Lyrik aus Salz­burg im BÖS-Atelier

Ein Bericht von Tobias March

Am 23. Februar 2026 trafen sich Lyrik­be­geis­terte im BÖS-Atelier, um den Lesungen der beiden Salz­burger Autoren Fritz Popp und Chris­toph Janacs zu lauschen. Die Autoren präsen­tierten ihre letz­ter­schie­nenen Lyrik­werke, die beide 2025 in der Edition Tandem in Salz­burg erschienen sind. Es mode­rierte Bettina Balàka.

Den Anfang des Lesungs­abends machte Fritz Popp. Der Autor wurde 1957 in Vöck­la­bruck geboren und lebt in Salz­burg sowie in Schwar­zen­berg am Böhmer­wald. Der Gedicht­band, den Popp präsen­tierte, ist in vier Kapitel aufge­teilt: „Mitten­drin“, „Schat­ten­theater“, „Kein Fest­land“ und „Der Narr auf meinem Selfie“.
Mit „Kein Fest­land. Nirgends“ ist ihm ein Gedicht­band gelungen, der an Aktua­lität nicht verliert. So heißt es etwa im titel­ge­benden Gedicht: „Kein Fest­land. Nirgends“: „Die Toten werden den Träu­menden / kleine Stäb­chen und löch­rige Schwimm­westen zu / für die Über­fahrt zu ihnen / reicht das allemal / denn es gibt kein Fest­land / mehr zu errei­chen / nur ein Traum­land / zum Versinken / für die kurze Zeit / vor dem Unter­gang“.
In „Mitten­drin“ wird der tosende Sturm nahe des Hauses zur großen Gefahr: „Schneisen Wind­wurf Totholz / und du mitten­drin / Vier­jah­res­zeiten-Kata­stro­phen / Panik-Saison am Beginn / Notstand­ge­biet mit Aussicht / auf Sturm­flut und Flächen­brand / Alarm und keine Entwar­nung – dein Dauer­zu­stand…
In seinem letzten Kapitel spielt das digi­tale Jenseits eine Rolle. Dieses Kapitel sei sehr in der Gegen­wart ange­sie­delt, wie Mode­ra­torin Bettina Balàka anmerkte. Viele moderne Gegen­warts­wörter würden in „Der Narr auf meinem Selfie“ vorkommen. Zur Entste­hungs­ge­schichte des Gedichts erzählte der Autor eine Anek­dote aus einem Venedig-Aufent­halt. Auf dem Markus­platz hätten Touristen ein Selfie gemacht, aber bewusst furchtbar schreck­liche Grimassen gezogen und die Zungen raus­ge­streckt. Diese Absur­dität goss er in ein Gedicht. „Gedichte sind für mich nicht planbar“, meinte der Lyriker. Und weiter: „Lyrik ist für mich ein Kondensat. Wie beim Suppen­ko­chen ein Maggi-Würfel, der sich dann im Wasser auflöst und ausbreitet, so ist Lyrik für mich.

Der zweite Lesende des Abends war Chris­toph Janacs. Der gebür­tige Ober­ös­ter­rei­cher lebt in Niederalm bei Salz­burg und veröf­fent­lichte bislang zwei Romane, acht Erzähl­bände und zwanzig Gedicht­samm­lungen. Er las aus „Höllen und Wunder. Unwir­sche Texte.“
Der erste Text „heimatlos“ ist ihm ganz wichtig, war in seiner Vergan­gen­heit iden­ti­täts­bil­dend und er las direkt aus ihm: ich habe meine Heimat im Verdacht, daß es sie nie gegeben hat. schon als Kind fragte ich mich beim Absingen der Landes­hymne: gehören die Schlote der Schwer­indus­trie meiner Heimat- oder besser: Geburts­stadt auch dazu, auch wenn sie nirgendwo erwähnt werden? und was ist mit dem Smog und seinen Ausdüns­tungen, der uns jeden Herbst heim­suchte und das Atmen verwan­delte in Husten­krämpfe? über­haupt die Krämpfe: bei jedem der zahl­rei­chen Aufmär­sche, die an unserer Wohnung vorbei­zogen – die einen mit dem Gena­gelten voran, die andern mit roten Fahnen und nett gestickten Hand­werk­zeugen darauf und alle im Zugleichschritt‑, befiel mich ein Lach­krampf, der erst sein Ende fand durch Vaters züch­tende Hand.“ (S. 5)
Janacs hat seinen Gedicht­band in fünf Kapitel unter­teilt. In A.E.I.O.U.“ kommt seine Liebe für versteckte und verdrehte Zitate in seinen Texten hervor: „Jenkins hat sich über den Mangel an Vokalen beschwert, schrieb eine Freundin im Geiste vor langer Zeit. das habe ich nicht verstanden, bis heute nicht. mir sind schon die fünf Finger einer Hand genug, mehr als genug. ich zähle lieber bis drei, was darüber hinaus­geht, wird mir schnell zu viel. zu viel sind aber auch schon drei: ständig flat­tert die Taube vorbei, verziert seit neuestem die falschen Fahnen…“ (S. 13) Zitate von Ilse Aichinger, Dante Alighieri, Samuel Beckett, Steven Demetre Gergiou und viele mehr kämen in den Gedichten vor, wie Balàka im Werk­statt­ge­spräch anmerkte.
Konse­quent fehlen die Satz­end­zei­chen am Ende der Absätze. Damit ist eine Weiter­füh­rung, ein Schwe­be­zu­stand, ein Weiter­leiten im Text inten­diert und ein Nie-abgeschlossen-sein.

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