Schau­er­lich & fantas­tisch 2026

Texte von Michaela Grüdl-Keil, Katja Mois­sidis und Ange­lika Moser

Michaela Grüdl-Keil

Meta­fik­tion

Wach endlich auf!“
Jemand rüttelt an meiner Schulter. Mühsam öffne ich die Augen und taste nach meiner Brille. Eine Gestalt nimmt im Dämmer­licht Form an.
„Na endlich.“
Die Stimme ist mir fremd. „Wer sind Sie?“
„Marc Lucas. Wer sonst?“
Natür­lich. Marc Lukas. Wer sonst? Wer sonst könnte mitten in der Nacht vor meinem Bett stehen, wenn nicht Marc Lucas? Ich habe den Namen schon mal gehört, kann ihn aber nicht zuordnen. „Nach­name?“, frage ich deshalb.
„Lucas, sagte ich doch, Marc Lucas.“
„Kennen wir uns?“
„Blöde Frage. Hast du deine Erin­ne­rung verloren oder ich?“
„Werde ich mitten in der Nacht geweckt oder du?“
„Du bist einge­schlafen.“ Seine Stimme klingt vorwurfs­voll.
„Es ist Nacht, da schläft man.“
„Du aber nicht“, fordert er.
„Warum ich nicht?“ Noch immer bin ich nicht richtig wach. Aber gleich. Nässe klatscht in mein Gesicht. Marc Lucas hat das Wasser­glas, das an meinem Bett stand, über mir ausge­kippt. Ich schüt­tele mich. „Was zum Teufel willst du und wo kommst du über­haupt her?“
„Aus deinem Handy. Woher sonst?“, antwortet er genervt.
Aus meinem Handy. Natür­lich! Ich bin gar nicht wach. Ich träume. „Geh dahin zurück. Ich will schlafen. Schla-fen.“
„Du musst zuhören.“
„Muss ich nicht. Will ich nicht.“ Ich schließe die Augen.
„Herr­gott nochmal!“ Er schreit jetzt, zieht mir das Kissen unter dem Kopf weg und drückt mir mein Handy in die Hand.
„Spiel. Es. Ab.“
„Hä?“
„Splitter. Das Hörbuch, spiel es ab.“
„Warum?“
„Weil ich wissen muss, wie es weiter­geht.“
In meinem Hirn erwa­chen die Synapsen. Marc Lucas mit zwei C. Der Mann, der bei einem selbst­ver­schul­deten Unfall seine Frau und sein unge­bo­renes Kind getötet hat und jetzt mit womög­lich falschen Erin­ne­rungen lebt. „Du bist die Haupt­figur“, sage ich.
„Endlich kapierst du es.“ Er nickt. „Ich muss wissen, ob ich wirk­lich den Verstand verliere, oder ob das alles eine Verschwö­rung ist.“
„Wie soll ich dir dabei helfen?“
„Hör weiter. Ich will wissen, wie es weiter­geht.“
„Das geht nicht.“
„Warum nicht?“
„Wenn du hier stehst, fehlt der Prot­ago­nist im Hörbuch. Die Story stockt und du erfährst nicht, wie es weiter­geht.“
„Verstehe.“ Er nickt wieder. „Das ist ein Problem.“
„Geh zurück“, schlage ich vor.
Er schüt­telt den Kopf. Er weiß nicht wie. Schließ­lich hat er seine Erin­ne­rung verloren.
„Spiel es ab“, fordert er. „Einen Versuch ist es wert.“
„Dieses Hörbuch ist leider beschä­digt“, ertönt die Stimme von Simon Jäger.
„Verdammt!“, flucht er. „Was nun?“
„Ich weiß es nicht.“
„Ruf Fitzek an“, schlägt er vor.
Ich nicke. „Morgen. Der schläft jetzt.“
„Okay“, sagt Marc Lucas. „Dann rutsch eben rüber.“
„Auf gar keinen Fall!“ Ich schubse ihn von der Bett­kante. Mein Handy fällt mit ihm zu Boden. Ich bücke mich danach. Marc Lucas ist verschwunden.
Ich starte das Hörbuch erneut …

Rollen­tausch

Es ist zu still hier.
Verschwommen sehe ich die Fami­li­en­mit­glieder am Früh­stücks­tisch.
Münder bewegen sich im laut­losen Gespräch.
Eine unsicht­bare Wand trennt uns.
Ich drehe mich im Kreis, doch es gibt kein Entkommen.
Rund­herum Gefan­gen­schaft.
Ein Schweben in der Lange­weile.
Nichts zu tun.
Ich hadere mit meinem Schicksal.
Finde mich ab.
Stehe still.
Ruhe mich aus.

Er hastet durch Zimmer,
Räumt auf.
Wischt Staub.
Putzt Fenster,
Entfernt eine Schliere von meinem Glas.
Er schiebt den Staub­sauger,
Immer noch lautlos, für mich.

Ich beob­achte,
Wie die Haus­ar­beit erle­digt wird.
Schwimme.
Eine Runde, zwei, drei …
Immer im Kreis.
Schwe­relos von aller Last befreit.
Bald ist Mittagszeit.

Auf dem Spei­se­plan – Fisch­stäb­chen.
Kanni­ba­lismus pur!

Das Universum hat ein Einsehen.

Befrei­ende Laut­stärke der Dunst­ab­zugs­haube.
Ich schüttle mich.
Atme tief ein.
Schalte den Herd an.

Später
Streue ich Futter ins Gold­fisch­glas.
Er zwin­kert mir zu.

Meta­phern / Redewendungen

Tante Agathe war nicht sanft entschlafen.
Der Sensen­mann hatte viel Zeit und noch mehr Geduld aufbringen müssen, um die wenig Trau­ernden von ihr zu befreien.
Der Onkel, der ihrem Sterben beigewohnt hatte, wusste von einem gewahren Gemetzel zu berichten, in dessen Anschluss der erschöpfte Sensen­mann ihn gebeten hatte, an seiner Statt das Werk­zeug für den nächsten Einsatz zu schärfen. Das war dem Onkel auch genehmer, als die immer noch wider­spens­tigen Über­reste der Tante eigen­händig dem Bestatter zu über­geben.
Das Wort „anver­trauen“ hatte der Bestatter sich verbeten, traute er Tante Agathe doch durchaus zu, eine Wieder­gän­gerin zu sein, die ihn heim­su­chen würde.
Der Sensen­mann indes verab­schiedet sich nach voll­endeter Arbeit erleich­tert, nicht ohne sich für das frisch geschärfte Werk­zeug zu bedanken.
„Möge die Sense so scharf sein wie die Worte der Tante einst waren“, entgeg­nete der Onkel, „dann wird sie euch weiterhin gute Dienste leisten.“
Tante Agathe indes, ihres Todes wegen begraben worden, lag wenig beglückt in geweihter Erde und haderte mit ihrem Schicksal.
Zu jeder Nacht, die ihrem Ableben folgte, suchte sie den Bestatter auf und forderte, in ihrem Gemü­se­garten beigesetzt zu werden, damit sie die Radies­chen und anderes Wurzel­ge­müse beim Wachsen von unten betrachten könne und nicht in der Eintö­nig­keit des Todes vor Lange­weile weitere tausende Male sterben zu müssen.
„Eine Wieder­gän­gerin! Ich wusste es“, seufzte der Bestatter, „Im Leben sowie danach eine rechte Plage.“ Er gab ihrem Drängen nach und in einer Nacht und Nebel­ak­tion begrub er sie kaum einen Meter tief im Garten ihres glück­lich verwit­weten Gatten. Eine schweiß­trei­bende Arbeit, zumal der Boden bereits zu den ersten Frösten neigte. Doch diese unedle Tat verschaffte dem Bestatter den ersehnten Nacht­schlaf.
Es wurde Winter, Tante Agathe schien endlich die ewige Ruhe gefunden zu haben.
Der Schein trog.
Mit Beginn der Aussaat und dem ersten Sprießen der neuen Triebe und Wurzeln erstand die Tante erneut aus ihrem Grabe und besuchte den wenig erfreuten Gatten.
Die Wurzeln der Möhren, Rüben  und sons­tiger Pflanzen berei­teten ihr wenig Freude, wie sie beklagte. Kartof­fel­wur­zeln kitzelten ihre Nase, Möhren piesackten ihre Rippen und die Radies­chen wuchsen zu ihren Füßen, sodass ein Betrachten derselben ihr nicht möglich war.
Nachdem der erste Schock über­wunden war, suchte der Onkel den Bestatter auf. Der, ertappt wie er war, sein Fehl­ver­halten sofort zugab. Aber wenig bedau­erte.
Die beiden Männer sannen lange nach und endlich schickte eine gnädige Macht ihnen einen Geis­tes­blitz. Geweihtes Wasser sollte den beiden Heim­ge­suchten Frieden schenken.
Also hoben die beiden eine tiefere Grube aus undbet­teten die Tante erneut um. Sie beteten, dass diese dritte nun auch die letzte Ruhe­stätte bliebe. Trotz des heftigen Wider­stands der Tante legten sie ihr zu Ehren einen Seero­sen­teich an, gefüllt mit Wasser, das der Bestatter, als selbst­er­nannter Vertreter des Pfar­rers, segnete.
Tante Agathe, als Nicht­schwim­merin unter dem Teich gefangen, ergab sich ihrem Schicksal und schloss, in Erman­ge­lung einer Alter­na­tive, endgültig für immer die Augen.

Katja Mois­sidis

Seul­berg

Mir war die Unter­füh­rung von der S‑Bahn zum Haus meiner Schwie­ger­mutter nie so ganz geheuer. Heute aber, mit der längeren Verspä­tung des Zuges am Haupt­bahnhof und dem vom Taunus herein­zie­henden Nebel, ist es beson­ders unan­ge­nehm, durch den 70m langen Tunnel zu gehen. 

Norma­ler­weise fühle ich mich besser, wenn da noch andere Menschen sind, beson­ders abends, aber heute irri­tiert mich die Person, die neben dem Abgang zum zweiten Gleis an der Wand lehnt, mehr als sie sollte. Ein Mann, wahr­schein­lich, wenn ich den bulligen Körper auf die Distanz richtig einschätze. Irgendwie… steht der komisch da. Schief? Hat er einen Buckel? Nein, das ist sicher ein Ruck­sack. Aber der eine Arm sieht schon unver­hält­nis­mäßig länger aus als der andere… das bilde ich mir ein. 

Ich gehe weiter. Meine Schritte hallen in dem beto­nierten Gang. In einem Horror­film würden jetzt die Strei­cher einsetzen und mit disso­nantem Gekratze den Zuse­henden Schauer über den Rücken jagen. Dabei ist das Einzige, wovor ich mich fürchten muss, der abschät­zige Blick meiner Schwie­ger­mutter, wenn ihr mal wieder eine Entschei­dung in meinem Leben nicht zusagt. 

Ich gehe langsam in Rich­tung der Gestalt und bemühe mich, nicht nach links zu ihm zu schauen. Er hat eine Kapuze auf, lange Haare fallen vorne über das Gesicht. Als ich auf seiner Höhe bin, dreht sich mein Kopf unwill­kür­lich in seine Rich­tung, die Gestalt zieht meinen Blick quasi magisch an, ich zwinge mich weiter­zu­gehen… der Kopf hebt sich, die Kapuze verrutscht ein wenig, und unter den Ηaaren blicken mich vier große, rote, glühende Augen an. Panagia, was ist das? Ich will losrennen, aber dann ist es mir, als ob ich vom Blitz getroffen werde, alles hell, ein Schlag…

Mein Kopf tut weh. Langsam orien­tiere ich mich wieder: Ich liege anschei­nend auf einem kalten, harten Unter­grund. Ein eisiger Luftzug lässt mich zittern. 

Als ich die Augen öffne, braucht es eine Minute bis sich meine Pupillen fokus­sieren: Eine Gestalt ist über mich gebeugt, ihr Gesicht von mir abge­wendet, im Schatten. Ich versuche, mich aufzu­richten, aber irgend­etwas stimmt nicht: Dort wo meine Beine sein sollten, ist… nichts. Ich spüre keinen Schmerz, aber kann genauso wenig meine Füße in den Turn­schuhen fühlen, oder wie die Gürtel­schnalle in meinen Bauch drückt. Panik kriecht langsam über den Hinter­kopf nach vorne in meine Schläfen – laut atme ich ein. 

Die Gestalt reagiert auf meinen Atemzug und wendet sich mir zu. Da sind sie wieder, diese roten, glühenden Augen. Und darunter, wo der Mund sein sollte, drei Zahn­reihen, unre­gel­mäßig, nicht gleich groß, aber spitz und lang. Zwei der drei Reihen öffnen sich, dahinter etwas Grünes, sich windend – was ist das für ein Wesen? Es beugt sich über mich.

Mein Herz­schlag dröhnt in meinen Ohren, ich muss mich anstrengen zu verstehen was es sagt: “Alles ist gut, nichts passiert”

Mixup” (nach Kate Baer)

In a cosmic mixup, she woke up as her cat. The sun came in from the window, falling on the oak floor­boards and then on her fur – quite rela­xing, actually. Four legs all of a sudden… would the pedi­cure now be twice as expen­sive, or could she get a discount?

The bowl in the kitchen was illi­citly empty, and her litter box still showed the remnants of her bowel move­ments from last night. “Her” bowel move­ments? When she went to bed she had still been a petite 5 foot 8 brunette, a far cry from the calico Maine Coon that stared back at her from the hallway mirror.

Would she ever need to go to work again, she thought as she cleaned herself languidly around 2 pm. Maybe she would close her eyes again for a little bit… groo­ming herself from head to the tip of her tail had made her drowsy. Suddenly her ears pricked up: some commo­tion in the window, a bird! All 14 pounds of pure adre­na­line, she pounced up on the sill and clawed at the glass. The bird was mocking her, for sure! That little shit.

Two days ago she had dropped her black Dolce & Gabbana dress over the back of the sofa. Now was a good time to lay on it and shed profu­sely. That would teach her not to leave clothes in her favou­rite lounging spots! 

In the evening, nobody came. Who would fill her bowl! She was sure she would starve to death when she heard a person rubbing against the door, purring. Three long, mani­cured finger­nails appeared in the gap under­neath the door.

mit dem 71er fahren”

Ihm waren schon oft die Menschen aufge­fallen, die am Schwar­zen­berg­platz bei der Halte­stelle der Stra­ßen­bahn­linie 71 warteten. Meis­tens waren es ältere Personen, oft etwas gebückt, manche mit einer Gehhilfe oder sogar im Roll­stuhl. Aber es waren auch ganz normale Erwach­sene oder Kinder unter den Wartenden. 

Seine Mutter hatte ihm schon als Kind einge­schärft, bei der Station nicht stehen­zu­bleiben, sondern zügig vorbei­zu­gehen. “Nicht hinschauen, Georg!”, hatte sie gezischt, als er einmal geglaubt hatte, die Frau Dvor­czak von der 2er Stiege in der Menschen­traube zu sehen. Sie zog ihn weg, gegen­über zum D‑Wagen, der sie nach­hause zum Karl-Marx-Hof brachte.

Im Juli war es dann für seine Mutter soweit, sie hatte ihr letztes Wochen­ende damit verbracht, ihren Kasten zu ordnen und ihre Zimmer­pflanzen an ihre Nach­ba­rinnen zu verteilen. “Du brauchst mich nicht zur Halte­stelle bringen”, sagte sie. Georg bestand aber darauf. Er zog seinen einzigen Anzug an, brauchte viel zu lange um seine Krawatte zu binden, und nahm seine Mutter, die unge­duldig bei der Wohnungstür wartete, noch einmal in den Arm. “Jetzt komm, ich möchte noch der Trafi­kantin auf Wieder­sehen sagen, ich hab das Gefühl, dass sie auch bald den Fahr­schein zuge­schickt bekommen wird.”

Der Fahr­schein der Mutter war vor unge­fähr drei Monaten gekommen in einem einge­schrie­benen Brief der Stadt Wien. Georg, der zu diesem Zeit­punkt gerade keinen Job und daher Tages­frei­zeit hatte, hatte dem Postler die Tür aufge­macht. “Der Fahr­schein für Ihre werte Frau Mama wird hiermit zuge­stellt”, hatte der Mann im gelben Polo­shirt, den Georg schon seit seiner Kind­heit kannte, gesagt, und ihm den Brief mit ausge­streckten Arm hinge­halten. So als ob er ihn loswerden wollte. Dabei wurden die Post­be­amten, das wusste Georg, für diese persön­li­chen Einschreiben extra entlohnt: Sie mussten schließ­lich manchmal mit Unglauben, Beschwerden, ja sogar physi­schen Atta­cken umgehen, von all dem hatte er schon in der Zeitung gelesen. Georg quit­tierte die Über­nahme und legte den Umschlag seiner Mutter auf den Kopfpolster.

Die Mutter hatte ihr bestes Kleid an und stellte die Leder­hand­ta­sche auf ihren Knien ab, sobald sie sich im D‑Wagen hinge­setzt hatte. Der Umweg in die Trafik war sich dann doch nicht mehr ausge­gangen, weil Georg ja so getrö­delt hatte, tadelte die Mutter. Die rest­liche Fahrt zum Schwar­zen­berg­platz verbrachten sie schwei­gend. Georg schaute aus dem Fenster und versuchte, sich nicht vorzu­stellen, wie er dieselbe Strecke alleine zurück­fahren würde.

Bei der Halte­stelle ange­kommen ging die Mutter zügig Rich­tung 71er, während sie ihrem Sohn in einem fort Erle­di­gungen auftrug: “Vergiss nicht, das Gefrier­fach regel­mäßig abzu­tauen. Dafür tust du entweder das Gefriergut vorüber­ge­hend in die Kühl­ta­sche, oder – wenn du es schaffst – kannst du auch alles aufessen. Aber wirk­lich regel­mäßig! Spätes­tens alle drei Monate, hörst du?” “Ja, Mutter.” “Und die Kellertür gehört mal wieder gestri­chen, was sollen die Nach­barn denken. Schreib dir das auf.” 

Noch war die Garnitur, die auf Mutters Fahr­karte ausge­wiesen, war als die, die sie nehmen sollte, nicht ange­kommen. Georg bemühte sich, mit seiner Mutter Schritt zu halten – sie war immer so pflicht­be­wusst gewesen und wollte auch jetzt nicht zu spät kommen. Heute waren viele Menschen da, es hatte letz­tens auf der Südost­tan­gente einen Unfall mit zwei voll­be­setzten Reise­bussen gegeben. Sie bahnten sich ihren Weg durch die Wartenden, da fuhr auch schon der 71er ein. Georg wusste, dass seine Mutter versu­chen würde, einen Sitz­platz für die unge­fähr 30-minü­tige Fahrt zum Zentral­friedhof zu ergat­tern. Tor 12, die Endsta­tion öffnete immer nur für die Stra­ßen­bahn – ab morgen würde er Tor 3 nehmen. Die Mutter redete weiterhin wie aufge­zogen und war jetzt bei grund­sätz­li­chen Ratschlägen ange­kommen: “Schau halt bitte, dass du diesen Job zumin­dest länger behältst als ein halbes Jahr. Wenigs­tens diesen Wunsch könn­test du deiner alten Mutter erfüllen.” “Ja, Mutter.” Georg hörte nur mehr mit einem halben Ohr zu, war aber verwun­dert, dass er Tränen in den Augen hatte. Um sie herum verab­schie­deten sich auch andere Menschen vonein­ander, mal mehr, mal weniger gefasst. 

Die Türen der Stra­ßen­bahn öffnen sich. Ein letztes Mal die Mutter umarmen. Georg beugt sich zu ihr hinunter und breitet die Arme aus, das ertönt ein “Juuuuhuuuuuu!” von links. Die Mutter strahlt. “Schau, Schurli, die Trafi­kantin! Das ist ja eine nette Über­ra­schung!” Sie dreht sich um und verschwindet in der Menge.

Auf der Heim­fahrt im D‑Wagen über­legt Georg ob es noch Fisch­stäb­chen im Gefrier­fach gibt, und ob er genug Bona-Öl hat, um sie sich zum Abend­essen heraus­zu­braten. Und wann er die Kellertür strei­chen wird.

Flash Fiction

Es ist Mitte August, wir sitzen in einer feucht­fröh­li­chen Mädels­runde in der Prosecco Bar und feiern ein freu­diges Ereignis im Leben meiner Freundin Barbara. “Was ist denn das?”, fragt sie, als sie mein flaches Geschenk aus dem Seiden­pa­pier wickelt.

Ihre Schwester Sabrina weiß sofort Bescheid: “Ein Traum­fänger! Den hängst du dir übers Bett, oder ins Fenster.” Carina ergänzt: “Der bewahrt dich vor nega­tiven Ener­gien oder Albträumen.” 

Das beson­dere an diesem hier”, erkläre ich, “ist, dass er aus Grie­chen­land ist.” Ich streiche mit den Fingern über das Flecht­werk aus blauen und weißen Fäden. “Das Muster ist ein “mati”, das grie­chi­sche Wort für Auge. Es schützt vor dem bösen Blick”. 

Barbara deutet auf die Kette um meinen Hals. “So eines wie auf deinem Anhänger!” 

Genau” antworte ich. “Wenn jemand neidisch ist, oder dir was Schlechtes wünscht.” 

Sabrina lacht laut auf und schaut Barbara an: “Wie deine Nach­barin auf der anderen Seite vom Hof! Der alten Schachtel sind deine Petu­nien so ein Dorn im Auge, die wuchern nämlich wie blöd, während ihre Pelar­go­nien ganz mickrig ausschauen.” 

Häng den Traum­fänger auf den Balkon, dann hast du keine Albträume”, rät Carina. “Die hab ich seit Donnerstag eh nicht mehr!”, freut sich Barbara, und wir stoßen auf sie an. 

Am 27. August fällt ein vier Tonnen schweres Schrott­teil einer SpaceX-Rakete auf einen Wohn­kom­plex in der Wiener Thalia­straße. Das Gebäude wird komplett zerstört, nur die Stiege 1 bleibt unver­sehrt. Auf dem Balkon im 4. Stock blüht es rosa, rot und violett.

Ange­lika Moser

Body-Switch

Ich öffne meine Augen
und die Welt um mich herum ist größer.
Sie ist auch weiter und höher.
Der Tisch ragt über mir empor wie das Empire State Buil­ding.
Der Teppich ist ein Wald aus Fasern und Gerü­chen.
Der Türstock schmei­chelt mir mit seiner harten Kante.

Ich will aufstehen, doch meine Beine tragen mich nicht.
Und trotzdem bewege ich mich fort.
Auf leisen Sohlen schleiche ich durch die Gänge,
ohne einen Laut von mir zu geben.

Ich sehe den Staub unter dem Schrank,
rieche die Herbst­luft, die durch die Ritzen der Balkontür zieht,
und höre plötz­lich Schritte hinter der Küchentür,
lange bevor sie sich öffnet.

Ich bin die Ruhe selbst.
Tiefen­ent­spannt.
Total gechilled, kein Stress, keine To-Do-Listen.

Dann ruft jemand meinen Namen.
Ich antworte.
Doch aus meinem Mund kommt nur ein: Miau.

Ich lege mich auf den Rücken
und lasse alle fünfe gerade sein.
Und tief in mir beginnt es zu schnurren.

Das alte Haus von Rocky Docky

Das alte Haus von Rocky Docky
ist jetzt der Zufluchtsort von Mr. Spocky.

Jeden Morgen geh ich dort vorbei,
bis jetzt war’s mir völlig einerlei.

Doch gestern sah ich einen Schatten
sich bewegen hinter all den morschen Latten.

Ich schlich mich an das Haus heran
und presste meine Nase an die Fens­ter­scheibe an.

Das, was ich sah, war wild und, oh surprise,
die halbe Crew von Raum­schiff Enterprise.

Das alte Haus von Rocky Docky
ist jetzt der Zufluchtsort von Mr. Spocky.

Da stand Captain Kirk in voller Montur,
dort auf dem Tisch, was machte er nur?

Er schwang die Hüften, ganz locker und senza tortura,
mit der unglaub­li­chen Lieu­tenant Uhura.

Die Musik groovte durch die Ritzen im Haus,
ich konnte nicht anders und klatschte Applaus.

Da kam um die Ecke ein spitz­oh­riger Kopf,
ich konnt‘ es nicht glauben, es war Mr. Spock.

Scotty, beam mich rein, war mein sehn­lichster Wille,
fürs medi­zi­ni­sche Wohl sorgte schon Dr. Pille.

Das alte Haus von Rocky Docky
ist jetzt der Zufluchtsort von Mr. Spocky.

Kaffee­au­tomat

Ohne Kaffee ging gar nichts. Koffein war mein Lebens­eli­xier, wie sonst sollte ich meine Arbeit als 0815-Analystin über­leben. Eine lang­wei­lige Tätig­keit in einem anonymen Groß­raum­büro, in dem alle anein­ander vorbei­liefen wie nach der Zombie­apo­ka­lypse. Jeden Morgen um 8:00 Uhr holte ich mir also im Büro denselben Kaffee beim Auto­maten:
Espresso, doppelt, ohne Zucker.
Eine Münze, zwei Knöpfe, ein Becher, fertig.

Ich gähnte, als ich die Münze in den Schlitz steckte und auf die Espresso-Taste drückte. Mein Blick war von der Müdig­keit noch verschwommen, aber so viel konnte ich erkennen: Anstelle der Infor­ma­tion „Getränk wird vorbe­reitet“ stand auf dem Display: „Heute besser nicht“.
Der Kaffee kam trotzdem und ich star­tete wie jeden Montag in die Arbeitswoche.

Am Dienstag stellte das Display fest: „Du warst doch schon gestern da.“
Trotzdem kam der Kaffee. Ich fragte meine Kollegen, was mit dem Auto­maten los sei, erntete aber nur fragende Blicke.

Am Mitt­woch dasselbe Spiel. „Lass es.“
Und der Espresso tröp­felte in den Becher.

Am Donnerstag erschien der Satz: „Dreh dich nicht um.“
Ich musste an den Mythos von Orpheus denken, der beim Versuch, Eury­dike aus der Unter­welt zu befreien, kläg­lich schei­terte, weil er der Versu­chung, sich umzu­drehen, nicht wider­stehen konnte.
Ich drehte mich nicht um.

Am Freitag wieder­holte das Display den Satz, diesmal mit drei Ausru­fe­zei­chen.
Ich war mir in der Zwischen­zeit sicher, dass mir meine Kollegen einen Streich spielen würden. Viel­leicht hatten sie sogar insge­heim eine Über­ra­schungs­party anläss­lich meines Geburts­tags geplant. Doch keine Zombies, sondern eigent­lich ganz liebe Kollegen.
Natür­lich drehte ich mich diesmal um.

Alles war leer. Keine Türen. Keine Büros. Keine Fenster. Keine Kollegen.
Ein endloser weißer Korridor.
Und eine Stimme aus dem Kaffee­au­to­maten: „Jetzt weißt du es.“

Meta­phern mal wört­lich genommen

Der Wecker klin­gelt um 5:00 Uhr früh.
„Wir haben heute eine Menge zu tun. Steh auf“, rüttelt mich Sam aus dem Schlaf. „Die Arbeit macht sich schließ­lich nicht von allein.“
Das war nur fair. Wir stehen auf dem Bauernhof immer mit den Hühnern auf, schließ­lich sollen für alle dieselben Regeln gelten.
„Hast du schon den Tages­plan erstellt?“, frage ich Sam schlaf­trunken.
„Nein, noch nicht, das machen wir jetzt schnell gemeinsam.“
Mit einer damp­fenden Tasse Kaffee sitzen wir wenige Minuten später in der Küche und tüfteln unseren Plan für den Tag aus.
„Weißt du was, wir starten einfach mal rein und beginnen damit, die Spreu vom Weizen zu trennen“, sagt Sam und macht sich start­klar.
„Das ist ein super Plan“, erwi­dere ich, „aber ich fürchte, ich kann dir nicht das Wasser reichen.“
„Kein Problem“, meint Sam, „dafür habe ich schon vorge­sorgt und den Krug mit Wasser nicht mehr in das oberste Regal gestellt, sodass du ohne Probleme, und vor allem ohne Leiter, dazu kommst.“
„Das ist perfekt“, antworte ich und wir stürzen uns in die Arbeit.
Als wir uns vom harten Aufprall erholt haben, trennen wir in mühe­voller Klein­ar­beit auf dem Acker die Spreu vom Weizen und gehen dann in den Hühner­stall, wo wir voller Freude sehen, wie Henry, unser blindes Huhn, genuss­voll ein Korn verspeist. Wir schwingen uns auf den Traktor, um zum Heustadel zu fahren, um endlich die Nadel im Heuhaufen zu suchen, die ich beim letzten Strick­abend dort verloren habe. Sonst würde ich den Schal ja nie fertig bekommen. Doch der Traktor bleibt im Acker stecken und wir müssen den Karren aus dem Dreck ziehen. Völlig erle­digt geht es in die Mittags­pause.
Mit vollem Bauch sind wir gegen 14:00 Uhr wieder am Feld und verjagen die hung­rigen Krähen. Sam zieht sein Gewehr, doch es hat Lade­hem­mung und ihm bleibt nichts anderes übrig, als die Flinte ins Korn zu werfen, wo sie viel Staub aufwir­belt und die Krähen doch noch vertreibt.
Zurück beim Stall lassen wir die Sau raus und schauen begeis­tert zu, wie Emma sich mit den Frisch­lingen im Dreck wälzt. Dann kommt auch noch Rüdiger, der Eber, aus dem Stall. „Da haben wir wirk­lich Schwein gehabt“, rufe ich.
Wir buddeln ein Loch für unsere nächste Arbeit. Nachdem wir die Radies­chen von unten ange­sehen und über­prüft haben, ob sie schon ernte­reif sind, lassen wir uns völlig erschöpft auf die Wiese fallen und beißen ins Gras. Es gibt nichts Besseres als den Geschmack sonnen­ge­reifter, saftiger Gras­halme nach einem harten, aber erfolg­rei­chen Arbeitstag auf dem Bauernhof.

Meta­fik­tion

Mitte November, kalte Nebel­schwaden ziehen draußen vorbei, die Tasse heißer Ingwertee wärmt von innen. Der perfekte Abend, um mir zum gefühlt zehnten Mal The Shining anzu­sehen. Best Horror-Movie ever. Jack Nicholson in seiner Para­de­rolle.
Ich schiebe mir eine Hand­voll Popcorn in den Mund, als Jack gerade die Zimmertür mit der Axt malträ­tiert, um zu seiner Frau durch­zu­dringen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich höre das Krachen der Holz­latten und das Klin­geln an meiner Wohnungstür.
Ich öffne.
Jack Torrance himself steht vor der Tür. Ich werfe einen Blick zum Stand­bild meines Fern­se­hers. Kein Zweifel: dieselbe Klei­dung, dasselbe Grinsen, dieselbe Axt.
Aller­dings wirkt er etwas verwirrt.
„Wo ist das Hotel?“, will er wissen.
Ich erkläre ihm, dass er eine Film­figur ist und dass The Shining vor Jahr­zehnten gedreht wurde und dass es das Over­look Hotel in Wahr­heit nicht gibt.
Er glaubt mir nicht, also setzen wir uns vor den Bild­schirm und starten den Film von vorne.
Jack sieht sich selbst durch die Gänge laufen und je länger er zusieht, desto nervöser wird er. Schließ­lich gelangen wir wieder zu der Szene, in der er, getrieben vom Wahn­sinn, mit der Axt auf die Tür einschlägt. Wir schauen uns an. Kurz bevor das Holz zersplit­tert, klin­gelt es erneut an meiner Wohnungstür …

Die Texte sind im Schreib­work­shop “schau­er­lich & fantas­tisch” mit Britta Mühl­bauer entstanden. Der nächste Termin steht auch schon fest.