Schreiben mit und in der Natur

Texte von Ange­lika Knaak-Sareyko, Nata­scha Milj­ković, Isabella Essler-Gauß, Judith Wallisch, Silke Rosen­büchler und Ulrike Lamm

Ange­lika Knaak-Sareyko

blatt­maske

durch­streift es mich
das grün durch­streif ich es

gefie­dert dicht an dicht
ein dickicht grünen
wedel­spit­zen­werks
lautlos ragt der
wald des frie­dens
bricht das licht durch hohe
nischen — stille webt sich ein
in alle körper­fa­sern
nur die farne zittern
schat­ten­flim­mern auf die
kahle haut wie klöp­pel­spitze
weben mir ein kleid aus adler­far­nen­we­deln
ver-weben mich in sich hinein

durch­streift es mich
das grün durch­streif ich es 

 

Nata­scha Miljković

Blatt­maske

Befragt man ameri­ka­ni­sche konkret nord­ame­ri­ka­ni­sche Kinder sechs bis zehn Jahre alt was ihr Lieb­lings­ge­schmack ist antworten erschre­ckend viele „BLAU“. Wie auch schon ihre Eltern­ge­nera­tion und womög­lich auch einige ihrer Groß­el­tern kennen viele Menschen die Ursprünge ihrer Nahrung nicht mehr ganz zu schweigen von der Natur um sie und natür­li­chen Vorgängen. Künst­lich­keit hat Einzug gehalten.
So weit hat sich der Mensch schon von seinen Ursprüngen entfernt sich auf Podeste der Moderne Moder­ni­sie­rung und Tech­no­lo­gi­sie­rung gestellt über die Natur gänz­lich erhoben auf sie herab­schauend erkennt er sie kaum mehr. Erschrickt sich gar vor der Natur.
Kein Wunder also dass die Grund­la­gen­for­schung in vielen Indus­trie­staaten heut­zu­tage um ihr Über­leben und gar um ihre bloße Lebens­be­rech­ti­gung kämpft. Was soll das und wer braucht es wenn es keine nütz­liche neue Tech­no­logie erzeugt kann das weg es kann.
Unvor­stellbar noch vor 150 100 oder auch noch vor 50 Jahren das so gering zu schätzen war es doch völlig natür­lich und normal nütz­lich und ange­sehen sich ein ganzes Forschungs­ar­beits­leben lang mit Dingen wie den Blatt­masken an diversen Gebäuden Pflan­ze­nadern der Gewächse nah und fern oder Knochen toter Tiere zu beschäf­tigen. Ohne Hinter­ge­danken ob und wenn ja welche Anwen­dungs­mög­lich­keiten für den mensch­li­chen Gebrauch oder zumin­dest für den mensch­li­chen Geschmacks­sinn und Geschmacks­wahn­sinn das neu gefun­dene Wissen wohl gene­rieren könnte.

Baum­struktur

Rasch ging es mit dem bloßen Beob­achten und Doku­men­tieren zu ende sobald beispiels­weise groß­in­dus­tri­elle Zuchten bestimmten dass oran­gene Karotten und nicht die lila oder weiß­far­bigen Vari­anten den größten Nutzen haben und beim Mais die gelben fetten Kerne anstatt der bunten haben muss. So wusch man förm­lich den Natur­ge­schmack aus den natur­be­las­senen Dingen bis man künst­lich mit Farbe und Geschmack nach­helfen musste und wann immer möglich auch noch Fraß­schutz und Dürre­resis­tenz mit einbaute.
Es geht sogar so weit dass man spezi­elle Gras­sorten nur für Fußball und Golf­sport entwi­ckelte die eine exakt berech­nete Wasser­menge und Pfle­ge­fre­quenz nach dem Kalender bei Anschaf­fung planbar machten und ansonsten gar nicht lebens­fähig und ‑willig sind und Zier­bäume mit bestimmten ästhe­tisch dem humanen Geschmack gefäl­li­gere Kron- und Blatt­struk­turen entstanden die die heimi­schen Vögel aber instinktiv mieden sehen diese Art von mensch­li­chen Bäumen doch mehr nach über­di­men­sio­nierten Lego­steinen in der Land­schaft denn Leben­diges aus in das man seine Heim­statt bauen wollte.
Möglichst eben­mä­ßiger Wuchs eine schöne Stan­dard­größe wenig Nadel­fall und derglei­chen mehr Indus­trie­nor­mie­rungen entscheiden lange bevor Menschen­kinder in ihren warmen Wohn­zim­mern zur Advent­zeit den Christ­baum mit glän­zenden Augen bestaunen können ob ein subop­ti­males Pflänz­chen leben darf oder doch besser sofort ausge­rupft wird. Sofern sich die Eltern nicht von vorne­herein schon für ein anstandslos passa­bles und mühsal­be­freites Plas­tik­bäum­chen entschieden haben auf das sie Kiefern­ge­ruch aus der Metall­dose sprühen.

 

Isabella Essler-Gauß

Zu Blatt­maske

ange­lehnt an den Titel von Elfriede Jelinek: Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr!

Erste Seite:

OH MOTORSÄGE, OH SCHUTZ VOR IHR?

Skizze eines verstüm­melten Baumes

Zweite Seite:

Zu Blatt­struktur

Nachdem das Umsägen und Absägen von Bäumen und Ästen mittels motor­be­trie­bener Zähne mühelos voran­ge­trieben werden kann („wie in Butter“) und der Gott der Versi­che­rungs­an­sprüche über allem steht, haben sich erfreu­li­cher­weise neue Baum­arten entwi­ckeln lassen.

Die 3 wich­tigsten sind:

  • Der obtusus arbor, Stengel- oder Stumpfbaum
  • Der pani­cola arbor, Büschel- oder Klobesenbaum
  • Der allge­meine ampu­tierte Baum, ampu­tatis arbor primitivus

Indem wir sie geschaffen haben, können Gehwege, Straßen, Autos und Menschen nun vor den gefähr­lich ausla­denden und damit unnötig schä­di­genden Baum­kronen geschützt werden.

Folgende Vorteile garan­tieren unsere Sicherheit:

  • Mini­maler Laub­ab­wurf und ebenso wenig Schatten
  • Keine trop­fenden Früchte und herum­flie­genden Samen mehr
  • Absolut sicher bei Sturm und Blitzeinschlag
  • Herr­lich Kronen frei, endlich können wir die Anstren­gung vergessen, den Baum einer bestimmten Art zuordnen zu müssen

Ein weiterer Bonus ist, dass ästhe­tisch wert­lose Bäume die Menschen nicht mehr dazu verführen, ihren Blick vom Display zu heben und dadurch womög­lich weniger traurig zu sein.
Denn Trauer belebt das Geschäft! Und nach etwas anderem steht uns einfach nicht der Sinn.

 

 Judith Wallisch

Aus dem Lexikon der natur­ver­führten Komposita:

  • das Blatt + die Maske = die Blatt­maske, die Maske eines Blattes; das Blatt maskiert sich hier, es möchte anders­artig sein, sich verste­cken; das Blatt verwan­delt sich, nimmt Farbe an, Struktur und Form. Vom ursprüng­li­chen Grün geht es über in herbst­li­ches Gelb, allmäh­lich zunächst, heut­zu­tage jedoch bereits oft früh im Jahr – trocken­heits­ge­schuldet, bereits im Strahlen des Augusts mancher­orts. Es lässt sich zu Boden fallen – zu früh – und verdorrt. Letzt­end­lich ist mit dieser Maskie­rung auch das saftigste, grüne Blatt alsbald nicht wiederzuerkennen.
  • das Blatt + die Maske = die Blatt­maske, eine Maske, die der Mensch erschafft, um sich zu verhüllen, um sich selbst als Geschöpf der wild­wu­chernden Natur darzu­stellen, viel­leicht; arcim­bol­do­gleich, jedoch stellt sich das Mensch­liche nicht mit Gemüse und Früchten dar, sondern mit Blät­tern, mit viel­far­bigem Laub; eine Maske für den Menschen, ästhe­tisch, wunderbar anzu­sehen, ange­nehm kühl auf der luft­ver­störten Haut, natur­kos­me­tisch jeden­falls, schad­stoff­be­lastet mit Sicherheit.

 

Silke Rosen­büchler

Die Blatt­maske

Die Wasser­perle inmitten des Frau­en­man­tels glit­zert in der Mittags­sonne. Vorsichtig ernte ich den kost­baren Tropfen mit meiner Eprou­vette, um ihn später in mein „Küchen­labor“ zu tragen. Dann erst schneide ich mit einer scharfen Schere das flaum­weiche, cape­för­mige Blatt ab, um es in meinen Korb zu den anderen zu legen. Der vermeint­liche Tau, das Gutta­ti­ons­wasser, das die Pflanze durch ihre Blatt­poren nach außen gepresst hat, gilt seit alters her als magi­sches Verjün­gungs­mittel. Nackte alte Frauen sollen sich darin auf Almwiesen gewälzt haben, um als frische rosige Jung­frauen zurück ins Tal zu hüpfen. Aber als „alt“ galt man in früheren Zeiten schon mit 30. Das Leben, die Kinder, die Sorgen prägten schon früh Falten und Runzeln in die Gesichter der Frauen, die ein soge­nanntes „einfa­ches Leben” führten. Da mag so eine erhol­same Auszeit auf einer Almwiese selbst schon als ein kleines Wunder gegolten haben, Ich-Zeit, die ihnen kaum vergönnt war, ein Vergnügen, das für kurze Zeit die Kerben des Lebens gemil­dert, das Gesicht verjüngt haben mochte. Tatsäch­lich beinhaltet der Frau­en­mantel, Alche­milla vulgaris, einen Stoff, der sich günstig auf das Binde­ge­webe auswirkt. Alche­milla, die Pflanze der Alche­misten, welche vermut­lich so wie ich hinter den reinen, klaren Wunder­tropfen her waren.

Ich werde am Abend nicht nur die Tropfen verwenden, sondern mir eine Gesichts­maske aus den eben geern­teten Blät­tern gönnen. Dazu werde ich eine Hand­voll der Blätter mit Joghurt pürieren und mit Honig vermengen. Die Pflanze enthält Gerb­stoffe, die eine adstrin­gie­rende Wirkung haben und die Poren der Haut verfei­nert. Ich weiß noch nicht, ob ich die sorgsam gesam­melten Tropfen unter­rühren oder während der Anwen­dung trinken möchte, das hängt von der Konsis­tenz der Maske ab, die immerhin 20 Minuten lang auf das Gesicht einwirken soll. Ein paar der samtenen Blätter möchte ich mir auf den grünen, pfle­genden Brei drücken: Eine hübsche Verzie­rung, wie die Blatt­masken der grauen Stein­ge­sichter, mit denen manche histo­ri­sche Gebäude orna­men­tiert wurden, grüne Männer, Wald­geister, die, in Stein gemei­ßelt, dort verewigt wurden.

Ich über­lege, ob die alten Grie­chen eben­falls schon pfle­gende Masken auf ihre runze­ligen Gesichter appli­zierten, um sich so den Zauber der Jugend zurück­zu­holen. Ich stelle mir vor, wie so ein vornehmer Herr mühsam den stei­nigen Pfad empor zu einer Heil­kun­digen steigt, von der geflüs­tert wird, dass sie das Geheimnis ewiger Jugend gefunden habe. Mixer gibt es frei­lich noch keine, aber viel­leicht verreibt sie das Heil­kraut zwischen zwei Mahl­steinen zu einem Brei, den sie ihrem gut zahlenden Kunden auf die alternden Gesichts­züge aufträgt. Leise Beschwö­rungs­for­meln murmelnd drückt sie noch verschie­denste Blätter auf diese Maske, um die Wirkung zu verstärken. Aber ach! Eine schel­mi­sche Nymphe, welcher der eitle Herr ein wenig zu oft nach­ge­stellt hat, verrät dieses zaube­ri­sche Treiben Aphro­dite, der Göttin der Schön­heit. Diese, erbost über das unge­fragte Eingreifen in ihr Hoheits­ge­biet, verwan­delt die ohne ihren Segen erstellte Maske samt der darunter liegenden Haut in Stein, sodass der auf diese grau­same Art seiner Gesichts­züge beraubte Herr ohne sein Antlitz ins Tal zurück­kehren muss. Fortan umwi­ckelt er sein Haupt verschämt mit leinenen Tüchern, um seinen Mitmen­schen den Anblick seiner Fratze zu ersparen. Die stei­nerne Maske wird später von Stein­metzen gefunden, die auf der Suche nach Mate­rial für ihre Bauten den Pfad zur Heil­kun­digen entlang­wan­dern. Sie nahmen die Maske mit und fügen sie in eine der Verzie­rungen ihrer Bauten ein, wo sie andere zur Nach­ah­mung inspi­rieren wird.

Während ich tagträu­mend ein wenig neben den Frau­en­man­tel­blät­tern geruht habe, hat die Sonne die letzten Gutta­ti­ons­tropfen verdunsten lassen. Ich recke und strecke mich, mache ein paar tanzende Bewe­gungen, um die Schläf­rig­keit abzu­streifen. „Hinter­lasse den Natur­wesen immer ein kleines Gegen­ge­schenk als Dank für ihre Gaben“, mahnen die Kräu­ter­kun­digen, die ihr Wissen an inter­es­sierte Adep­tinnen weiter­geben. Aus meinem Ruck­sack hole ich ein kleines Brief­chen mit Zucker, das ich beim letzten Kaffee­haus­be­such mitge­nommen habe, und streue es vorsichtig rund um die Pflanzen, die mir ihre Blätter über­lassen haben. Es ist eine Geste der Dank­bar­keit, die ausdrü­cken soll, dass wir die Natur nicht berauben, sondern ihre Gaben würdigen. Es ist nicht wichtig, wer sich an diesem kleinen Gegen­ge­schenk erfreut: Die Natur­wesen, die Gott­heit, oder die Ameisen, die diese kost­bare Ener­gie­quelle bald emsig in ihren Bau schleppen werden, um ihre Königin damit zu laben. Es ist die Haltung, die dahin­ter­steht und die meine Züge lebendig bleiben lässt, damit sie nicht eines Tages ergrauen und verstei­nern.
Dankbar trage ich die gefun­denen Schätze nach­hause und freue mich darauf, sie am Abend mit einer lieben Freundin zu teilen.

 

Ulrike Lamm

Blatt­maske

ich falle aus meinem zimmer
falle aus schlaf
und linde

in meinem traum
fraß etwas an ihren blät­tern
kein regen, mutter

viel­leicht sollte ich
eine tränen­kiefer
pflanzen

 

Die Texte sind im Schreib­work­shop “Schrei­bende Natur/Inspirationen aus der Natur/Nature Writing” mit Tobias March entstanden.