Die Aussied­lung – András Visky

Eine Rezen­sion von Cornelia Stahl

Was prägt unser Aufwachsen?

Was prägt unser Aufwachsen? Und welche Rolle spielt dabei das Umfeld? In seinem Roman „Die Aussied­lung“ erzählt András Visky vom Aufwachsen in mehreren Lagern, in die er und seine Familie 1959 in Rumä­nien depor­tiert wurden, nachdem der Vater, ein evan­ge­li­scher Pfarrer, zu 22 Jahren Zwangs­ar­beit verur­teilt wurde.
Visky wählt in seiner Erzähl­hal­tung die Sicht des Kindes, das er damals war. In den Fokus rückt er den Begriff der Frei­heit, der sich als roter Faden durch den Roman zieht. Vier Jahre wuchs er mit seinen sechs älteren Geschwis­tern und der Mutter in mehreren Lagern in der rumä­ni­schen Bărăagan-Steppe auf, in die sie mit anderen Menschen depor­tiert wurden. In seinem Aufwachsen, im Umfeld des Lagers und in Erdhöhlen, inmitten von Krank­heiten und Hunger, ersehnte das Kind den Tag herbei, um endlich dem Zustand der Inter­nie­rung und des Elends zu entkommen.
In 822 numme­rierten Kapi­teln, die Tage­buch­ein­trägen und kurzen Atem­zügen glei­chen, leuchtet die Figur der Mutter Júlia (aus Buda­pest stam­mend) hervor, die, tief­gläubig, im Dialog mit der Bibel, den Kindern Gebor­gen­heit gibt und die dunklen Jahre mit der Familie über­steht. Für das jüngste Kind wird sie zu einer Heldin, die das Glück verkör­pert: „Ich weiß was Glück ist“ (S.154 und S.258).
Der Autor verwendet Zitate aus der Bibel und kreiert inten­sive Sprach­bilder. Die spiri­tu­elle Kompo­nente verleiht den Texten bisweilen einen beson­deren Ton und Leich­tig­keit, im Kontrast zum schweren Thema.
András Visky, geboren 1957, lebt in Rumä­nien. Als Drama­tiker prägte er den Begriff der Bara­cken­dra­ma­turgie. Sein Roman erin­nert an ein Kapitel euro­päi­scher Geschichte: In den 1950er Jahren wurden zehn­tau­sende Menschen, die der unga­ri­schen Minder­heit ange­hörten, in Arbeits­lager an der Donau depor­tiert. Erst Jahr­zehnte später war Visky dazu in der Lage, über die Bedin­gungen seines Aufwach­sens zu schreiben. Sieb­zehn Jahre arbei­tete er an seinem Manu­skript. 2022 erschien der Roman auf Unga­risch. 2025 auf Deutsch, in einer Über­set­zung von Tamea Tankó.
Bisweilen löst der Roman eine emotio­nale Achter­bahn aus. Viskys Buch zeigt auf, wie die Trau­ma­ti­sie­rungen des Aufwach­sens tief in uns veran­kert sind. Und er erzählt von der Kraft der Lite­ratur, die die Möglich­keiten eröffnet, das Erlebte aufzu­schreiben und uns mit den Ereig­nissen zu versöhnen.
Eine unbe­dingte Empfehlung! 

 

Cornelia Stahl, Juli 2026

Für die Rezen­sionen sind die jewei­ligen Verfasser:innen verantwortlich.

 

András Visky: Die Aussied­lung
Berlin: Suhr­kamp Verlag 2025
456 Seiten
EUR 30.-

ISBN 978–3‑518–43245‑7

 

Mehr zum Verlag
Mehr zum Buch
Mehr zum Autor
Mehr zur Rezensentin