Vom Mut zum Schreiben
Ein Interview mit Ilse Kilic
Im Vorfeld des letzten Literatursalons in diesem Jahr erzählt Ilse Kilic von Mutproben, ihrer eigenen Schreibpraxis und Impulsen, die ihr Autorin-Sein geprägt haben.
BÖS: Du wirst beim Literatursalon aus “Alter Ego” lesen. Der Untertitel lautet Mutprobe mit Zugaben. Was war für dich beim Schreiben dieses Buches die eigentliche „Mutprobe“?
Ilse Kilic: ‘Alter Ego’ ist ja als Titel durchaus doppeldeutig gedacht. Also man kann es einerseits als Hinweis auf das Lebensalter des erzählten und erzählenden ‘Egos’ lesen. Andererseits habe ich, um den Begriff Älterwerden auszuloten, eine fiktive Person, ein ‘Alter Ego’, mir ‘vorausaltern’ lassen – das ist ihre Mutprobe, die Mutprobe des Alterns im Text. Zugleich gibt es die Mutprobe der Autorin, also meine Mutprobe in der Auseinandersetzung mit dem Älterwerden unter Aufrechterhaltung einer Art ‘Gegenfröhlichkeit’. Gegenfröhlichkeit nenne ich jene Fröhlichkeit, die sich gegen Widrigkeiten behauptet, gemeint sind hier durchaus die gesellschaftlichen Widrigkeiten, aber natürlich auch die Schwierigkeiten mit nachlassenden Kräften und sonstigen Verlusten. Diese Gegenfröhlichkeit haben mein Partner, der Schriftsteller Fritz Widhalm und ich, auch in unser Fröhliches Wohnzimmer eingeladen: Hier schreiben und zeichnen wir uns gemeinsam durchs Leben.
Noch etwas zum Mut und zu Mutproben. Als ich mit meiner Freundin und Kollegin Eva Schörkhuber den Alterssimulationsanzug anprobierte und wir beide 20 Jahre älter waren, simuliert natürlich, das war schon eine herausfordernde Erfahrung, eine Mutprobe also, durchaus zu empfehlen, wenn man die Vielseitigkeiten des Körpers kennenlernen will. Wir haben darüber beide einen Text geschrieben. Wer nicht weiß, was ein Alterssimulationsanzug ist: Dieser, aus verschiedenen Komponenten bestehende Anzug ist entworfen worden, damit Menschen, ein bisschen ’nachspüren’ können, wie es sich anfühlt, körperlich eingeschränkt zu sein, soll also fühlbar machen, dass wir körperlich unterschiedliche Voraussetzungen haben, uns im Alltag zu bewegen.
BÖS: Welche Rolle spielt die Überarbeitung in deiner Praxis – wie viel deines Schreibens entsteht spontan aus dem Moment und wie viel durch strukturiertes Feilen?
Ilse Kilic: Ich würde sagen, es steht 50:50. Oder nochmal anders, ich teile es in Drittel: Ein Drittel ist spontaner Moment, ein Drittel ist das Feilen, ein Drittel ist einfach Denken. Da muss noch nichts niedergeschrieben werden, Gedanken entstehen eben durchs Denken und setzen sich dann beim Schreiben um, wenn es denn gelingt.
BÖS: Beim BÖS treffen Schreibende und Schreibpädagog:innen aufeinander: Welcher Impuls oder Rat hat deine eigene Schreibbiografie am nachhaltigsten geprägt?
Ilse Kilic: Ich habe so viele Impulse bekommen, so viele Ratschläge und Hinweise, dass es mir schwerfällt, da etwas herauszugreifen. Manche waren hilfreich, manche gut gemeint, manche auch ein wenig herablassend, vor allem früher, als ich noch eine junge Autorin war. Ich glaube jedenfalls, die Begegnungen mit Schreibenden sind insgesamt wichtig. Wichtig ist auch das Bewusstsein, dass rund und neben uns andere Menschen schreiben, geschrieben haben und schreiben werden.
Meine erste Chefin, Ilse M. Aschner – ich habe bei ihr vor vierzig Jahren in der Grazer Autorinnen Autorenversammlung ein Praktikum als Sekretärin absolviert – warnte immer vor den im Literaturbetrieb herrschenden Hierarchien. Und die gibt es natürlich, und sie sind nicht förderlich, wenn es darum geht, das literarische Feld zu gestalten. Ilse M. Aschners Mahnungen sind mir im Ohr geblieben, betreffen aber weniger mein eigenes Schreiben als die Begegnungen mit Kolleg:innen.
Und mein eigenes Schreiben? Nun, ich denke jetzt an den Schriftsteller Otto Grabner, der das Folgende sagte, damals vor vielen Jahren, als ich überlegte, wie es geht, Schriftstellerin zu werden: „Am wichtigsten beim Schreiben ist das Schreiben”. Na ja, und da hatte er wohl recht. Auch wenn diese Tatsache auf der Hand zu liegen scheint, soll sie zwischen all den Betrieblichkeiten und Sachzwängen, den alltäglichen Sorgen und Pflichten nicht in Vergessenheit geraten.
Der Literatursalon im BÖS-Atelier mit Ilse Kilic, Eva Lugbauer und Andrea Winkler findet am 10. Oktober um 19 Uhr statt.
Foto: Fritz Widhalm
