Bearbeitung des Themas:
Aus welcher Perspektive wird erzählt? Wie liest sich der Text? Gibt es Leerstellen? Dient die sprachliche Gestaltung des Textes dazu, eine Nähe zu den Protagonist:innen herzustellen? Ermöglicht die Sprache, Bilder und Szenen lebendig werden zu lassen?
Wie wichtig die gezielte Verwendung von Sprache ist, wurde mir nochmals während meiner aktuellen Lektüre, „Die Geschichten in uns“ von Benedict Wells, in Erinnerung gerufen.
Denkbar sind Verweis auf geliehene Stimmen. Werden Texte anderer Autoren/Autorinnen geliehen, aufgegriffen und mit ihnen weitergearbeitet? Ist die sprachliche Nähe zu arrivierten literarischen Stimmen im Text, etwa zu Annie Ernaux, Elfriede Jelinek, H.C. Artmann und anderen erkennbar? Fragen nach der sprachlichen Leuchtkraft sind für mich sehr wesentlich. Sowie Fragen der Gestaltung. Wie schafft es der Autor/die Autorin, das Thema sprachlich lebendig zu erzählen? Knüpft der Autor/die Autorin an bisherige Veröffentlichungen an?
Am Ende bleibt die Frage nach der Zielgruppe: An wen könnte sich das Buch wenden?
Was ich manchmal vermisse, sind kurze biografische Informationen über den Autor bzw. die Autorin. Diese gehören meiner Meinung nach zu einer gelungenen Besprechung dazu.
Der ONLINE-Schreibworkshop “Rezensionen schreiben” mit Cornelia Stahl findet am 11. Januar 2026 statt. Anmeldungen an office@boesmail.at