Sollen Schriftsteller:innen mit KI schreiben?

Ein Text von Erika Kronabitter

Kürz­lich erzählte jemand, die Verlage würden sich beklagen, dass oft an einem Tag von einem Autor fünf (!) Roman­ma­nu­skripte einge­reicht würden. Man habe daher die Rege­lung geschaffen, dass pro Autor und Tag nur zwei Manu­skripte einge­reicht werden dürfen.

Während meines Studiums klagte der Verlags­leiter eines Tiroler Verlages, dass jähr­lich etwa 5000 Manu­skripte einge­sendet würden und der Verlag damit total über­for­dert sei. Die Autor:innen, berich­tete er aus der Praxis, hätten eigent­lich keine Chance, dass ihre Einsen­dung gelesen, geschweige denn ihr Buch gedruckt werde, wenn sie dem Verlag nicht bereits bekannt seien bzw. Bezie­hungen bestünden.

Und nun schreibt da einer mit der KI und wirft die Bücher nur so raus. Macht neben vielem anderen den Markt kaputt, denn das weiß ich seit meinem Studium: Lite­ratur ist ein Markt, auch wenn Autor:innen dies früher als  Degra­die­rung verstanden und sich dagegen vehe­ment zur Wehr gesetzt haben. Unsere Bücher sind Produkte mit Markt­wert, welche Preis­schwan­kungen oder Preis­bin­dungen unter­worfen sind, für die es sich lohnt, Werbung zu machen und über eine Inter­es­sens­ge­mein­schaft vertreten zu sein.

KI verwenden – oder mit KI schreiben. Das ist ein weites Feld. KI als Werk­zeug zu verwenden ist, salopp gesagt, die Erwei­te­rung unseres Laptops. Früher fand dieser tech­ni­sche Sprung von der mecha­ni­schen zur elek­tri­schen zur elek­tro­ni­schen Hard­ware statt, Korrek­turen mit Radier­gummi, Tippex, Matri­zen­lack (ich habe selbst noch so gear­beitet) wurden durch die tech­ni­schen Neue­rungen obsolet. Recher­chen im Lexikon, schrift­liche Anfragen in Archiven und lange Warte­zeiten sind durch die digi­talen Zugriffs­mög­lich­keiten auf Daten­banken der Natio­nal­bi­blio­thek und verschie­dene Archive in der ganzen Welt über­holt. KI ist also Werk­zeug – einerseits.

Ande­rer­seits kann KI als Schreib­part­nerin einge­setzt werden. Anläss­lich meiner lang­an­dau­ernden Schreib­blo­ckade hat mich eine Freundin unter­stützt und wir haben uns jeden Donnerstag zwei Stunden am Computer verab­redet: eine Stunde schreiben, eine Stunde gegen­sei­tiges Vorlesen. Sie in Ober­ös­ter­reich, ich in Vorarl­berg. Sie hat mich begleitet und ermu­tigt, weiter zu machen.

Die Möglich­keiten von KI sind ähnlich: KI wird zur Partner:in, die bei einer Blockade Vorschläge liefert oder alter­na­tive Szena­rien vorschlägt. KI kann die stilis­ti­sche Fein­ar­beit vornehmen, Wort­wie­der­ho­lungen anzeigen (auto­ma­ti­sche Recht­schreib­kor­rek­turen usw. gibt es jetzt schon), KI kann auch für Recher­che­zwecke einge­setzt werden (ist aber nur bedingt zuver­lässig: Es ist uner­läss­lich, den KI-Output durch andere Quellen zu verifizieren). 

Wenn KI verwendet wird, um das eigene Schreiben zu ersetzen, zu verbes­sern zu ergänzen, stellen sich Fragen zu Urhe­ber­schaft, Plagiat, Besitz, Dieb­stahl und Autor:innenschaft: KI-Modelle wurden mit den Werken echter Autor:innen trai­niert. Die Öster­rei­chi­sche Natio­nal­bi­blio­thek (ÖNB) digi­ta­li­sierte in den vergan­genen Jahren in einer Public-Private-Part­ner­ship mit Google hundert­tau­sende urhe­ber­rechts­freie Werke. Im Netz findet man bei Google aber auch Werke von lebenden Autor:innen – oft ohne deren expli­zite Zustimmung. 

Viele Schriftsteller:innen lehnen die Nutzung daher aus Prinzip oder aus Soli­da­rität mit Kolleg:innen ab. Ich persön­lich habe zu dieser ableh­nenden Haltung ein gespal­tenes Verhältnis: Es sind wahr­schein­lich auch meine Texte digi­ta­li­siert und somit gestohlen und nun ins ewige Netz einge­speist worden. Somit bin ich Mitbe­sit­zerin dieses digi­talen Reiches und kann es auch für meine Zwecke verwenden.

Lite­ra­tur­phi­lo­so­phisch wird argu­men­tiert, Lite­ratur bestehe vor allem darin, mensch­liche Erfah­rungen, Wahr­neh­mungen und Gefühle auszu­drü­cken während KI keine eigenen Erfah­rungen und keine Biografie habe und daher nur Muster erzeuge. 

Dem ist entge­gen­zu­halten, dass auch viele Autor:innen über Erfah­rungen schreiben, die sie so nicht gemacht haben. Die Geisha von Arthur Golden zeigt beispiel­haft, wie sich ein Autor eine Figur hinein­ver­setzen kann, mit der ihn nichts verbindet, außer der Tatsache, dass beide Menschen sind: 

Der Autor des Romans ist ein Mann, seine Prot­ago­nisten eine Frau,
der Autor ist Ameri­kaner, die Geisha ist Japa­nerin,
der Autor und seine Heldin entstammen Gesell­schaften, deren Sitten, Wert­maß­stäbe und Möglich­keiten sich grund­le­gend vonein­ander unterscheiden.

Ein Augen­merk in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft liegt auf der Inter­tex­tua­lität. Der Begriff wurde Ende der 1960er Jahre von der Lite­ra­tur­theo­re­ti­kerin Julia Kris­teva geprägt und besagt, dass ein lite­ra­ri­scher Text kein geschlos­senes System ist, sondern immer auf andere Texte verweist. 

Texte exis­tieren demnach nicht isoliert, sondern treten durch Zitate, Anspie­lungen, Motive oder Struk­turen in einen direkten Dialog mit anderen Texten. Jeder Text ist demnach ein Geflecht aus bereits bestehenden kultu­rellen und sprach­li­chen Elementen. – Dein Text, mein Text, Texte von J.K  Rowling, Stephen King und alle anderen.Wir sind ständig im Austausch mit den anderen, mit dem Lesen, Hören, Vorträgen, Lyrik usw. Man spricht von nicht super­vi­diertem Lernen: Allein das Hören, das Lesen bringt bereits eine unbe­wusste Aneig­nung von Texten mit sich, die das Gehirn beim Schreiben wieder „ausspuckt“. Die KI ist sozu­sagen nicht mehr als die Erwei­te­rung meines Gehirns, aus dem ich meine Inspi­ra­tion schöpfe.

Es ist auch nicht so, dass meine eigene künst­le­ri­sche Stimme verdrängt wird, wenn ich das nicht will. Als mündige Autorin habe ich es selbst in der Hand, gene­rierte Texte in meinen Ton zu setzen – wenn ich einen Ton für mein Schreiben gefunden habe.

Eine wich­tige Über­le­gung, KI-gene­rierte Texte in der eigenen Lite­ratur zu verwenden, ist die Frage nach dem „Warum“: Warum nutze ich KI? Warum bediene ich mich nicht meines eigenen Verstandes, warum lasse ich mich beim Denken lieber bedienen?

Die Gefahr, das Selbst­denken zu verlernen, ist groß. Alles, das du abgibst, birgt die Gefahr des Verler­nens, somit unmün­diger zu werden. Aufklä­rung aber, so der große Philo­soph Imma­nuel Kant, ist ja genau das Gegen­teil, nämlich das Heraus­treten des Menschen aus seiner selbst­ver­schul­deten Unmün­dig­keit. Selbst­ver­schuldet ist die Unmün­dig­keit, wenn man sich trotz seines Verstandes von anderen leiten lässt und sich nicht seines eigenen Verstandes bedient.

Klar ist jeden­falls: Meine Biografie, mein persön­li­ches Erleben, meine geheimen Über­le­gungen kann die KI nicht kennen und nicht wissen. Also ist hier mein eigenes Schreiben gefragt. Und so ist es auch beim Erstellen eines eigenen Textes: Wenn mir ein Gedicht, eine Erzäh­lung – und sei es nur die Passage einer Geschichte – beson­ders gelungen ist, fühlt es sich mega gut an. Ob das beim Gene­rieren durch die KI auch passiert, ob ich dann auch dieses Glücks­ge­fühl erlebe, diese Freude, dass mir das gelungen ist, weiß ich nicht. 

Viel­leicht aber doch, wenn ich den KI-Vorschlag wieder bear­beite, den Text verän­dere … dem Text meine eigene Sprache, meinen eigenen Ton gebe …? 

All das musst du selbst entscheiden.

 

Der Text ist im Rahmen der Zusam­men­ar­beit mit der Zeit­schrift für Lite­ratur &Radieschen in der Blog-Rubrik “Schreiben über das Schreiben” entstanden.

Foto: Gerda Sengst­bratl