Alufolie
Ein Text von Stefanie Höring
Ich habe Alufolie auf dem Kopf, damit ich die blonde Illusion wiederherstelle. Ich sitze vor dem kleinen Frisörsalon. Passanten gehen an mir vorüber. Sie tragen ihre Einkäufe wie Schätze vor sich her. An Samstagen muss man sich ausstatten, damit keine Hungersnot ausbricht. Meine Kopfhaut juckt. Ich mache ein Selfie für Instagram, sehe, dass sich mein Haaransatz schon rot verfärbt hat. Vielleicht verträgt meine Haut keine Chemie. Ich sehe auf das Display meines Smartphones. 17:50 Uhr. Bald macht er zu, der Frisörsalon Daschauhair. Ich höre ich die Klingel, die ertönt, als ich die Tür öffne. Ich sehe ihn an. Richie. Mein Frisör seit 2009. Er ist kaum größer als ich. Er trägt seine schwarzen Haare zu einem Manbun gebunden. Ich gehe mit langsamen Schritten auf ihn zu, höre, wie die Alufolie auf meinem Kopf raschelt. „Ich sperr gleich zu!“, raunt er, kommt auf mich zu. Meet me halfway, rezitiert mein Kopf das Lied von den Black Eyed Peas. Right at the borderline. That′s where I’m gonna wait for youuuuuu.Er befühlt die Alufolie. Knetet die Alu-Päckchen sanft mit beiden Händen. Ich spüre seinen warmen Atem an meiner Schläfe. Ich wage für einen Moment nicht mehr zu atmen. „Wir waschen das aus!“, sagt er und dirigiert mich zum Waschplatz. Ich spüre lauwarmes Wasser meinen Nacken entlanglaufen. Seine Finger massieren meinen Kopf. Sie gleiten durch die glitschigen Strähnen. Machen quietschende Geräusche. Meinen Nacken läuft ein Schauer hinunter, den ich sonst nur von ASMR-Videos kenne. Richie dreht den Wasserhahn zu. Er öffnet meinen Umhang, wirft ihn ruckartig zu Boden. Ich hebe meinen Kopf an. Richie geht vor mir in die Hocke. „Du bist meine letzte Kundin für heute!“, raunt er. Immer näher rückt sein Kopf. Er sieht mir tief in die Augen. Wasser tropft auf mein Dekolleté. Er sieht abwechselnd in meine Augen und auf meinen Mund. Draußen höre ich Sirenen. Bestimmt wieder ein Diebstahl kurz vor Ladenschluss. Er fährt mit seinem Zeigefinger meine Lippen entlang. Umrandet sie wie unerforschtes Terrain. Ein Blick in seine haselnussbraunen Augen, ehe sich unsere Lippen treffen. Gierig schmelzen unsere Münder eineinander, ehe ich die Glocke wahrnehme. Wir liegen auf dem Linoleum und knutschen wie Teenager. Meine Finger berühren Richies kratzigen Wollpullover. Richie springt auf. Ich versuche, mich zu sammeln. Da steht ein älterer Mann mit einem Dackel in der Tür. „Föhnen und legen hatte die Dame, oder?“
Der Text von Stefanie Höring ist im Schreibworkshop “Beben und beben lassen – über Sex und Erotik im Text” mit Bettina Baláka entstanden.