Vom Festhalten und Loslassen der Welt in Jahreszeiten – Dieter Sperl
Eine Rezension von Cornelia Stahl
Über die Schönheit analoger Tätigkeiten
Wann haben Sie das letzte Mal in einen Krapfen gebissen? – Seine Einstiegsgeschichte verortet der Autor Dieter Sperl in der Konditorei Brandl, in der Steiermark. Wir sind als Leser:innen sehr nah am Geschehen und an den Figuren. Die Szene gleicht einer Filmsequenz, die alle Jahreszeiten und Zeiten einschließt und uns an sinnliche Genüsse (aus der Kindheit) erinnert. Doch sie enthüllt weitaus mehr, als wir auf den ersten Blick erkennen können: Sie spiegelt unser Begehren, unsere Bindungen, unser Bewusstsein.
Träume, Beobachtungen, Zeitungsartikel, Fotos oder philosophische Gedanken sind hier Material und werden zum Ausgangspunkt für Sperls Schreiben. Seine Betrachtungen und Erinnerungen, wirken mitunter assoziativ und auto-fiktional, wie folgende Textstelle zeigt:
„Wir kommen als leeres Bewusstsein zur Welt oder leeres Bewusstsein kommt in einem Körper zur Welt (…). oder alles Sein ist Bewusstsein oder Bewusstsein ist der Grundzustand als Vorstellung in einem selbstgeschaffenen Beziehungsfeld“, S.10.
Karl Marx prägte den Gedanken „Nicht das Bewusstsein (der Menschen) bestimmt ihr gesellschaftliches Sein, (…) sondern das gesellschaftliche Sein bestimmt ihr Bewusstsein“ („Zur Kritik der politischen Ökonomie“, 1859). Doch das sei hier nur am Rande erwähnt.
Sperl setzt seine Überlegungen fort und rückt die Sprache in den Fokus, setzt Sprache und Bewusstsein miteinander in Beziehung:
„bis wir später, dann (…) lernen, dass diese einstudierten Grenzräume und Grenzzäune unserer Sprache die einstudierten Grenzräume und Grenzträume unserer Welt sind“, S.11.
Auf die Sprache als Möglichkeitsraum verweist der Autor wiederholt und zeigt auf, wie Literatur neue Strukturen schafft, um gängige Grenzziehungen zu unterwandern:
„Doch so manche Dichterin führt uns über die Sprache hinaus“, S. 12.
Ausgewählte Fotografien aus dem Fundus des Autors fügen sich zwischen die jeweiligen Kapitel: Fotos in schwarz-weiß (ohne Titel). Fotos von schneebedeckter Landschaft, Personen bei der Heuernte, Abbilder einer verwitterten Hauswand.
Für die Rezensentin stehen die Fotos stellvertretend für jenen Versuch, Erinnerungen zu konservieren, sie in die Erzählungen einzubinden sowie gleichzeitig loszulassen.
Sperls Erzählungen, sein Material, sind erzähltes Leben. Einige Texte erinnern an Einträge aus einem Notizbuch, die unterwegs oder auf Reisen entstanden sind:
„Die Sätze so langsam anschauen, bis sie sich in Luft auflösen“, S.39.
Andere Notate prägen sich tief ins Gedächtnis ein, rauben dem Lesenden mitunter den Schlaf und verweisen auf Verluste und Abschied, und die Bedeutung des menschlichen Daseins in einer zunehmend digitalisierten Welt. Sperl markiert ein Gegenüber, dem ich mich mitteilen kann, an dem ich wachse (Martin Buber: Dialogphilosophie, 1923), und imaginiert mögliche Leerstellen in der menschlichen Kommunikation:
„Aber was, wenn es niemanden gibt, dem du deine Geschichten erzählen kannst?“, S.124.
Als Rezensentin prägte sich mir insbesondere Sperls Abschlusskapitel ein, in dem der Autor Kindheitserinnerungen vor dem inneren Auge erscheinen lässt und den Wert analoger Tätigkeiten ausleuchtet. Seine Betrachtungen riefen in mir längst vergessene Erinnerungen an die Kindheit wach.
Dieter Sperls Neuerscheinung umfasst ein Wechselspiel zwischen Erinnern, Loslassen und Bewahren. Seine präzisen Betrachtungen und Überlegungen zur Fragilität und Schönheit des Lebens sind eine unbedingte Leseempfehlung – (für alle Jahreszeiten)!
Cornelia Stahl, September 2026
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich.
Dieter Sperl: Vom Festhalten und Loslassen der Welt in Jahreszeiten
Klagenfurt: Ritter Verlag 2026
144 Seiten
21 EURO
ISBN: 978–3‑85415–702‑1
Mehr zum Verlag
Mehr zum Buch
Mehr zum Autor
Mehr zur Rezensentin
