Sansibar. Erkundungen eines Paradieses – Karin Ivancsics
Eine Rezension von Angelika Moser
Sansibar … ein Name wie ein Gedicht. Gedanken an endlose Sandstrände, türkisblaues Meer und sorglose Urlaubstage, in denen der einzige „Lärm“ das Zirpen der Grillen ist. Ein Paradies par excellence. Postkartenmotive im Inselformat. Doch wie viel weiß man eigentlich von dieser kleinen Insel im Indischen Ozean, die rund 60 Kilometer vor der Küste Tansanias liegt (außer vielleicht, dass Freddie Mercury hier geboren wurde)? Karin Ivancsics hat sich als mzungu – was so viel wie „Weiße/r“ bedeutet – achtmal (2017–2025) auf die Reise nach Sansibar gemacht und alles andere als einen Reiseführer geschrieben.
Die Autorin trifft auf viele spannende Persönlichkeit und so machen die Leser:innen unter anderem Bekanntschaft mit der arabischen Prinzessin Salme, die 1866 einen deutschen Kaufmann heiratete und fortan als Schriftstellerin und Lehrerin in Deutschland lebte und nach dem frühen Tod des Ehemannes mehr als eine Heimat verlor. Zwei Welten, die aufeinanderprallen. Genauso, wenn Ivancsics von ihren Erkundungen wieder auf dem Boden der Realität, sprich Wien landet: „Und nun alles wie unter einer Glocke. Kein Flüstern der Bäume, kein Singen der Palmen, tagsüber abwechselnd Waschmaschine und Geschirrspüler im Einsatz“ (Seite 18). Menschen, die von einem Ort zum anderen hetzen und hoffen, mit einem Inselurlaub noch einmal einem Burn-out davonzukommen. Angesichts derartiger Kontraste stellt sich die Autorin nicht nur einmal die Sinnfrage und reist immer wieder nach Sansibar, um die Lebensfreude der Einheimischen aufzusaugen, ein paar Brocken Suaheli zu lernen und mit Seaweed-Frauen, die ihre Ernte einbringen, zu sprechen. Die Kommunikation ist nicht immer einfach, da die „Codes der weißen Langnasen“ (Seite 42) nicht leicht zu entschlüsseln sind. Auch auf den in Wien geborenen Afrikaforscher Oskar Baumann, der zu Salmes Zeit in der Hauptstadt Stone Town weilte, stößt die Autorin. Und immer wieder findet sie sich in einem lebendigen Dialog mit der mutigen Salme wieder.
Man will sofort ins Reisebüro laufen und einen Flug buchen, wenn die Autorin schreibt: „Ich möchte bei Ebbe weit hinauslaufen, bis zum Horizont und weiter und weiter, und mich drehen wie ein Derwisch. Alles weiß um mich herum, wie Puderzucker, wie gesiebtes Mehl, wie Schnee …“ (Seite 53). Doch seit 2020 die Insel für coronafrei deklariert wurde, ist sie längst kein Insidertipp mehr. Und auch hier prallen Welten aufeinander: gewinnorientierte Hotelbesitzer, Backpacker, Massai und andere Gastarbeiter vom Festland, Einheimische in Tschador und Burka, verschwitzte Touristen in Shirt und kurzer Hose, die nach demselben Luxus wie zu Hause verlangen … Die Leser:innen erfahren viel über die Kultur, Politik, Ansichten und Lebensweisen sowie über die (Kolonial-)Geschichte der Insel. Sansibar ist ein Sehnsuchtsort … mit Schattenseiten, auf die Ivancsics ein Licht wirft und die sie als „Zumutung“ (Seite 145) betitelt, die nur mutigen Leser:innen vorbehalten ist. Die Autorin schließt mit einem ganz persönlichen Resümee, aus der Sicht einer alleinreisenden mzungu, und plädiert für mehr Respekt, Offenheit und Toleranz … und dafür, sich an der Gelassenheit der Sansibari ein Beispiel zu nehmen: „Sie leben im Moment und sind sich daher der Flüchtigkeit von allem bewusst, wie weise …“ (Seite 170). Hakuna matata, don’t worry.
Auch hilfreich: Am Ende des Buches finden sich ein Steckbrief zur Insel sowie ein kleiner Sprachführer mit den wichtigsten Wendungen.
Eine absolut horizonterweiternde Leseempfehlung!
Karin Ivancsics (geboren 1962) lebt als freie Schriftstellerin in Wien und im Burgenland. Studium der Germanistik, Romanistik und Publizistik. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien.
Angelika Moser, März 2026
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich.
Karin Ivancsics: Sansibar. Erkundungen eines Paradieses
Wien: Milena Verlag 2025
220 Seiten
25 EUR
ISBN: 978–3‑903460–46‑1
