Die Inten­tion hinter dem Text

Ein Text von Claudia Dabringer

Wer soll das lesen? Wen soll das inter­es­sieren? Fragen, die oft nicht nur von außen kommen, sondern viel­fach bereits vorher in uns selbst zu klingen beginnen. Deshalb ist es umso wich­tiger, mit einem guten Selbst­wert an die Veröf­fent­li­chung eigener Texte zu gehen.

Gerade lese ich ein Buch, dessen Titel ziem­lich irre­füh­rend sein kann: “Anlei­tung zum Unkrea­tiv­sein”. Geschrieben hat es Dirk von Gehlen, der das Pferd vom Schwanz her aufzäumt. Er zeigt, wie man Krea­tiv­sein verhin­dern kann. Und erreicht damit genau das Gegen­teil, nämlich dass man sich selbst sagt: “So möchte ich ganz bestimmt nicht sein/werden.” Und er stellt eine sehr wich­tige Frage, nämlich nach der Moti­va­tion. Im Fall eines/einer Schrei­benden würde sie vermut­lich so lauten: “Warum will ich schreiben?” Oder genauer: “Warum will ich einen Roman schreiben?” Ich persön­lich habe einen Roman geschrieben, weil ich einen persön­li­chen Rache­feldzug starten wollte. Unnütz zu sagen, dass der Roman (bislang) noch nicht von der Stelle und aus der Schub­lade gekommen ist. Denn es kommt natür­lich darauf an, eine gute Inten­tion mit dem krea­tiven Schaffen zu verknüpfen.

Was hat der gute Vorsatz mit unserem Selbst­wert zu tun? Mehr als wir glauben. Über das Gefühl der Rache will ich hier nicht eingehen, das würde den Rahmen sprengen. Doch was sehr wohl von Bedeu­tung ist: Wir müssen uns gut fühlen mit dem, was wir in die Welt schi­cken. Rache mag sich zwar anfangs gut anfühlen, ist am Ende doch ziem­lich destruktiv und erzeugt schlechtes Karma. Wenn ich aller­dings der Meinung bin, eine Geschichte zu erzählen, die für andere span­nend, inter­es­sant und hori­zont­er­wei­ternd sein kann, sieht die Sache schon ganz anders aus.

Dann stehe ich schon ganz gut da, wenn die ersten Reak­tionen auf meinen Text kommen. Weil ich mit meiner Inten­tion hinter dem Text stehen kann. Kriti­siert jemand, was ich geschrieben habe, fällt es mir leichter, Werk und Iden­tität zu trennen. Ich bin dann kein schlechter Mensch, nur weil ich etwas geschrieben habe, was jemandem anders nicht gefällt. Ich kann leichter zurück treten und in eine sach­liche Diskus­sion gehen, beispiels­weise wenn es um die Gestal­tung von Figuren oder den Plot geht. Kurz: Ich nehme die Kritik weniger persön­lich, was sich in vielen Fällen positiv auf den Text auswirken kann.

Eine gute Inten­tion hilft aber auch dabei, den “Imposter” in uns in Schach zu halten. Das Syndrom zeichnet sich dadurch aus, dass man von extremen Selbst­zwei­feln geplagt wird, wenn es um die eigenen Fähig­keiten und Leis­tungen geht. Gerade Schrei­bende, die mit Kritik konfron­tiert werden, kommen manchmal an den Punkt. Sie zwei­feln ihr Denken, ihr Schreiben, ihre Perspek­tive an und wollen viel­fach nur noch den Hut auf den Text hauen. Das Börsen­blatt hat im Juni eine Reihe gestartet, die sich mit Menschen beschäf­tigt, die aus dem Lite­ra­tur­be­trieb ausge­stiegen sind. Nicht dass ich sie als am “Imposter-Syndrom” Leidende bezeichnen möchte: Frus­tra­tion steht allemal im Raum, und unter der leiden auch jene, die sich mit wenig Selbst­wert externen Beur­tei­lungen stellen. Wer aller­dings weiß, warum er/sie etwas genau so geschrieben hat, wie es nun einmal auf dem Papier steht, geht in Rich­tung Resi­lienz. Und macht sich dadurch nicht ganz so abhängig von der Aner­ken­nung, über die wir uns am Ende der Geschichte natür­lich alle freuen.

Der Unter­schied liegt im Detail der Erwar­tungs­hal­tung. Brau­chen wir Aner­ken­nung, um uns gut zu fühlen oder empfinden wir Aner­ken­nung ledig­lich als ein Sahne­häub­chen? Wenn wir Probleme mit unserem Selbst­wert haben, werden wir perma­nent danach trachten, für die öffent­liche Aner­ken­nung zu schreiben. Und wie schnell der Lese- und Schreib­ge­schmack sich ändern kann, erleben wir alle am eigenen Leib. Gerade in der heutigen Zeit, die viel­fach durch schnelle Likes geprägt ist, kann die Welt ins Wanken kommen, wenn weniger Zustim­mung kommt als erwartet. Verschiebe ich aller­dings den Fokus auf mich persön­lich, wird vieles entspannter. Dann kann ich mich loben, weil ich an meinem Hand­werk feile. Dann kann ich mich loben, weil ich dran bleibe und etwas voll­ende. Dann kann ich zufrieden mit mir sein, weil ich meinen Text in die Welt getragen habe. Was die anderen daraus machen, findet in ihrem Kopf statt.

Der Blog­bei­trag von Claudia Dabringer ist auf der Webprä­senz von &Radieschen” erschienen.

Foto: Silvia Tica