Episch 1

Zwei Texte von Hubertus September

Raus aus der Sonne

Jeschua ist todmüde.
Er will keinen Schritt mehr weiter gehen.
Er hat endgültig die Nase voll.
Was sollte denn das heißen „Erlö­sung?“
Die große, stau­bige Straße liegt vor ihm. Sie führt hinaus aus dem Heiligen Land.
Überall läuten Kirchen­glo­cken. Den ganzen Tag lang.
Die Ohren schmerzen ihm von dem stän­digen Gebimmel.
Er will nur weg aus dieser hyste­ri­schen Gegend.
Die Sonne steht hoch am Himmel.
Hier scheint immer die Sonne. Das ist eigent­lich das Schlimmste.
Sie nennen ihn den Schmer­zens­mann.
Das passt schon etwas besser.
Sein Vater hat eh nur kluge Sprüche drauf. Wie in Stein gemei­ßelt halt.
Aber zu seinem schmer­zenden Körper hat er ihm noch nie einen guten Tipp gegeben.
Warum darf er nicht auch Lauf­schuhe tragen wie die anderen? Warum immer barfuß laufen?
Die Leute lassen so achtlos ihren Müll liegen, Scherben, Essens­reste, irgend­welche Betäu­bungs­mittel. Alles das klebt an seinen wunden Füßen. Egal!
Er muss an ein Zitat denken, dass er in so einem Alter­na­tive Radio Sender mal gehört hat, so beim Vorbei­gehen, er ist ja ständig in Bewe­gung, der Jeschua. Der Spruch war wohl von einem Ameri­kaner, aber er gefällt ihm trotzdem ausneh­mend gut: Der Mensch wird zum Leben, zum Leiden und zum Sterben geboren, und was ihm wider­fährt ist ein trau­riges Los. Das lässt sich am Ende nicht leugnen. Aber, lieber Fox, wir müssen es leugnen, solange wir unter­wegs sind.
Das hat ihn voll ange­spro­chen, fast so als ob er selbst dieser Fox sei. Der Name gefällt ihm eh besser als dieses Jeschua. Fox! Das klingt irgendwie cool. Der Fuchs. Der Streuner. Genauso fühlt er sich auf Erden.
Es zog ihn schon immer hin zum Rand. Da wo niemand hinschaute, da stand er plötz­lich in der Gegend rum. Meis­tens quatschte ihn jemand an. Ein hung­riges Kind, ein HIV Posi­tiver oder ein Streuner wie er.
Aber jetzt ist er müde.
Er will diesen Part nicht weiter­spielen und vor allem will er raus aus dieser Gegend und raus aus der Sonne.
Die hyste­ri­sche Stadt liegt hinter ihm und vor ihm das unbe­kannte Land. Er fühlt sich für einen Augen­blick lang wie Columbus. Neuland!
So läuft der Schmer­zens­mann in Rich­tung Abend­land. Tage, Wochen, Monate lang. Bis er eines Tages auf einer Park­bank erwacht. Er öffnet seine verklebten Augen und vor ihm steht ein großer Mann in einem schmut­zigen Kamel­haar Mantel.
„Guten Morgen, mein Schöner!“
„Guten Morgen“ antwortet Jeschua noch etwas verpennt.
„Will­kommen in Wien!“
„Da wollte ich immer schon mal hin. Hier ist es so schön verschattet.“

 

Wien

Du hast ja Humor!“
„Mmh.“ Jeschua versteht nicht
„Bist also einfach dem Schatten nach.“
„Mmh“, er versteht noch immer wenig von dem, was der fremde Mann im Kamel­haar Mantel spricht.
Hinter ihnen liegt ein weiter Park. Buntes Herbst­laub und tatsäch­lich eine Menge Schatten.
Eine lange Stille. Jeschua schnauft ziem­lich durch die Nase, die tüchtig vor sich hinrotzt.
„Brauchst Du ein Sack­tuch?“
„Wie bitte?“
„Zum Schneuzen!“
Jeschua versteht leider wieder nur wenig. Ein Tuch? Geht es schon wieder um dieses verma­le­deite Schweiß­tuch von damals…
„Dieses Tuch hat es nie gegeben, das haben die Reli­qui­en­händler erfunden und dann zu tausenden herge­stellt: ein einfa­ches Stück Leinen, irgendein x‑beliebiges Gesicht drauf­ge­drückt, ein biss­chen Schwarz Tee drüber fertig.“
Der fremde Mann schaute ihn mitfüh­lend an.
„Du hast einiges hinter Dir, was?“
„Na, ja.“ Jeschua nickt unsi­cher. Seine Nase läuft, er wischt sich den Rotz an seinem Kapu­zen­pulli ab.
Der freund­liche Mann reicht ihm ein Papier Taschen­tuch.
„Jetzt nimm schon, ist doch kein Problem. Ich habe oft auch keine bei mir und muss fragen.“
„Danke, mein Herr.“
„Aber das ist doch kein Ding. Wir müssen zusam­men­halten.“
Wie meint der Mann das? „Wir“? Ist er auch aus dem Heiligen Land? Ist er auch vor der Sonne geflohen in diese schat­tige Stadt?
Wieder Stille zwischen den beiden. Zwei Sper­linge zanken sich um eine Stück­chen Gebäck vor der Park­bank. Jemand hat wohl am Abend seine Semmel achtlos wegge­worfen. Ein Fest­mahl für die Vögel. Eifriges Picken und fröh­li­ches Zwit­schern.
„Du hast sicher Fieber.“
Der Kamel­haar Mann setzt sich nun hin und legt behutsam seine Hand auf Jeschuas Knie.
„Oder hast Du etwas genommen?“
Jeschua versteht nicht. Er ist noch immer müde. Der ganze Körper tut ihm weh. Er versucht sich ein biss­chen zu stre­cken.
„Mein Gott, wie sehen denn Deine Füße aus?“
„Schmutzig, was?“
„Entzündet würde ich sagen. Das muss doch höllisch weh tun! Das muss sich drin­gend ein Arzt ansehen. Für mich sieht das nach einer schweren Sepsis aus!“
„Ich wollte eh zum Arzt. Ich bin auf dem Weg zu Frau Doktor Freud.“
„Notfall­am­bu­lanz?“
Jeschua nickt vorsichtig
„Genau. Sie ist die Enkelin von Sigmund Freud und arbeitet nach Freud.“
Jeschuas schöne Lippen zeigen ein unmerk­li­ches Lächeln: „Logi­scher­weise.“
Völlig unver­mit­telt springt sein neuer Freund wieder von der Park­bank auf und wird jetzt richtig laut: „He Mann! Wach auf! Du bist in Lebens­ge­fahr!“
„Ich bin immer in Lebens­ge­fahr! Wir alle übri­gens.“
„He?“
„Wir sind alle in Lebens­ge­fahr!“
Jeschua wird nun grob am Arm gepackt und von der Park­bank wegge­zerrt. Warum wird dieser Mann plötz­lich so heftig? Hat sein kleiner Scherz ihn so böse gemacht? Hält er viel­leicht nichts von Frau Doktor Freud? Ein Jungianer viel­leicht? Das wäre schon wirk­lich ein dummer Zufall…
„Mann, Du musst so schnell wie möglich ins AKH. Die haben immer offen. Die werden Deine Wunden versorgen, Dir sofort etwas spritzen. Du hast sicher schon das Gift im ganzen Körper!“
Jeschua versucht, sich gegen das Gezerre zu stemmen, aber der fremde Mann im Kamel­haar Mantel ist einen halben Kopf größer als er und er sehr kräftig. Es hat keinen Zweck. Der Fremde zerrt ihn einfach mit sich mit wie ein kleines bockiges Kind. Als sie den Ausgang des wunder­schönen Parks errei­chen (erst jetzt bemerkt der Schmer­zens­mann wie schön dieser Park mitten in der Stadt gewesen war. Diese Blätter, in allen Farben, bunt wie ein Mosaik, so etwas hat er noch nie gesehen…), drückt ihn sein neuer Bekannter auf ein kleines Mäuer­chen, hält ihn mit seiner haarigen Hand fest an der Schulter und kramt mit der anderen in der riesigen Tasche seines Mantels. Er zieht so eine Art Marme­la­den­glas heraus, schraubt es auf und fängt an, mit den Fingern darin herum­zu­schmieren.
„Ah, das kenn ich. Das ist Honig!“ freut sich Jeschua
Der Mann nimmt den Honig und schmiert ihn auf Jeschuas wunde Füße. Er kniet vor ihm nieder und behan­delt jede einzelne eitrige Wunde mit seinem Honig. Zum Schluss betupft er sogar liebe­voll seine Fußsohlen. Sie scheinen beide den glei­chen Gedanken zu haben, denn der Fremde sagt nun:
„Stimmt, jetzt wirst Du wohl am Boden fest­kleben. Ich werde Dich tragen müssen.“
Er lässt das Glas wieder in seiner Mantel­ta­sche verschwinden und ansatzlos schul­tert er den verdutzten Heiland wie einen Kartof­fel­sack.
„Bleib ganz locker, alles wird gut.“
Jeschua versucht so entspannt wie möglich auf der Schulter dieses starken fremden Mannes zu liegen. Er riecht nach Heuschre­cken und orien­ta­li­schen Gewürzen. Unter diesen überaus ange­nehmen Eindrü­cken verlässt unseren Schmer­zens­mann das Bewusst­sein. Aber auch das kennt er schon zu Genüge. „Eight miles high“ klingt es in ihm noch wohlig nach und mit einem Lächeln auf den Lippen knipst dann schon jemand mal wieder das Licht der Welt aus.
Irgendwo wird er schon wieder aufwa­chen. In der Notauf­nahme des AKH, den Golan Höhen oder der Praxis von Frau Doktor Freud.
Irgendwie war er nicht tot zu kriegen.

Die Texte von Hubertus September sind im Work­shop „Epik“ von Erika Kronabitter entstanden.