Schauerlich & fantastisch 2026
Texte von Michaela Grüdl-Keil, Katja Moissidis und Angelika Moser
Michaela Grüdl-Keil
Metafiktion
„Wach endlich auf!“
Jemand rüttelt an meiner Schulter. Mühsam öffne ich die Augen und taste nach meiner Brille. Eine Gestalt nimmt im Dämmerlicht Form an.
„Na endlich.“
Die Stimme ist mir fremd. „Wer sind Sie?“
„Marc Lucas. Wer sonst?“
Natürlich. Marc Lukas. Wer sonst? Wer sonst könnte mitten in der Nacht vor meinem Bett stehen, wenn nicht Marc Lucas? Ich habe den Namen schon mal gehört, kann ihn aber nicht zuordnen. „Nachname?“, frage ich deshalb.
„Lucas, sagte ich doch, Marc Lucas.“
„Kennen wir uns?“
„Blöde Frage. Hast du deine Erinnerung verloren oder ich?“
„Werde ich mitten in der Nacht geweckt oder du?“
„Du bist eingeschlafen.“ Seine Stimme klingt vorwurfsvoll.
„Es ist Nacht, da schläft man.“
„Du aber nicht“, fordert er.
„Warum ich nicht?“ Noch immer bin ich nicht richtig wach. Aber gleich. Nässe klatscht in mein Gesicht. Marc Lucas hat das Wasserglas, das an meinem Bett stand, über mir ausgekippt. Ich schüttele mich. „Was zum Teufel willst du und wo kommst du überhaupt her?“
„Aus deinem Handy. Woher sonst?“, antwortet er genervt.
Aus meinem Handy. Natürlich! Ich bin gar nicht wach. Ich träume. „Geh dahin zurück. Ich will schlafen. Schla-fen.“
„Du musst zuhören.“
„Muss ich nicht. Will ich nicht.“ Ich schließe die Augen.
„Herrgott nochmal!“ Er schreit jetzt, zieht mir das Kissen unter dem Kopf weg und drückt mir mein Handy in die Hand.
„Spiel. Es. Ab.“
„Hä?“
„Splitter. Das Hörbuch, spiel es ab.“
„Warum?“
„Weil ich wissen muss, wie es weitergeht.“
In meinem Hirn erwachen die Synapsen. Marc Lucas mit zwei C. Der Mann, der bei einem selbstverschuldeten Unfall seine Frau und sein ungeborenes Kind getötet hat und jetzt mit womöglich falschen Erinnerungen lebt. „Du bist die Hauptfigur“, sage ich.
„Endlich kapierst du es.“ Er nickt. „Ich muss wissen, ob ich wirklich den Verstand verliere, oder ob das alles eine Verschwörung ist.“
„Wie soll ich dir dabei helfen?“
„Hör weiter. Ich will wissen, wie es weitergeht.“
„Das geht nicht.“
„Warum nicht?“
„Wenn du hier stehst, fehlt der Protagonist im Hörbuch. Die Story stockt und du erfährst nicht, wie es weitergeht.“
„Verstehe.“ Er nickt wieder. „Das ist ein Problem.“
„Geh zurück“, schlage ich vor.
Er schüttelt den Kopf. Er weiß nicht wie. Schließlich hat er seine Erinnerung verloren.
„Spiel es ab“, fordert er. „Einen Versuch ist es wert.“
„Dieses Hörbuch ist leider beschädigt“, ertönt die Stimme von Simon Jäger.
„Verdammt!“, flucht er. „Was nun?“
„Ich weiß es nicht.“
„Ruf Fitzek an“, schlägt er vor.
Ich nicke. „Morgen. Der schläft jetzt.“
„Okay“, sagt Marc Lucas. „Dann rutsch eben rüber.“
„Auf gar keinen Fall!“ Ich schubse ihn von der Bettkante. Mein Handy fällt mit ihm zu Boden. Ich bücke mich danach. Marc Lucas ist verschwunden.
Ich starte das Hörbuch erneut …
Rollentausch
Es ist zu still hier.
Verschwommen sehe ich die Familienmitglieder am Frühstückstisch.
Münder bewegen sich im lautlosen Gespräch.
Eine unsichtbare Wand trennt uns.
Ich drehe mich im Kreis, doch es gibt kein Entkommen.
Rundherum Gefangenschaft.
Ein Schweben in der Langeweile.
Nichts zu tun.
Ich hadere mit meinem Schicksal.
Finde mich ab.
Stehe still.
Ruhe mich aus.
Er hastet durch Zimmer,
Räumt auf.
Wischt Staub.
Putzt Fenster,
Entfernt eine Schliere von meinem Glas.
Er schiebt den Staubsauger,
Immer noch lautlos, für mich.
Ich beobachte,
Wie die Hausarbeit erledigt wird.
Schwimme.
Eine Runde, zwei, drei …
Immer im Kreis.
Schwerelos von aller Last befreit.
Bald ist Mittagszeit.
Auf dem Speiseplan – Fischstäbchen.
Kannibalismus pur!
Das Universum hat ein Einsehen.
Befreiende Lautstärke der Dunstabzugshaube.
Ich schüttle mich.
Atme tief ein.
Schalte den Herd an.
Später
Streue ich Futter ins Goldfischglas.
Er zwinkert mir zu.
Metaphern / Redewendungen
Tante Agathe war nicht sanft entschlafen.
Der Sensenmann hatte viel Zeit und noch mehr Geduld aufbringen müssen, um die wenig Trauernden von ihr zu befreien.
Der Onkel, der ihrem Sterben beigewohnt hatte, wusste von einem gewahren Gemetzel zu berichten, in dessen Anschluss der erschöpfte Sensenmann ihn gebeten hatte, an seiner Statt das Werkzeug für den nächsten Einsatz zu schärfen. Das war dem Onkel auch genehmer, als die immer noch widerspenstigen Überreste der Tante eigenhändig dem Bestatter zu übergeben.
Das Wort „anvertrauen“ hatte der Bestatter sich verbeten, traute er Tante Agathe doch durchaus zu, eine Wiedergängerin zu sein, die ihn heimsuchen würde.
Der Sensenmann indes verabschiedet sich nach vollendeter Arbeit erleichtert, nicht ohne sich für das frisch geschärfte Werkzeug zu bedanken.
„Möge die Sense so scharf sein wie die Worte der Tante einst waren“, entgegnete der Onkel, „dann wird sie euch weiterhin gute Dienste leisten.“
Tante Agathe indes, ihres Todes wegen begraben worden, lag wenig beglückt in geweihter Erde und haderte mit ihrem Schicksal.
Zu jeder Nacht, die ihrem Ableben folgte, suchte sie den Bestatter auf und forderte, in ihrem Gemüsegarten beigesetzt zu werden, damit sie die Radieschen und anderes Wurzelgemüse beim Wachsen von unten betrachten könne und nicht in der Eintönigkeit des Todes vor Langeweile weitere tausende Male sterben zu müssen.
„Eine Wiedergängerin! Ich wusste es“, seufzte der Bestatter, „Im Leben sowie danach eine rechte Plage.“ Er gab ihrem Drängen nach und in einer Nacht und Nebelaktion begrub er sie kaum einen Meter tief im Garten ihres glücklich verwitweten Gatten. Eine schweißtreibende Arbeit, zumal der Boden bereits zu den ersten Frösten neigte. Doch diese unedle Tat verschaffte dem Bestatter den ersehnten Nachtschlaf.
Es wurde Winter, Tante Agathe schien endlich die ewige Ruhe gefunden zu haben.
Der Schein trog.
Mit Beginn der Aussaat und dem ersten Sprießen der neuen Triebe und Wurzeln erstand die Tante erneut aus ihrem Grabe und besuchte den wenig erfreuten Gatten.
Die Wurzeln der Möhren, Rüben und sonstiger Pflanzen bereiteten ihr wenig Freude, wie sie beklagte. Kartoffelwurzeln kitzelten ihre Nase, Möhren piesackten ihre Rippen und die Radieschen wuchsen zu ihren Füßen, sodass ein Betrachten derselben ihr nicht möglich war.
Nachdem der erste Schock überwunden war, suchte der Onkel den Bestatter auf. Der, ertappt wie er war, sein Fehlverhalten sofort zugab. Aber wenig bedauerte.
Die beiden Männer sannen lange nach und endlich schickte eine gnädige Macht ihnen einen Geistesblitz. Geweihtes Wasser sollte den beiden Heimgesuchten Frieden schenken.
Also hoben die beiden eine tiefere Grube aus undbetteten die Tante erneut um. Sie beteten, dass diese dritte nun auch die letzte Ruhestätte bliebe. Trotz des heftigen Widerstands der Tante legten sie ihr zu Ehren einen Seerosenteich an, gefüllt mit Wasser, das der Bestatter, als selbsternannter Vertreter des Pfarrers, segnete.
Tante Agathe, als Nichtschwimmerin unter dem Teich gefangen, ergab sich ihrem Schicksal und schloss, in Ermangelung einer Alternative, endgültig für immer die Augen.
Katja Moissidis
Seulberg
Mir war die Unterführung von der S‑Bahn zum Haus meiner Schwiegermutter nie so ganz geheuer. Heute aber, mit der längeren Verspätung des Zuges am Hauptbahnhof und dem vom Taunus hereinziehenden Nebel, ist es besonders unangenehm, durch den 70m langen Tunnel zu gehen.
Normalerweise fühle ich mich besser, wenn da noch andere Menschen sind, besonders abends, aber heute irritiert mich die Person, die neben dem Abgang zum zweiten Gleis an der Wand lehnt, mehr als sie sollte. Ein Mann, wahrscheinlich, wenn ich den bulligen Körper auf die Distanz richtig einschätze. Irgendwie… steht der komisch da. Schief? Hat er einen Buckel? Nein, das ist sicher ein Rucksack. Aber der eine Arm sieht schon unverhältnismäßig länger aus als der andere… das bilde ich mir ein.
Ich gehe weiter. Meine Schritte hallen in dem betonierten Gang. In einem Horrorfilm würden jetzt die Streicher einsetzen und mit dissonantem Gekratze den Zusehenden Schauer über den Rücken jagen. Dabei ist das Einzige, wovor ich mich fürchten muss, der abschätzige Blick meiner Schwiegermutter, wenn ihr mal wieder eine Entscheidung in meinem Leben nicht zusagt.
Ich gehe langsam in Richtung der Gestalt und bemühe mich, nicht nach links zu ihm zu schauen. Er hat eine Kapuze auf, lange Haare fallen vorne über das Gesicht. Als ich auf seiner Höhe bin, dreht sich mein Kopf unwillkürlich in seine Richtung, die Gestalt zieht meinen Blick quasi magisch an, ich zwinge mich weiterzugehen… der Kopf hebt sich, die Kapuze verrutscht ein wenig, und unter den Ηaaren blicken mich vier große, rote, glühende Augen an. Panagia, was ist das? Ich will losrennen, aber dann ist es mir, als ob ich vom Blitz getroffen werde, alles hell, ein Schlag…
Mein Kopf tut weh. Langsam orientiere ich mich wieder: Ich liege anscheinend auf einem kalten, harten Untergrund. Ein eisiger Luftzug lässt mich zittern.
Als ich die Augen öffne, braucht es eine Minute bis sich meine Pupillen fokussieren: Eine Gestalt ist über mich gebeugt, ihr Gesicht von mir abgewendet, im Schatten. Ich versuche, mich aufzurichten, aber irgendetwas stimmt nicht: Dort wo meine Beine sein sollten, ist… nichts. Ich spüre keinen Schmerz, aber kann genauso wenig meine Füße in den Turnschuhen fühlen, oder wie die Gürtelschnalle in meinen Bauch drückt. Panik kriecht langsam über den Hinterkopf nach vorne in meine Schläfen – laut atme ich ein.
Die Gestalt reagiert auf meinen Atemzug und wendet sich mir zu. Da sind sie wieder, diese roten, glühenden Augen. Und darunter, wo der Mund sein sollte, drei Zahnreihen, unregelmäßig, nicht gleich groß, aber spitz und lang. Zwei der drei Reihen öffnen sich, dahinter etwas Grünes, sich windend – was ist das für ein Wesen? Es beugt sich über mich.
Mein Herzschlag dröhnt in meinen Ohren, ich muss mich anstrengen zu verstehen was es sagt: “Alles ist gut, nichts passiert”
“Mixup” (nach Kate Baer)
In a cosmic mixup, she woke up as her cat. The sun came in from the window, falling on the oak floorboards and then on her fur – quite relaxing, actually. Four legs all of a sudden… would the pedicure now be twice as expensive, or could she get a discount?
The bowl in the kitchen was illicitly empty, and her litter box still showed the remnants of her bowel movements from last night. “Her” bowel movements? When she went to bed she had still been a petite 5 foot 8 brunette, a far cry from the calico Maine Coon that stared back at her from the hallway mirror.
Would she ever need to go to work again, she thought as she cleaned herself languidly around 2 pm. Maybe she would close her eyes again for a little bit… grooming herself from head to the tip of her tail had made her drowsy. Suddenly her ears pricked up: some commotion in the window, a bird! All 14 pounds of pure adrenaline, she pounced up on the sill and clawed at the glass. The bird was mocking her, for sure! That little shit.
Two days ago she had dropped her black Dolce & Gabbana dress over the back of the sofa. Now was a good time to lay on it and shed profusely. That would teach her not to leave clothes in her favourite lounging spots!
In the evening, nobody came. Who would fill her bowl! She was sure she would starve to death when she heard a person rubbing against the door, purring. Three long, manicured fingernails appeared in the gap underneath the door.
“mit dem 71er fahren”
Ihm waren schon oft die Menschen aufgefallen, die am Schwarzenbergplatz bei der Haltestelle der Straßenbahnlinie 71 warteten. Meistens waren es ältere Personen, oft etwas gebückt, manche mit einer Gehhilfe oder sogar im Rollstuhl. Aber es waren auch ganz normale Erwachsene oder Kinder unter den Wartenden.
Seine Mutter hatte ihm schon als Kind eingeschärft, bei der Station nicht stehenzubleiben, sondern zügig vorbeizugehen. “Nicht hinschauen, Georg!”, hatte sie gezischt, als er einmal geglaubt hatte, die Frau Dvorczak von der 2er Stiege in der Menschentraube zu sehen. Sie zog ihn weg, gegenüber zum D‑Wagen, der sie nachhause zum Karl-Marx-Hof brachte.
Im Juli war es dann für seine Mutter soweit, sie hatte ihr letztes Wochenende damit verbracht, ihren Kasten zu ordnen und ihre Zimmerpflanzen an ihre Nachbarinnen zu verteilen. “Du brauchst mich nicht zur Haltestelle bringen”, sagte sie. Georg bestand aber darauf. Er zog seinen einzigen Anzug an, brauchte viel zu lange um seine Krawatte zu binden, und nahm seine Mutter, die ungeduldig bei der Wohnungstür wartete, noch einmal in den Arm. “Jetzt komm, ich möchte noch der Trafikantin auf Wiedersehen sagen, ich hab das Gefühl, dass sie auch bald den Fahrschein zugeschickt bekommen wird.”
Der Fahrschein der Mutter war vor ungefähr drei Monaten gekommen in einem eingeschriebenen Brief der Stadt Wien. Georg, der zu diesem Zeitpunkt gerade keinen Job und daher Tagesfreizeit hatte, hatte dem Postler die Tür aufgemacht. “Der Fahrschein für Ihre werte Frau Mama wird hiermit zugestellt”, hatte der Mann im gelben Poloshirt, den Georg schon seit seiner Kindheit kannte, gesagt, und ihm den Brief mit ausgestreckten Arm hingehalten. So als ob er ihn loswerden wollte. Dabei wurden die Postbeamten, das wusste Georg, für diese persönlichen Einschreiben extra entlohnt: Sie mussten schließlich manchmal mit Unglauben, Beschwerden, ja sogar physischen Attacken umgehen, von all dem hatte er schon in der Zeitung gelesen. Georg quittierte die Übernahme und legte den Umschlag seiner Mutter auf den Kopfpolster.
Die Mutter hatte ihr bestes Kleid an und stellte die Lederhandtasche auf ihren Knien ab, sobald sie sich im D‑Wagen hingesetzt hatte. Der Umweg in die Trafik war sich dann doch nicht mehr ausgegangen, weil Georg ja so getrödelt hatte, tadelte die Mutter. Die restliche Fahrt zum Schwarzenbergplatz verbrachten sie schweigend. Georg schaute aus dem Fenster und versuchte, sich nicht vorzustellen, wie er dieselbe Strecke alleine zurückfahren würde.
Bei der Haltestelle angekommen ging die Mutter zügig Richtung 71er, während sie ihrem Sohn in einem fort Erledigungen auftrug: “Vergiss nicht, das Gefrierfach regelmäßig abzutauen. Dafür tust du entweder das Gefriergut vorübergehend in die Kühltasche, oder – wenn du es schaffst – kannst du auch alles aufessen. Aber wirklich regelmäßig! Spätestens alle drei Monate, hörst du?” “Ja, Mutter.” “Und die Kellertür gehört mal wieder gestrichen, was sollen die Nachbarn denken. Schreib dir das auf.”
Noch war die Garnitur, die auf Mutters Fahrkarte ausgewiesen, war als die, die sie nehmen sollte, nicht angekommen. Georg bemühte sich, mit seiner Mutter Schritt zu halten – sie war immer so pflichtbewusst gewesen und wollte auch jetzt nicht zu spät kommen. Heute waren viele Menschen da, es hatte letztens auf der Südosttangente einen Unfall mit zwei vollbesetzten Reisebussen gegeben. Sie bahnten sich ihren Weg durch die Wartenden, da fuhr auch schon der 71er ein. Georg wusste, dass seine Mutter versuchen würde, einen Sitzplatz für die ungefähr 30-minütige Fahrt zum Zentralfriedhof zu ergattern. Tor 12, die Endstation öffnete immer nur für die Straßenbahn – ab morgen würde er Tor 3 nehmen. Die Mutter redete weiterhin wie aufgezogen und war jetzt bei grundsätzlichen Ratschlägen angekommen: “Schau halt bitte, dass du diesen Job zumindest länger behältst als ein halbes Jahr. Wenigstens diesen Wunsch könntest du deiner alten Mutter erfüllen.” “Ja, Mutter.” Georg hörte nur mehr mit einem halben Ohr zu, war aber verwundert, dass er Tränen in den Augen hatte. Um sie herum verabschiedeten sich auch andere Menschen voneinander, mal mehr, mal weniger gefasst.
Die Türen der Straßenbahn öffnen sich. Ein letztes Mal die Mutter umarmen. Georg beugt sich zu ihr hinunter und breitet die Arme aus, das ertönt ein “Juuuuhuuuuuu!” von links. Die Mutter strahlt. “Schau, Schurli, die Trafikantin! Das ist ja eine nette Überraschung!” Sie dreht sich um und verschwindet in der Menge.
Auf der Heimfahrt im D‑Wagen überlegt Georg ob es noch Fischstäbchen im Gefrierfach gibt, und ob er genug Bona-Öl hat, um sie sich zum Abendessen herauszubraten. Und wann er die Kellertür streichen wird.
Flash Fiction
Es ist Mitte August, wir sitzen in einer feuchtfröhlichen Mädelsrunde in der Prosecco Bar und feiern ein freudiges Ereignis im Leben meiner Freundin Barbara. “Was ist denn das?”, fragt sie, als sie mein flaches Geschenk aus dem Seidenpapier wickelt.
Ihre Schwester Sabrina weiß sofort Bescheid: “Ein Traumfänger! Den hängst du dir übers Bett, oder ins Fenster.” Carina ergänzt: “Der bewahrt dich vor negativen Energien oder Albträumen.”
“Das besondere an diesem hier”, erkläre ich, “ist, dass er aus Griechenland ist.” Ich streiche mit den Fingern über das Flechtwerk aus blauen und weißen Fäden. “Das Muster ist ein “mati”, das griechische Wort für Auge. Es schützt vor dem bösen Blick”.
Barbara deutet auf die Kette um meinen Hals. “So eines wie auf deinem Anhänger!”
“Genau” antworte ich. “Wenn jemand neidisch ist, oder dir was Schlechtes wünscht.”
Sabrina lacht laut auf und schaut Barbara an: “Wie deine Nachbarin auf der anderen Seite vom Hof! Der alten Schachtel sind deine Petunien so ein Dorn im Auge, die wuchern nämlich wie blöd, während ihre Pelargonien ganz mickrig ausschauen.”
“Häng den Traumfänger auf den Balkon, dann hast du keine Albträume”, rät Carina. “Die hab ich seit Donnerstag eh nicht mehr!”, freut sich Barbara, und wir stoßen auf sie an.
Am 27. August fällt ein vier Tonnen schweres Schrottteil einer SpaceX-Rakete auf einen Wohnkomplex in der Wiener Thaliastraße. Das Gebäude wird komplett zerstört, nur die Stiege 1 bleibt unversehrt. Auf dem Balkon im 4. Stock blüht es rosa, rot und violett.
Angelika Moser
Body-Switch
Ich öffne meine Augen
und die Welt um mich herum ist größer.
Sie ist auch weiter und höher.
Der Tisch ragt über mir empor wie das Empire State Building.
Der Teppich ist ein Wald aus Fasern und Gerüchen.
Der Türstock schmeichelt mir mit seiner harten Kante.
Ich will aufstehen, doch meine Beine tragen mich nicht.
Und trotzdem bewege ich mich fort.
Auf leisen Sohlen schleiche ich durch die Gänge,
ohne einen Laut von mir zu geben.
Ich sehe den Staub unter dem Schrank,
rieche die Herbstluft, die durch die Ritzen der Balkontür zieht,
und höre plötzlich Schritte hinter der Küchentür,
lange bevor sie sich öffnet.
Ich bin die Ruhe selbst.
Tiefenentspannt.
Total gechilled, kein Stress, keine To-Do-Listen.
Dann ruft jemand meinen Namen.
Ich antworte.
Doch aus meinem Mund kommt nur ein: Miau.
Ich lege mich auf den Rücken
und lasse alle fünfe gerade sein.
Und tief in mir beginnt es zu schnurren.
Das alte Haus von Rocky Docky
Das alte Haus von Rocky Docky
ist jetzt der Zufluchtsort von Mr. Spocky.
Jeden Morgen geh ich dort vorbei,
bis jetzt war’s mir völlig einerlei.
Doch gestern sah ich einen Schatten
sich bewegen hinter all den morschen Latten.
Ich schlich mich an das Haus heran
und presste meine Nase an die Fensterscheibe an.
Das, was ich sah, war wild und, oh surprise,
die halbe Crew von Raumschiff Enterprise.
Das alte Haus von Rocky Docky
ist jetzt der Zufluchtsort von Mr. Spocky.
Da stand Captain Kirk in voller Montur,
dort auf dem Tisch, was machte er nur?
Er schwang die Hüften, ganz locker und senza tortura,
mit der unglaublichen Lieutenant Uhura.
Die Musik groovte durch die Ritzen im Haus,
ich konnte nicht anders und klatschte Applaus.
Da kam um die Ecke ein spitzohriger Kopf,
ich konnt‘ es nicht glauben, es war Mr. Spock.
Scotty, beam mich rein, war mein sehnlichster Wille,
fürs medizinische Wohl sorgte schon Dr. Pille.
Das alte Haus von Rocky Docky
ist jetzt der Zufluchtsort von Mr. Spocky.
Kaffeeautomat
Ohne Kaffee ging gar nichts. Koffein war mein Lebenselixier, wie sonst sollte ich meine Arbeit als 0815-Analystin überleben. Eine langweilige Tätigkeit in einem anonymen Großraumbüro, in dem alle aneinander vorbeiliefen wie nach der Zombieapokalypse. Jeden Morgen um 8:00 Uhr holte ich mir also im Büro denselben Kaffee beim Automaten:
Espresso, doppelt, ohne Zucker.
Eine Münze, zwei Knöpfe, ein Becher, fertig.
Ich gähnte, als ich die Münze in den Schlitz steckte und auf die Espresso-Taste drückte. Mein Blick war von der Müdigkeit noch verschwommen, aber so viel konnte ich erkennen: Anstelle der Information „Getränk wird vorbereitet“ stand auf dem Display: „Heute besser nicht“.
Der Kaffee kam trotzdem und ich startete wie jeden Montag in die Arbeitswoche.
Am Dienstag stellte das Display fest: „Du warst doch schon gestern da.“
Trotzdem kam der Kaffee. Ich fragte meine Kollegen, was mit dem Automaten los sei, erntete aber nur fragende Blicke.
Am Mittwoch dasselbe Spiel. „Lass es.“
Und der Espresso tröpfelte in den Becher.
Am Donnerstag erschien der Satz: „Dreh dich nicht um.“
Ich musste an den Mythos von Orpheus denken, der beim Versuch, Eurydike aus der Unterwelt zu befreien, kläglich scheiterte, weil er der Versuchung, sich umzudrehen, nicht widerstehen konnte.
Ich drehte mich nicht um.
Am Freitag wiederholte das Display den Satz, diesmal mit drei Ausrufezeichen.
Ich war mir in der Zwischenzeit sicher, dass mir meine Kollegen einen Streich spielen würden. Vielleicht hatten sie sogar insgeheim eine Überraschungsparty anlässlich meines Geburtstags geplant. Doch keine Zombies, sondern eigentlich ganz liebe Kollegen.
Natürlich drehte ich mich diesmal um.
Alles war leer. Keine Türen. Keine Büros. Keine Fenster. Keine Kollegen.
Ein endloser weißer Korridor.
Und eine Stimme aus dem Kaffeeautomaten: „Jetzt weißt du es.“
Metaphern mal wörtlich genommen
Der Wecker klingelt um 5:00 Uhr früh.
„Wir haben heute eine Menge zu tun. Steh auf“, rüttelt mich Sam aus dem Schlaf. „Die Arbeit macht sich schließlich nicht von allein.“
Das war nur fair. Wir stehen auf dem Bauernhof immer mit den Hühnern auf, schließlich sollen für alle dieselben Regeln gelten.
„Hast du schon den Tagesplan erstellt?“, frage ich Sam schlaftrunken.
„Nein, noch nicht, das machen wir jetzt schnell gemeinsam.“
Mit einer dampfenden Tasse Kaffee sitzen wir wenige Minuten später in der Küche und tüfteln unseren Plan für den Tag aus.
„Weißt du was, wir starten einfach mal rein und beginnen damit, die Spreu vom Weizen zu trennen“, sagt Sam und macht sich startklar.
„Das ist ein super Plan“, erwidere ich, „aber ich fürchte, ich kann dir nicht das Wasser reichen.“
„Kein Problem“, meint Sam, „dafür habe ich schon vorgesorgt und den Krug mit Wasser nicht mehr in das oberste Regal gestellt, sodass du ohne Probleme, und vor allem ohne Leiter, dazu kommst.“
„Das ist perfekt“, antworte ich und wir stürzen uns in die Arbeit.
Als wir uns vom harten Aufprall erholt haben, trennen wir in mühevoller Kleinarbeit auf dem Acker die Spreu vom Weizen und gehen dann in den Hühnerstall, wo wir voller Freude sehen, wie Henry, unser blindes Huhn, genussvoll ein Korn verspeist. Wir schwingen uns auf den Traktor, um zum Heustadel zu fahren, um endlich die Nadel im Heuhaufen zu suchen, die ich beim letzten Strickabend dort verloren habe. Sonst würde ich den Schal ja nie fertig bekommen. Doch der Traktor bleibt im Acker stecken und wir müssen den Karren aus dem Dreck ziehen. Völlig erledigt geht es in die Mittagspause.
Mit vollem Bauch sind wir gegen 14:00 Uhr wieder am Feld und verjagen die hungrigen Krähen. Sam zieht sein Gewehr, doch es hat Ladehemmung und ihm bleibt nichts anderes übrig, als die Flinte ins Korn zu werfen, wo sie viel Staub aufwirbelt und die Krähen doch noch vertreibt.
Zurück beim Stall lassen wir die Sau raus und schauen begeistert zu, wie Emma sich mit den Frischlingen im Dreck wälzt. Dann kommt auch noch Rüdiger, der Eber, aus dem Stall. „Da haben wir wirklich Schwein gehabt“, rufe ich.
Wir buddeln ein Loch für unsere nächste Arbeit. Nachdem wir die Radieschen von unten angesehen und überprüft haben, ob sie schon erntereif sind, lassen wir uns völlig erschöpft auf die Wiese fallen und beißen ins Gras. Es gibt nichts Besseres als den Geschmack sonnengereifter, saftiger Grashalme nach einem harten, aber erfolgreichen Arbeitstag auf dem Bauernhof.
Metafiktion
Mitte November, kalte Nebelschwaden ziehen draußen vorbei, die Tasse heißer Ingwertee wärmt von innen. Der perfekte Abend, um mir zum gefühlt zehnten Mal The Shining anzusehen. Best Horror-Movie ever. Jack Nicholson in seiner Paraderolle.
Ich schiebe mir eine Handvoll Popcorn in den Mund, als Jack gerade die Zimmertür mit der Axt malträtiert, um zu seiner Frau durchzudringen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich höre das Krachen der Holzlatten und das Klingeln an meiner Wohnungstür.
Ich öffne.
Jack Torrance himself steht vor der Tür. Ich werfe einen Blick zum Standbild meines Fernsehers. Kein Zweifel: dieselbe Kleidung, dasselbe Grinsen, dieselbe Axt.
Allerdings wirkt er etwas verwirrt.
„Wo ist das Hotel?“, will er wissen.
Ich erkläre ihm, dass er eine Filmfigur ist und dass The Shining vor Jahrzehnten gedreht wurde und dass es das Overlook Hotel in Wahrheit nicht gibt.
Er glaubt mir nicht, also setzen wir uns vor den Bildschirm und starten den Film von vorne.
Jack sieht sich selbst durch die Gänge laufen und je länger er zusieht, desto nervöser wird er. Schließlich gelangen wir wieder zu der Szene, in der er, getrieben vom Wahnsinn, mit der Axt auf die Tür einschlägt. Wir schauen uns an. Kurz bevor das Holz zersplittert, klingelt es erneut an meiner Wohnungstür …
Die Texte sind im Schreibworkshop “schauerlich & fantastisch” mit Britta Mühlbauer entstanden. Der nächste Termin steht auch schon fest.