Gerade mag ich das Semikolon sehr
Ein Gespräch von Brigitta Höpler mit Sarah Rinderer
Seit Anfang April 2026 stellen wir im Atelier Sarah Rinderers “zwischen den worten” aus, kuratiert von Brigitta Höpler. Sie hat mit der Vorarlberger Künstlerin und BÖS-Dozentin darüber gesprochen.
Brigitta Höpler: Der Ausgangspunkt für die Satzzeichen war tatsächlich der Punkt, wie die lateinische Wortherkunft von Interpunktion erzählt, zwischen Worte einen Punkt setzen. inter – zwischen, pungere, stechen. Was war dein Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit Interpunktionen?
Sarah Rinderer: In meinem ersten Studienjahr an der Kunstuniversität Linz habe ich eine Lehrveranstaltung besucht, in der wir immer ausgehend von einer bestimmten Themenstellung künstlerisch arbeiteten. Eine davon lautete „Zeichen setzen“. Kombiniert mit meiner (immer noch anhaltenden) Faszination für alles, was in den Zwischenräumen von Sprache und Schrift passiert, entstand so die erste Satzzeichnung. Diese wiederum war dann Ausgangspunkt für eine ganze Serie von Zeichnungen, für meine Abschlussarbeit, in der die Interpunktionszeichen musikalisch hörbar werden, für eine vertiefte theoretische Beschäftigung mit Satzzeichen …
Brigitta Höpler: Was war deine Idee, deine Herangehensweise an die Satzzeichnungen? War die akustische Umsetzung von Beginn an mitgedacht?
Sarah Rinderer: Meine Idee war es, die Aufmerksamkeit auf jene Zeichen zu richten, die häufig zwischen den Worten verschwinden und auf ihre syntaktische Ordnungsfunktion beschränkt wahrgenommen werden. Indem ich von Buchseiten deutschsprachiger Autor:innen nur die Interpunktionen von Hand mit Pigmentliner auf leere Blätter übertrage, werden ihre emotionalen, gestischen, aber eben auch musikalischen Qualitäten beobachtbar. Zudem zeigen sich je nach Autor:in ganz eigene Zeichensetzungen; so funktionieren die Zeichnungen für mich auch wie Studien zu verschiedenen Möglichkeiten, die Räume zwischen den Worten zu gestalten.
Die Idee zur akustischen Umsetzung kam erst im Austausch mit Ausstellungsbesucher:innen, als ich die Satzzeichnungen zum ersten Mal gezeigt habe. Wir sprachen über die visuelle Ähnlichkeit zu Notenblättern, Partituren. Zudem fand ich spannend, dass Interpunktionszeichen die einzigen Zeichen auf einer Buchseite sind, die keinen eigenen Klang haben, jedoch die Musikalität eines Textes wesentlich beeinflussen. So begann ich meine Performance » – . ! : zu entwickeln, in der vier Satzzeichnungen als Partituren zunächst instrumental mittlerweile aber vor allem stimmlich hörbar gemacht werden, zuletzt im Rahmen der Eröffnung meiner Ausstellung ganz nah im bb15 Linz mit drei Stimmperformer:innen und Akkordeon.
Brigitta Höpler: Hast du ein Lieblingszeichen?
Sarah Rinderer: Das ändert sich immer wieder. Gerade mag ich das Semikolon sehr, das selbst unter den Interpunktionszeichen eine nicht ganz greifbare Zwischenrolle einnimmt. Im Semikolon kommen das Ab- und Fortsetzende von Punkt und Komma zusammen; genaue Regeln für seine Setzung gibt es keine.
Brigitta Höpler: Hat sich im Lauf des Projekts die Zeichensetzung in deinen eigenen Texten verändert?
Sie ist zugleich bewusster und spielerischer geworden. Immer wieder frage ich mich auch, wofür mir Zeichen fehlen – vielleicht setze ich also in der Zukunft einmal meine ganz eigenen Zeichen.