Lite­ra­tur­salon 2 – Samstag 13.06.2026

Ein Bericht von Tobias March

Es ist Sams­tag­abend, der 13.06.2026, und wir finden uns zum zweiten BÖS-Lite­ra­tur­salon des Jahres im Atelier ein. An diesem Abend lesen Kaśka Bryla, Gertraud Klemm und Markus Köhle. Doch bevor sie starten, sitzen vorne am Lese­tisch noch Anja Schaf­linger und Laura Roth, die uns ihre Klang­kunst vorstellen. Erika Kronabitter mode­riert diesen Leseabend.

Eine verdich­tete Collage aus Texten, Tönen, Geräu­schen und die Stimmen der zwei Nach­wuchs­au­torinnen, das empfing die Zuhörer:innen dieses zweiten Lite­ra­tur­sa­lons zum Start des Leserei­gens. Mit ihrer Perfor­mance schafften die zwei Studen­tinnen, Anja Schaf­linger und Laura Roth, einen Erin­ne­rungs­raum zu öffnen und alle Anwe­senden waren sofort an ihre eigene Kind­heit erin­nert und an dieses so spezi­fisch Vorsingen von Liedern, wie es nur Erwach­sene können. Durch geschickt einge­setzte Gesten, Blicke, Doppe­lungen und Infra­ge­stel­lung des Gesagten entstand ein dichter Klang­tep­pich. Das Projekt ist im Zuge einer Lehr­ver­an­stal­tung an der Univer­sität und in der Beschäf­ti­gung mit der öster­rei­chi­schen Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­gerin Elfriede Jelinek entstanden.

Nach diesem fulmi­nanten Auftakt nahm Kaśka Bryla vorne Platz. Sie las aus dem 2025 erschie­nenen Buch „Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich.“ (Resi­denz Verlag). Bryla meinte, dieses Buch, ihr dritter Roman, sei die Einlö­sung des Verspre­chens an ihren Vater, der im polni­schen Wider­stand gekämpft hatte, seine Geschichte zu erzählen. Anläss­lich des Pride-Monats meinte Bryla, sie habe als lesbi­sche Frau für unsere Lesung spezi­elle Stellen vorbe­reitet und sie würde diese extra lesen. Stellen, die sonst eher nicht für Lesungen heran­ge­zogen werden. Sie las dann von einer anstren­genden Vater-Tochter-Bezie­hung, dem Spagat zwischen dem, wie offen sie erzogen worden war und der gelebten Einla­dungs-Praxis des Vaters. Gute Bezie­hungen und Einla­dungen zu Feiern seien wich­tiger, als poli­ti­scher Wider­stand und Kampf. Weiters wird eine Stelle vorge­lesen, in der es um den Besuch der Rosa-Lila-Villa in Wien geht, wo die Ich-Erzäh­lerin auf einem Barho­cker sitzt und mit einer, wie die Frau selbst betont, liierten Frau ins Gespräch kommt, während ihr ursprüng­li­cher, männ­li­cher Begleiter schon von anderen Männern umringt war und in Gespräche verwi­ckelt worden ist.

Der zweite Lesende des Abends war der bekannte Papa Slam Öster­reichs: Markus Köhle. Dieses Mal stellte er aber keinen Poet­rys­l­amtext vor, sondern las aus seinem 2025 im Sonder­zahl Verlag erschie­nenen Buch „Land der Zäune“. In diesem geht es um den Zaunk­anzler Hans, einen Mann, der sich durch Zäune und Nein-Sagen defi­niert. Er möchte eine Partei der Zäune gründen und ist damit poli­tisch erfolg­reich. Das Verneinen und das Abschotten sind seine Waffen. „Der Penis­ring ist der Zaun des kleinen Mannes“, so schreibt Köhle. Der einge­mie­tete Häus­le­bauer im Speck­gürtel von Unter­brom­bach­kir­chen irgendwo bei Wien hat sich erfolg­reich einen Flecken Sprache, Land, Gesin­nung und Lebens­sinn durch Umzäu­nung gesi­chert. Unter­stützt von der Sprache seiner Blase/Bubble und seinen Zäunen will er in Öster­reich zum Zaunk­anzler der Zaun­partei, dem Kanzler der Grenzen und Abschot­tungen mutieren.

Die dritte Lesende des Abends war Gertraud Klemm. Die sehr bekannte Gegen­warts­au­torin pola­ri­siert mit ihren femi­nis­ti­schen Texten und Ansichten und musste schon mit so manchen aufse­hen­er­re­genden Social-Media-Ausein­an­der­set­zungen umgehen. Präzise arbeitet sie in „Abschied vom Phal­lozän“ heraus, warum der Femi­nismus dort steht, wo er heute steht und warum sich die Welt noch nicht zum Guten verbes­sert hat. Die Tech-Milli­ar­däre, Macho-Männ­chen und Männer­herr­schaft allge­mein sind schuld. Das Patri­ar­chat hat es nicht geschafft Umwelt­zer­stö­rung, Rassismus, Kriege, globale Unge­rech­tig­keit und Miso­gynie zu über­kommen, aber viel­leicht würden diese Problem geschafft werden, wenn das Patri­ar­chat abge­schafft werden würde. Denn die Herr­schaft und Macht von Männern ist kein Natur­ge­setz. Ein starker Essay, der drän­gende Fragen der Zeit stellt. Das Buch ist 2025 im Matthes & Seitz Verlag in Berlin erschienen.

Rhea Krčmá­řová stellte noch ihre Ausstel­lung „Ein Laby­rinth in selbst gewebten Wegen – trans­me­diale Text(il)kunst“ im BÖS-Atelier vor, die aus Bildern, Büchern, Texten zum Mitnehmen und selbst­ge­nähten Wort­netzen besteht. Die Ausstel­lung kann bei allen Veran­stal­tungen und Work­shops im BÖS bis Oktober 2026 betrachtet werden.

Den Abend ließen wir am Buffet bei Fragen und Gesprä­chen ausklingen und wir disku­tierten noch über das eine oder andere Buch und Schreibpraktiken.

Video vom Lite­ra­tur­salon auf YouTube

Fotos: Bettina Balàka und Chris­tian Majer

Video: Peter Bosch