La Traviata

Ein Text von Erika Kronabitter

Da saß ich nun also wieder einmal im weiten Rund der Bregenzer Fest­spiele, wo die Wellen des Boden­sees im Abend­wind plät­scherten und die Hoch­kultur ihr alljähr­li­ches Open-Air-Spek­takel zele­brierte. Ich muss gestehen: Ich bin Wieder­ho­lungs­tä­terin. Ich kehre seltsam faszi­niert an diesen Ort zurück, obgleich mein Haupt mit dem unsicht­baren, aber unum­stöß­li­chen Lorbeer­kranz des Kunst­ba­nau­sen­tums geschmückt ist.
Diese ehren­volle Krone habe ich mir nicht selbst geflochten. Es war Eva, die mich vor Jahren in feier­li­cher Strenge zur Kunst­ba­nausin schlug. Bei einem meiner Besuche in ihrer Senio­ren­re­si­denz hatte ich es gewagt, über das unab­läs­sige, von Liebes- und Todes­tränen trie­fende Pathos der Opern­texte zu lamen­tieren.
„Das“, dozierte Eva damals mit der uner­bitt­li­chen pädago­gi­schen Gravitas einer pensio­nierten Prima­donna, „ist opernim­ma­nent! Die Oper verhan­delt das Unaus­weich­liche: unglück­liche Liebe und den blei­chen Tod. Diese Motive sind das sakro­sankte Funda­ment der gesamten Opern­ge­schichte.“
„Das ist vor allem ein erzäh­le­ri­scher Teufels­kreis“, konterte ich unge­rührt. „Es ist die ewig gleiche mathe­ma­ti­sche Formel des Jammers: Liebe plus Konflikt ergibt Verlust, gefolgt vom finalen Abgang ins Jenseits. Immerzu das gleiche Drama!“
Man nehme nur die Klas­siker: In La Traviata siecht die Liebe an gesell­schaft­li­cher Heuchelei und Tuber­ku­lose dahin. Madama Butterfly serviert uns verlas­sene Treue im Doppel­pack mit Suizid. Carmen strotzt nur so vor toxi­scher Eifer­sucht und tödli­chem Messer­stich. Tristan und Isolde zele­brieren eine Romanze, die erst im Leichen­hemd so richtig in Schwung kommt. Bei Roméo et Juli­ette stirbt es sich paar­weise, bei Rigo­letto erwischt es die unschul­dige Tochter, und Tosca bietet das ganz große Menü aus poli­ti­scher Bruta­lität, Mord und dem finalen Sprung von der Engels­burg.
Zentrale Grund­muster! Schön und gut. Aber warum, beim Himmel, verharren die Libretti sprach­lich im Zustand chro­ni­scher Schnapp­at­mung? Dieses schwüls­tige, balsa­mierte Gelaber ist im 21. Jahr­hun­dert kaum noch ohne Gehör­schutz zu ertragen.
„Ach, du bana­li­sie­render Geist!“, rief Eva damals erbost und warf die Hände in die Luft. „Es geht um die emotio­nale Fall­höhe! Eine glück­liche, harmo­ni­sche Ehe, die dreißig Jahre lang die Kehr­woche orga­ni­siert, ist drama­tur­gisch der Tod jeder Insze­nie­rung. Erst wenn die Liebe an gesell­schaft­li­chen Mauern, an Krieg, Macht und Stan­des­un­ter­schieden zerschellt, lodert das Feuer, weil jede Emotion bis aufs Blut zuge­spitzt wird!“
„Dann wird es aber Zeit“, entgeg­nete ich, „dass die Damen und Herren Drama­turgen endlich mal die Ärmel hoch­krem­peln und neues Bauma­te­rial heran­schaffen. Diese emotio­nalen Span­nungs­bögen haben inzwi­schen über vier­hun­dert Jahre auf dem Buckel. Die Statik bröckelt!“
Eva starrte wütend, als hätte ich soeben den Denk­mal­schutz persön­lich belei­digt, aus dem Fenster. „Kunst­ba­nause“, murmelte sie verächt­lich.
„Ich sage ja gar nichts gegen die Musik!“, versuchte ich die Wogen zu glätten. „Auch die Stimmen der Sopra­nis­tinnen sind engels­gleich. Aber das Text­kleid gehört drin­gend in die Reini­gung! Die Sprache hat sich weiter­ent­wi­ckelt. Die Wissen­schaft, die Philo­so­phie, selbst theo­lo­gi­sche Texte wurden moder­ni­siert – nur die Opern­helden schmachten noch wie im Barock.“
Eva ließ sich resi­gniert in ihre Kissen zurück­fallen und drehte mir den Rücken zu. „Ich bin müde“, bestimmte sie das Ende des Aktes. „Bis zum nächsten Mal.“
Es gab kein nächstes Mal.
Als Erbe hinter­ließ sie mir einen runden Desi­gner-Beistell­tisch aus Chrom und Glas sowie ein nied­riges Fauteuil mit braun-weiß-kariertem Seiden­bezug. Ein Möbel­stück von erha­bener Eleganz, das ich profan als Ablage für unge­le­sene Bücher zweck­ent­fremdet habe. Und für Notizen.
„Libretti verdrehen“, steht dort auf einem meiner Zettel. Inspi­riert hat mich Katja Renz­lers Work­shop „Märchen verdrehen“. Denn auch Märchen basieren trotz aller Viel­falt auf starren Ur-Bausteinen. Renzler schreibt dazu tref­fend: „Manche Märchen trans­por­tieren Vorstel­lungen, die schlicht nicht mehr zeit­gemäß sind. Es ist höchste Zeit, sie umzu­schreiben!“ In ihrem krea­tiven Labor werden aus einem Cock­tail verschie­dener Märchen und alter Stoffe neue Märchen gemixt und/oder Märchen als Vorlage genutzt und umge­schrieben, sodass sich moderne, eman­zi­pierte, schräge oder Horror­mär­chen usw. ergeben. Ein Märchen-Update.
Genau das braucht die Oper. Ein Libretto-Update für La Traviata. Und in meiner Version, das schwöre ich beim Geiste Evas, wird die Frau verdammt noch mal am Ende nicht sterben. Sie hustet nicht, sie bricht nicht zusammen. Sie nimmt ihr Leben selbst in die Hand.

La Traviata (3. Akt, Finale)
Das Libretto-Update. Ein mögli­ches Beispiel von vielen Möglich­keiten
(Die Szene: Das Pariser Schlaf­zimmer. Violetta liegt nicht ster­bend im Bett, sondern sitzt im eleganten Hosen­anzug am Schreib­tisch. Alfredo stürzt herein, bereit für das große, tränen­reiche Abschieds­duett.)
ALFREDO (pathe­tisch, wirft sich auf die Knie)
Violetta! O meine Geliebte! Ich bin zurück­ge­kehrt! Das Schicksal verzeihe mir, der Himmel heile deine Brust! Lass mich deine Tränen trinken, bevor der bleiche Tod dich mir entreißt!
VIOLETTA (seufzt, klappt ihren Laptop zu)
Alfredo, bitte. Steh auf, du machst dir die Knie deiner Desi­gner­hose schmutzig. Und hör auf zu schreien, die Akustik in diesem Altbau ist ohnehin furchtbar.
ALFREDO (verwirrt, sucht das Drama)
Aber… die Schwind­sucht! Dein blei­ches Antlitz! Der Arzt sagte, die Stunde schlägt! Wir müssen weinen, schmachten, im Schmerz verschmelzen!
VIOLETTA (schüt­telt den Kopf, reicht ihm ein Glas Wasser)
Der Arzt hat eine Fehl­dia­gnose gestellt. Es war kein Todes­hauch, Alfredo. Es war eine stink­nor­male Bron­chitis, gepaart mit akutem Schlaf­mangel, weil dein Herr Vater mich wochen­lang mit patri­ar­cha­li­schen Schuld­kom­plexen terro­ri­siert hat. Ich habe Anti­bio­tika genommen, viel Tee getrunken und endlich mal acht Stunden am Stück geschlafen.
ALFREDO (fassungslos)
Kein… kein Sterben? Kein tragi­scher Verlust im drei­viertel Takt? Aber was wird aus unserer unsterb­li­chen, leid­vollen Liebe?
VIOLETTA (steht auf, packt einen eleganten Roll­koffer)
Unsere „unsterb­liche Liebe“ bestand haupt­säch­lich daraus, dass ich für deine neuro­ti­schen Fami­li­en­dramen bezahlen sollte, während du in heroi­scher Untä­tig­keit versunken bist. Weißt du, was wirk­lich lang­weilig ist? Sterben, nur damit die Männer im Publikum ein Taschen­tuch heraus­holen können. Ich habe die Pariser Eigen­tums­woh­nung verkauft. Ich ziehe nach Nizza. Ich eröffne eine eigene Galerie.
ALFREDO (entsetzt)
Und ich? Was soll ich singen?
VIOLETTA (lächelt, nimmt ihren Koffer und geht zur Tür)
Sing was Fröh­li­ches, Alfredo. Oder lern kochen. Such dir ein Hobby, das nicht auf dem Unter­gang von Frauen basiert. Adieu!
(Violetta geht ab. Die Musik wech­selt von den tragi­schen Moll-Akkorden schlag­artig in einen beschwingten, jazzigen Up-Tempo-Rhythmus. Der Vorhang fällt schnell.)

Dieser Beitrag ist im April 2026 auf dem Blog von &Radieschen – Zeit­schrift für Lite­ratur” erschienen.

Foto: Gerda Sengst­bratl