Gesam­melt 1

Texte von Gudrun Kapeller aus der Schreib­päda­gogik-Lehr­gangs­klasse 2020/2021

Die Nach­barin

Durch das Loch im Flie­gen­gitter kann man das Haus der Nach­barin sehen. Manchmal sieht man auch die Nach­barin selbst, wenn sie im Früh­ling im Garten Blumen anpflanzt, im Sommer dösend auf dem wacke­ligen grünen Garten­sessel sitzt oder im Herbst Laub auftürmt. Nur im Winter sieht man sie kaum. Die Nach­barin baut keine Schnee­männer. Sie macht keine Schnee­ball­schlachten. Sie lässt den Schnee einfach liegen. Ihr Garten glit­zert im Winter wie ein weißes Meer bei Sonnen­un­ter­gang. Es ist ein Schnee­meerg­lit­zer­garten. Durch das Loch im Flie­gen­gitter sieht man nur eine winzige kleine weiße Welle davon. Viel­leicht hätte ich es größer schneiden sollen, um besser versinken zu können.

Das Loch im Flie­gen­gitter gibt es erst, seit ein Vogel es dort hinein­ge­pickt hat. Er hat mir die Sicht freigepickt.

Dort, wo früher das Blumen­beet der Nach­barin war, steht jetzt ein Tram­polin. Um das Krei­schen der Kinder mitzu­be­kommen, braucht man kein Loch im Flie­gen­gitter. Funk­tio­nie­rende Ohren reichen. Und selbst die Ohren von Opa hören das Hüpfen der Kinder. Aber er kann es ausschalten, wenn es zu laut wird.

Ich frage mich ständig, welcher Vogel so dumm sein konnte, statt des Meisen­knö­dels das Flie­gen­gitter zu zerpi­cken. Viel­leicht war es einfach keine Meise.

Die Nach­barin strei­chelt über das Fell des kleinen Hasen. Ihre Finger sind runzelig. Sie war immer schon alt. Ich halte den Hasen ganz vorsichtig über den Zaun. Es ist der weiße mit den braunen Ohren und der braunen Nase. Er hat noch keinen Namen. „Weißt du“, sage ich zur Nach­barin, „du kannst ihn haben, wenn du möch­test, aber er muss weiter bei uns bleiben, weil du ja keine anderen Hasen hast.“ Die Nach­barin lacht und ich erschrecke mich vor dem Klang ihrer Stimme, weil ich sie noch nie gehört habe. Das Häschen fällt mir aus den Händen und landet weich in einem Laub­haufen im Garten der Nachbarin.

Ich darf das Fenster nur öffnen, weil das Flie­gen­gitter davor ange­bracht ist. Durch das frei­ge­pickte Loch kann ich unmög­lich fallen. Man kann nicht einmal etwas hindurch­werfen, außer einen Blick.

Die Kinder bauen mitten im Garten eine Höhle. Ein Ende des Lein­tuchs knoten sie um einen Baum­stamm, das andere um das Bein eines grünen Garten­ses­sels. Der Wind durch­kreuzt die Baupläne der Kinder. Er wirft den Sessel um. Die Höhle wäre weniger einsturz­ge­fährdet, würde die Nach­barin noch auf ihm sitzen.

 Dieser Text ist im Work­shop „Inspi­ra­tion und Recherche“ mit Bettina Balàka entstanden.

 

Mond­wind und Sommerregen

Mond­wind und Sommer­regen,
nachts, wenn die Welt für gewöhn­lich schläft und ruht,
tut sich mein Gedan­ken­ka­rus­sell auf,
bringt mich um den Schlaf,
raubt mir den Atem,
ich kann zwar atmen,
aber die Luft reicht nicht.
Nicht für mich,
viel­leicht für dich,
aber du atmest andere Luft,
wir teilen unsere Luft nicht mehr.
Ich höre den Mond­wind,
winde mich selbst
im Bett hin und her und um mein Selbst.
Ich suche die Verbin­dungen, doch der Wind trägt sie davon,
weg von mir,
weg von hier,
sie verblassen,
verblasen sich am Weg zum Mond
und retour von dort, wo sie herge­kommen sind
und wo sie sich archi­viert fühlen ohne jemals ganz weg zu sein.
Denn es sind Mond­win­der­in­ne­rungen
an dich und mich, an uns.
In Zeiten, in denen es uns nicht mehr als uns gibt,
nur mehr als dich und mich.
Wenn mich dann der Tag empfängt, kann ich ihn oft nicht sehen,
er verliert sich im Geäst an Gedanken.
Selbst dem Sommer­regen gelingt das Rein­wa­schen nicht,
wie soll ich also rein­wachsen in diesen neuen Tag?
Tanzen im Sommer­regen bringt mir nichts,
vor allem nicht dich zurück
oder mich dahin, wo du jetzt deine Luft atmest,
viel­leicht jemand anderem den Atem raubst
mit deiner Art, luft­leeren Dingen Leben einzu­hau­chen und gemeinsam durchs erschaf­fene Leben zu gehen,
bis der Weg an ein Ende führt, das man zuvor nicht sehen konnte.
Es ist der Sommer­regen, der diesen Weg über­spült
und alles wegs­pült, was wir gegangen sind,
es gibt also das Zurück nicht mehr, denn es gibt den Weg nicht mehr.
Ich habe vertraut,
gebaut,
verstaut,
geschaut.
In mich.
Ganz tief hinein.
Dort hinunter,
wo Mond­wind und Sommer­regen liegen.
Umschlungen,
verschlungen,
doch jeder mit sich allein,
bis jemand kommt,
der ihnen wieder zuein­an­der­helfen wird.

Dieser Text ist im Work­shop „Schreiben in Zeiten des Umbruchs“ mit Claudia Dabringer entstanden.