Schreiben übers Schreiben

Claudia Dabringer

Gibt es etwas Schö­neres, aber auch etwas Schwie­ri­geres? Wer schreibt, tut es meist einfach, über­legt nicht lange, sondern setzt sich hin und füllt das (virtu­elle) Blatt Papier mit Zeichen, Buch­staben, Gedanken, Geschichten, Gedichten, Lust und Leiden­schaft. Ob was G’scheites dabei heraus­kommt oder nicht, ist im ersten Schritt sekundär – Haupt­sache, man tut es. Oder?

Wenn ich zurück blicke, wie meine persön­liche Liebes­ge­schichte mit dem Schreiben begonnen hat, erin­nere ich mich zuerst an das Schreiben für andere: Aufsätze in der Schule für die Lehrerin, Dankes­briefe für entfernt lebende Verwandte, wenn sie mir zum Geburtstag oder zu Weih­nachten ein Packerl geschickt haben. Doch später fand ich in einem Schreib­wa­ren­ge­schäft ein himmel­blaues Schreib­heft mit einem putzigen Mädchen auf dem Cover. Ich liebte es von Anfang an (das Schreib­heft und das Mädchen) und über­legte lange, womit ich die erste Seite füllen könnte. Und dann kam die erste Liebe, der erste Liebes­kummer und damit das erste Gedicht. Ein Gedicht deshalb, weil die Kako­phonie meines Innen­le­bens keine ganzen Sätze ausspuckte, sondern nur die Hälfte. Unter­ein­ander geschrieben, lasen sich die Zeilen nicht schlecht und sogar tref­fend. Damit wurde aus dem himmel­blauen Schreib­heft eine Art Zufluchts­höhle, in die ich mich zurückzog, wenn ich mit mir selbst mein Dasein, meine Unsi­cher­heiten und Ängste in Halb­sätze packen wollte.

Hätte ich mir damals träumen lassen, dass ich als Schreib­päd­agogin Dekaden später Menschen dabei begleiten darf, ihren eigenen Ausdruck und ihre eigene Sprache zu finden? Niemals. Und auch wenn eben diese Dekaden hinter mir liegen, stelle ich doch fest: Schreiben zu wollen ist für viele Menschen ein Wunsch, den sie lange mit sich herum tragen. Und wenn sie sich dann über­winden, sich einer Schreib­gruppe anzu­schließen, einen Schreib­work­shop oder eine Ausbil­dung zu machen, eröffnet sich eine komplett neue Welt. Ihre Innenwelt.

In einem meiner Schreib­work­shops, der sich mit Krea­ti­vi­täts­tech­niken beschäf­tigt, gebe ich den Teil­neh­menden bereits in der Woche vorher eine Aufgabe: „Sucht Euch ein schönes Schreib­heft und einen guten Stift und legt beides an eine Stelle in Eurem Wohn­um­feld, an der Ihr jeden Tag vorbei kommt. Es ist verboten, bis zum Schreib­work­shop etwas hinein­zu­schreiben.“  Das mag banal klingen, doch genau damit beginnt das Schreiben, nämlich mit der Lust, es zu tun. Und die beginnt oft genau dann, wenn man etwas NICHT tun darf. Diese Aufgabe hat aber auch noch einen anderen Hinter­grund. Viele Menschen glauben, dass es etwas ganz Beson­deres ist, zu schreiben. Dass alles stimmen und gram­ma­ti­ka­lisch korrekt sein muss, dass kein Geschmiere erlaubt ist und jeder Satz in Stein gemei­ßelt ist. Und deshalb gebe ich meinen Teil­neh­menden eine Woche Zeit, um sich darauf vorzu­be­reiten – inner­lich. Doch die Über­ra­schung kommt inner­halb der ersten Stunde: In diesem Heft ist ALLES erlaubt. Denn dieses Heft ist nur für den Schrei­benden, keiner liest es, keinen hat es zu inter­es­sieren. Es ist nur für uns da, für unsere Gedanken und Geschichten, Zweifel und Siege. Man kann malen und etwas hinein­kleben, Bunt­stifte verwenden oder Schwarz-Weiß-Skizzen anfer­tigen. Alles nur für uns selbst. Wenn das keine krea­tive Spiel­wiese ist!

Genau das ist Schreiben – eine krea­tive Spiel­wiese. Und wie wir alle wissen, wird das Spielen umso lustiger, je mehr Spiele wir kennen. Schreiben hat viel mit Neugierde zu tun. Neugierde für uns selbst, wenn wir immer tiefer in uns selbst dringen und erfahren, dass wir ein wandelnder Geschich­ten­pool sind, den wir anzapfen können. Neugierde aber auch für die unter­schied­li­chen Ausdrucks­formen des Schrei­bens. Elfchen, Haikus, Villa­nellen einer­seits, Essays, Kurz­ge­schichten und Romane ande­rer­seits – und dann noch alles, was dazwi­schen liegt in diesem weiten Feld zwischen Epik, Lyrik und Dramatik. Für das, was wir ausdrü­cken wollen, die rich­tige Form zu finden, ist eine stetige Heraus­for­de­rung und Freude. Glück­li­cher­weise sind Schrei­bende heute sehr frei in der Wahl ihrer Werk­zeuge, können mischen, expe­ri­men­tieren und erfinden, was das Zeug hält. Die Grenzen sind schon lange gesprengt, doch wie heißt es so schön: „Man muss die Regeln kennen, um sie brechen zu können.“

In einem ersten Schritt habe ich mir eine beruf­liche Heimat im Jour­na­lismus gesucht. Das ist inzwi­schen über 30 Jahre her. Und auch wenn man es kaum glauben möchte in Zeiten wie diesen: Es gibt Regeln im Jour­na­lismus, sehr genaue sogar. Ich brauchte einige Jahre, um mich mit ihnen vertraut zu machen, in den verschie­densten Medien. Doch irgend­wann waren sie mir zu eng. Wollte ich das Feld wech­seln? Nein. Aber ich wollte eine neue Perspek­tive auf mein Schreiben inner­halb des vorge­ge­benen Rahmens gewinnen, die Grenzen quasi dehnen. Der konse­quente zweite Schritt: Schreib­päd­agogin werden. Und während dieser Ausbil­dung lernte ich diese Dehnung sehr intensiv, auch meiner eigenen Denk- und Schreib­welt. Müssen Fakten sein? Nein. Müssen Sätze sein? Nein. Muss Schreiben über­haupt einen Sinn ergeben? Nur bedingt. Haupt­sache, man tut’s. Mit der bereits erwähnten Lust, Leiden­schaft und Neugierde.  Und schneller als man glaubt – vor allem wenn man gemeinsam schreibt und sich darüber austauscht -, weiß man, dass man schreiben kann. Dass die eigenen Worte Sinn ergeben, Freude schenken und die Grenzen des eigenen Seins sprengen. Das alles kann Schreiben, warum also nicht gleich damit anfangen?

 

Dieser Beitrag ist im März 2026 auf dem Blog von &Radieschen – Zeit­schrift für Lite­ratur” erschienen.