Anstän­dige Frauen – Emilie Mataja

Eine Rezen­sion von Roswitha Perfahl

Die Natur der „Weiber“ und der Männer

Eine junge hübsche Kutscher­tochter erträumt sich ein besseres Leben als Herrin und schwärmt für den jungen abwe­senden Schloss­herrn. Sie lebt in den Tag hinein, denn „die Arbeit freute sie nun mal nicht“ (S.8). Als der Graf zurück­kehrt, sieht sie ihre Chance gekommen, und die Geschichte folgt dem Muster: adeliger Herr verführt Dienst­mäd­chen und dem daraus entste­henden Unglück. Ein Unglück –- vor allem wenn die Prot­ago­nis­tinnen ihrer wahren Natur untreu werden.
Denn sehr viel ist in diesem Roman die Rede von der Natur der „Weiber“ und der Männer, wobei Männer als schwach, heiß­blütig, brutal, intel­lek­tuell schlicht oder sonst wie beschränkt beschrieben werden, und die für ihre Taten, meist Untreue, aber auch Spiel- und Trunk­sucht, nicht zur Verant­wor­tung gezogen werden dürfen, weil das eben ihre Natur ist. Nur schlimm, wenn sie herri­schen, harten und unver­söhn­li­chen Ehefrauen ausge­lie­fert sind, die sich das nicht gefallen lassen wollen. Auch weil sie das Geld einbringen, denn die geschil­derten Ehen folgen dem Muster: reiche „deut­sche“ Kauf­manns­töchter und verarmte unga­ri­sche Adelige. Diese „Anstän­digen Frauen“ des Titels sind also berech­nend, verschlagen und rach­süchtig (104/105), daher schlauer (nicht intel­li­genter!) als ihre Ehemänner und machen diesen das Leben zur Hölle. Damit begehen die „Anstän­digen Frauen“ einen unver­zeih­li­chen Fehler, weil sie alle­samt ihrer Natur „untreu werden“ – der „Natur des Weibes“ (S. 118f). Denn diese liegt in Sanft­heit und Verzeihen, kind­li­cher Unbe­darft­heit und unend­li­cher Leidens­fä­hig­keit (S.186). Daher müssen Frauen auch mit der übli­chen Anrede „Mein Kind“ Vorlieb nehmen (S. 120) und sich „bescheiden lernen, wenn [sie] in der Ehe glück­lich sein wollen“, (S. 261)
Die stän­dige Wieder­ho­lung von der wahren Natur der Geschlechter, die durch­wegs negativ geschil­derten Figuren, einschließ­lich des lauernden, trat­schenden, böswil­ligen Schloss­per­so­nals, wobei die ältli­chen Kammer­fräu­leins mit beson­derer Verve vorge­führt werden, lässt schwer Empa­thie aufkommen und in die Geschichte finden. Schwer erträg­lich wird der Text, wenn ein Prot­ago­nist die Gründe für die Ehe mit jungen Frauen, einem „frischen, unver­brauchten Kind“, aufzählt: „Er würde dieses Kindes Erwe­cker sein, würde aus diesem Kinde ein Weib machen, …es erziehen, … und es würde sich anpassen.“ (S. 172) Leider „verlangte sie, dass man sie beachte“ weshalb sie ihm bald mit ihrer „verzo­genen, unaus­ge­go­renen Meinung“ auf die Nerven ging (S.173) und er sich eine Geliebte suchte.

Es bleibt unklar, ob die Autorin eine sarkas­ti­sche Über­stei­ge­rung ins Kolpor­ta­ge­hafte bezweckte, oder ob sie ledig­lich bereits um 1900 hinter­fragte Geschlech­ter­rollen beden­kenlos repro­du­zierte. Da das „Anstän­dige“ im Titel spöt­tisch die ihrer wahren Natur abtrün­nigen Frauen bezeichnet, ist Letz­teres wahr­schein­lich. Viel­leicht sollten manche Romane in ihrer Zeit belassen bleiben. Die übri­gens die Zeit der Ersten Frau­en­be­we­gung, des Zugangs zu sekun­därer und tertiärer Bildung sowie Kampf um das Wahl­recht war.
Oder erin­nert uns dieser Roman an die „guten alten Zeiten“, ist doch die darin geschil­derte „Natur der Weiber“ die Blau­pause der feuchten Träume einer digi­talen Manos­phere, die, von Frau­en­hass beherrscht, Gleich­be­rech­ti­gung abschaffen und Frauen wieder in voll­kom­mene Abhän­gig­keit und sanfte Unter­wür­fig­keit gezwungen sehen will. Ganz nach dem Ideal, das auf Seite 126 beschrieben wird: Sie „hatte ihm alles gegeben – willig und freudig und ihm noch demütig gedankt für das Glück, daß sie’s ihm geben durfte.“
Als Zeit­do­ku­ment ist die Schil­de­rung der Gemenge­lage der Natio­na­li­tä­ten­kon­flikte in der Habs­bur­ger­mon­ar­chie inter­es­sant, wo in Neben­sätzen die Tragik der Slowak:Innen heraus­ge­lesen werden kann, die unter unga­ri­scher Herr­schaft einer harschen Magya­ri­sie­rung ausge­setzt waren (Schule, Kirche): „Wer in Ungarn lebt, muß sich als Magyar fühlen, ob es ihm nun lieb sei oder leid.“ (S. 32) Die Protagonist:innen sind alle „Deutsch“, „Ungarn“ oder „Nord­deutsch“. Wobei das „Deut­sche“ in diesem Zusam­men­hang auf die deutsch­spra­chige Bevöl­ke­rung der Monar­chie verweist.
Der aufschluss­reiche Anhang bettet die Autorin histo­risch ein, zeigt die lite­ra­ri­schen Kreise, in denen sie sich bewegte und die sie förderten. Erstaun­lich, dass sie solch konven­tio­nellen Geschlech­ter­rollen und Weib­lich­keits­vor­stel­lungen verhaftet blieb, da ihre persön­liche Lebens­ent­schei­dung dem so gar nicht entsprach. Sie arbei­tete als erfolg­reiche Schrift­stel­lerin.
Und: Sie hat nie geheiratet.

Roswitha Perfahl, Juli 2026

Für die Rezen­sionen sind die jewei­ligen Verfasser:innen verantwortlich.

 

Emilie Mataja: Anstän­dige Frauen
Heraus­ge­geben von Bettina Baláka
Haymon: Inns­bruck-Wien 2026
328 Seiten
24,22 EUR
ISBN: ISBN 978–3‑7099–8272‑3

 

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