La Traviata
Da saß ich nun also wieder einmal im weiten Rund der Bregenzer Festspiele, wo die Wellen des Bodensees im Abendwind plätscherten und die Hochkultur ihr alljährliches Open-Air-Spektakel zelebrierte. Ich muss gestehen: Ich bin Wiederholungstäterin. Ich kehre seltsam fasziniert an diesen Ort zurück, obgleich mein Haupt mit dem unsichtbaren, aber unumstößlichen Lorbeerkranz des Kunstbanausentums geschmückt ist.
Diese ehrenvolle Krone habe ich mir nicht selbst geflochten. Es war Eva, die mich vor Jahren in feierlicher Strenge zur Kunstbanausin schlug. Bei einem meiner Besuche in ihrer Seniorenresidenz hatte ich es gewagt, über das unablässige, von Liebes- und Todestränen triefende Pathos der Operntexte zu lamentieren.
„Das“, dozierte Eva damals mit der unerbittlichen pädagogischen Gravitas einer pensionierten Primadonna, „ist opernimmanent! Die Oper verhandelt das Unausweichliche: unglückliche Liebe und den bleichen Tod. Diese Motive sind das sakrosankte Fundament der gesamten Operngeschichte.“
„Das ist vor allem ein erzählerischer Teufelskreis“, konterte ich ungerührt. „Es ist die ewig gleiche mathematische Formel des Jammers: Liebe plus Konflikt ergibt Verlust, gefolgt vom finalen Abgang ins Jenseits. Immerzu das gleiche Drama!“
Man nehme nur die Klassiker: In La Traviata siecht die Liebe an gesellschaftlicher Heuchelei und Tuberkulose dahin. Madama Butterfly serviert uns verlassene Treue im Doppelpack mit Suizid. Carmen strotzt nur so vor toxischer Eifersucht und tödlichem Messerstich. Tristan und Isolde zelebrieren eine Romanze, die erst im Leichenhemd so richtig in Schwung kommt. Bei Roméo et Juliette stirbt es sich paarweise, bei Rigoletto erwischt es die unschuldige Tochter, und Tosca bietet das ganz große Menü aus politischer Brutalität, Mord und dem finalen Sprung von der Engelsburg.
Zentrale Grundmuster! Schön und gut. Aber warum, beim Himmel, verharren die Libretti sprachlich im Zustand chronischer Schnappatmung? Dieses schwülstige, balsamierte Gelaber ist im 21. Jahrhundert kaum noch ohne Gehörschutz zu ertragen.
„Ach, du banalisierender Geist!“, rief Eva damals erbost und warf die Hände in die Luft. „Es geht um die emotionale Fallhöhe! Eine glückliche, harmonische Ehe, die dreißig Jahre lang die Kehrwoche organisiert, ist dramaturgisch der Tod jeder Inszenierung. Erst wenn die Liebe an gesellschaftlichen Mauern, an Krieg, Macht und Standesunterschieden zerschellt, lodert das Feuer, weil jede Emotion bis aufs Blut zugespitzt wird!“
„Dann wird es aber Zeit“, entgegnete ich, „dass die Damen und Herren Dramaturgen endlich mal die Ärmel hochkrempeln und neues Baumaterial heranschaffen. Diese emotionalen Spannungsbögen haben inzwischen über vierhundert Jahre auf dem Buckel. Die Statik bröckelt!“
Eva starrte wütend, als hätte ich soeben den Denkmalschutz persönlich beleidigt, aus dem Fenster. „Kunstbanause“, murmelte sie verächtlich.
„Ich sage ja gar nichts gegen die Musik!“, versuchte ich die Wogen zu glätten. „Auch die Stimmen der Sopranistinnen sind engelsgleich. Aber das Textkleid gehört dringend in die Reinigung! Die Sprache hat sich weiterentwickelt. Die Wissenschaft, die Philosophie, selbst theologische Texte wurden modernisiert – nur die Opernhelden schmachten noch wie im Barock.“
Eva ließ sich resigniert in ihre Kissen zurückfallen und drehte mir den Rücken zu. „Ich bin müde“, bestimmte sie das Ende des Aktes. „Bis zum nächsten Mal.“
Es gab kein nächstes Mal.
Als Erbe hinterließ sie mir einen runden Designer-Beistelltisch aus Chrom und Glas sowie ein niedriges Fauteuil mit braun-weiß-kariertem Seidenbezug. Ein Möbelstück von erhabener Eleganz, das ich profan als Ablage für ungelesene Bücher zweckentfremdet habe. Und für Notizen.
„Libretti verdrehen“, steht dort auf einem meiner Zettel. Inspiriert hat mich Katja Renzlers Workshop „Märchen verdrehen“. Denn auch Märchen basieren trotz aller Vielfalt auf starren Ur-Bausteinen. Renzler schreibt dazu treffend: „Manche Märchen transportieren Vorstellungen, die schlicht nicht mehr zeitgemäß sind. Es ist höchste Zeit, sie umzuschreiben!“ In ihrem kreativen Labor werden aus einem Cocktail verschiedener Märchen und alter Stoffe neue Märchen gemixt und/oder Märchen als Vorlage genutzt und umgeschrieben, sodass sich moderne, emanzipierte, schräge oder Horrormärchen usw. ergeben. Ein Märchen-Update.
Genau das braucht die Oper. Ein Libretto-Update für La Traviata. Und in meiner Version, das schwöre ich beim Geiste Evas, wird die Frau verdammt noch mal am Ende nicht sterben. Sie hustet nicht, sie bricht nicht zusammen. Sie nimmt ihr Leben selbst in die Hand.
La Traviata (3. Akt, Finale)
Das Libretto-Update. Ein mögliches Beispiel von vielen Möglichkeiten
(Die Szene: Das Pariser Schlafzimmer. Violetta liegt nicht sterbend im Bett, sondern sitzt im eleganten Hosenanzug am Schreibtisch. Alfredo stürzt herein, bereit für das große, tränenreiche Abschiedsduett.)
ALFREDO (pathetisch, wirft sich auf die Knie)
Violetta! O meine Geliebte! Ich bin zurückgekehrt! Das Schicksal verzeihe mir, der Himmel heile deine Brust! Lass mich deine Tränen trinken, bevor der bleiche Tod dich mir entreißt!
VIOLETTA (seufzt, klappt ihren Laptop zu)
Alfredo, bitte. Steh auf, du machst dir die Knie deiner Designerhose schmutzig. Und hör auf zu schreien, die Akustik in diesem Altbau ist ohnehin furchtbar.
ALFREDO (verwirrt, sucht das Drama)
Aber… die Schwindsucht! Dein bleiches Antlitz! Der Arzt sagte, die Stunde schlägt! Wir müssen weinen, schmachten, im Schmerz verschmelzen!
VIOLETTA (schüttelt den Kopf, reicht ihm ein Glas Wasser)
Der Arzt hat eine Fehldiagnose gestellt. Es war kein Todeshauch, Alfredo. Es war eine stinknormale Bronchitis, gepaart mit akutem Schlafmangel, weil dein Herr Vater mich wochenlang mit patriarchalischen Schuldkomplexen terrorisiert hat. Ich habe Antibiotika genommen, viel Tee getrunken und endlich mal acht Stunden am Stück geschlafen.
ALFREDO (fassungslos)
Kein… kein Sterben? Kein tragischer Verlust im dreiviertel Takt? Aber was wird aus unserer unsterblichen, leidvollen Liebe?
VIOLETTA (steht auf, packt einen eleganten Rollkoffer)
Unsere „unsterbliche Liebe“ bestand hauptsächlich daraus, dass ich für deine neurotischen Familiendramen bezahlen sollte, während du in heroischer Untätigkeit versunken bist. Weißt du, was wirklich langweilig ist? Sterben, nur damit die Männer im Publikum ein Taschentuch herausholen können. Ich habe die Pariser Eigentumswohnung verkauft. Ich ziehe nach Nizza. Ich eröffne eine eigene Galerie.
ALFREDO (entsetzt)
Und ich? Was soll ich singen?
VIOLETTA (lächelt, nimmt ihren Koffer und geht zur Tür)
Sing was Fröhliches, Alfredo. Oder lern kochen. Such dir ein Hobby, das nicht auf dem Untergang von Frauen basiert. Adieu!
(Violetta geht ab. Die Musik wechselt von den tragischen Moll-Akkorden schlagartig in einen beschwingten, jazzigen Up-Tempo-Rhythmus. Der Vorhang fällt schnell.)
Dieser Beitrag ist im April 2026 auf dem Blog von “&Radieschen – Zeitschrift für Literatur” erschienen.
Foto: Gerda Sengstbratl
