Drei Mütter
Texte von Annemarie Rieder
Ein Haufen Puzzlesteine, genau abgezählt
Teil an Teil gesetzt ein Leben
Den ersten Stein setzen Mütter
Die Adoptivmutter
„Wie muss dieser Frau jetzt wohl zu Mute sein? Wie kann man nur sein Kind hergeben? Da ist einer gekommen, der hat deiner Mutter gesagt, dass er sie heiraten will. Aber das, was sie im Bauch hat, muss weg!“
An Geburtstagen, zu Weihnachten, mitunter aber auch ohne Anlass, bekomme ich diese Fragen – nahezu wortgleich – zu hören. Gestellt von jener Frau, zu der ich seit dreieinhalb Jahren Mama sage. Heute bin ich sechs Jahre alt. Ich komme bald in die Schule. Endlich werde ich nicht nur mit Johannes oder Anneliese spielen können. Ich habe eine Geh-Puppe bekommen. An meiner Hand bewegt sie sich. Vorwärts. Schritt für Schritt. Und ihre Wimpern klimpern. Legt man die Puppe nieder, schließt sie die Augen. Aber kuscheln werde ich nicht mit ihr. Ihre Haut und ihre Haare sind zu hart.
Das zweite Geburtstagsgeschenk, ein rosafarbenes Gitterbett, kann ich nicht benutzen. Schnurrli sitzt drinnen. Selbst wenn ich es wollte, könnte ich ihn nicht herausheben. Der Tiger-Kater ist zu schwer. Außerdem möchte ich ihn nicht böse machen. Ich brauche ihn, wenn ich wieder einmal traurig bin. Dann gehe ich zum Bett, auf dem er liegt, und vergrabe mein Gesicht in seinem weichen Fell.
Essensmäßig ist Schnurrli ein Leidensgenosse von mir. Fast alles, was meine Mutter kocht, schmeckt eigenartig. Doch leidet Schnurrli sicher noch viel mehr unter diesem Essen als ich. Bei jeder Mahlzeit, also dreimal täglich, legt meine Mutter den großen Kater rücklings auf ihren Schoß. Zu Mittag wird ihm mit einem Kaffeelöffel das Gekochte in sein Mäulchen gestopft. Morgens und abends gibt es in Milch getauchtes Brot. Ich hoffe für ihn, dass ihm wenigstens diese beiden Mahlzeiten schmecken.
Manchmal bringt mich Mama zu Anneliese. Anneliese ist genauso alt wie ich. Ihre Haut löst sich in leuchtend roten Schuppen vom Körper. Sie spricht nicht viel und wird immer sehr rasch müde. Mir macht das nichts aus. Annelieses Mutter ist sehr lieb zu uns. Sie liest aus Bilderbüchern vor oder hilft uns dabei, aus Würfeln Märchenbilder zusammenzusetzen. Solange, bis Anneliese müde wird. Wenn Anneliese dann eingeschlafen ist, darf ich mich auf den Schoß ihrer Mutter setzen. Annelieses Mutter riecht immer so gut. Aber, gerade heute, an meinem Geburtstag, ist Anneliese wieder im Spital.
Sonst kenne ich eigentlich fast keine Mütter. Nur Minna und ihre Mama. Die beiden wohnen im Nachbarhaus, genau ein Stockwerk unter Anneliese. Minna ist zwar erwachsen, aber sie benimmt sich nicht anders als Anneliese oder ich. Sie lacht viel und greift immer wieder nach der Hand oder der Schürze ihrer Mutter.
Anneliese, Minna und der Nachbarjunge Johannes, sie alle, haben „richtige“ Mütter. Meine Mutter ist eine Stiefmutter. Aber sie ist keine Stiefmutter wie die bösen Mütter in den Märchen.
Die leibliche Mutter
„Unterschreiben Sie bitte hier, dass ich Ihnen die Unterlagen ausgehändigt habe!“ Zuvor hat der Jugendamt-Mitarbeiter, ein älterer Herr, über eine halbe Stunde lang die Aktkopien durch Erklärungen ergänzt. Endlich halte ich die ersehnten Papiere in meinen Händen.
Übermorgen werde ich 59 Jahre alt. Meine erwachsenen Kinder und Enkelkinder werden zum Wochenende mit mir feiern. Ich kann mich also sofort dem Akt widmen.
Definitive Verlaufs-Informationen zu meinen ersten beiden Jahren im Zentralkinderheim sind nicht zu finden. Aber mir sticht eine Ausweis-Kopie ins Auge. Auf dem Passbild blickt ein 19 Monate altes Kind ernst-fragend in die Kamera. Endlich besitze auch ich etwas, was üblicherweise in Familien zu Dutzenden vorhanden ist: Ein Foto aus frühen Kinderjahren!
Über meine Mutter erfahre ich nicht allzu viel. Sie lebe alleine in einem ärmlichen, eher unordentlich gehaltenen Kabinett, verrät mir eine Notiz der Sozialarbeiterin. Von ihrem Talent als Weißnäherin bei der Firma Habsburg hat sie mir nur sehr wenig vererbt, wohl aber eine Bindegewebsschwäche. Ihren Vornamen, Christine, trage ich als zweiten Vornamen. Annemarie dürfte in den Nachkriegsjahren kein seltener Vorname gewesen sein. Bis zirka zu meinem 30. Lebensjahr wurde ich „Anni“ gerufen. Seit damals nennt man mich ausschließlich Annemarie.
Da meine beiden älteren, ehelich geborenen Geschwister bereits bei den Großeltern untergebracht waren, hat sich meine Großmutter geweigert auch mich aufzuziehen. Mein Vater war Magistratsbeamter. Laut einer mündlichen Auskunft einer Jugendamt-Beamtin hatte er noch sieben weitere uneheliche Kinder. Ebenso wie meine Mutter bezahlte er 20 Schilling monatlich während meiner Unterbringung im Zentralkinderheim.
Über die Grabstellensuche der Bestattung Wien kann ich letzte Ruhestätten meiner Verwandten finden: Mein Vater ist, wie auch meine Großeltern mütterlicherseits, am Zentralfriedhof bestattet, an der Seite seiner mutmaßlich kinderlosen Ehefrau. In diesem Grab liegen nur zwei Personen.
Ein weiteres Detail, das mir der Akt verrät, wärmt mein Herz. Wie in der Nachkriegszeit üblich, war meine Mutter zeitgleich mit mir über zwei Monate lang im Zentralkinderheim aufgenommen. Mutmaßlich im Zusammenhang mit dem eingeführten „Ammendienst“. Um die erhöhte Säuglingssterblichkeit während der Nachkriegsjahre zu senken, war die Gemeinde Wien auf Muttermilch-Spenderinnen angewiesen.
Ein zusätzlicher Aktenvermerk weist darauf hin, dass meine Mutter mich auch nach ihrer Entlassung an Sonntagen besucht habe. Ob regelmäßig oder nicht, ist nicht beschrieben. Aber das Kind in mir will sie jede Woche gesehen haben. Für meine Mutter fürchte ich, dass unser Heimkontakt abrupt abgebrochen wurde. Nach einem schief gelaufenen Versuch einer Vermittlung hatte das Jugendamt den Entschluss gefasst, mich an Pflegeeltern zu übergeben. An Pflegeeltern, die ausdrücklich auf einem Aktenvermerk bestanden haben. Dieser sollte verhindern, dass meine leibliche Mutter jemals über meinen Aufenthaltsort Kenntnis erlange. Wenige Monate danach adoptierten mich die Pflegeeltern. Ein von meiner Mutter unterschriebenes Freigabe-Dokument für diese Adoption ist im Akt nicht auffindbar.
Die Leider-doch-nicht-Mutter
Was ich sehr wohl im Akt finde, ist ein Pflegschaftsvertrag, namentlich und situativ auf eine völlig andere Person zugeschnitten als auf meine späteren Adoptiveltern. Dieses Papier ist von meiner Mutter unterschrieben.
Mein Lebensweg wäre in jedem Fall anders verlaufen. Anders in einem ganz wesentlichen Sinne. Ich, die ich noch nicht sprechen konnte, hätte eine andere Muttersprache erlernt als sie mir in die Wiege gelegt worden war. Und ich wäre in einem anderen Vaterland aufgewachsen.
Mit der wertenden Frage nach einer möglichen Wendung zu besserer oder schlechterer Lebensqualität beschäftige ich mich bewusst nicht.
Das bereits erwähnte einzige Foto aus meinen frühen Kindertagen verdanke ich der Initiative meiner Leider-doch-nicht-Mutter Gurli Janstrup. Angefertigt wurde das Passbild für einen Kinderausweis. Habe ich vielleicht auf diesem Foto zu verdrießlich in die Kamera geblickt? Warum sonst hätte der Konsul der Königlich Dänischen Gesandtschaft in Wien ein Gesuch um Einreisebewilligung für mich abgelehnt?
Über ein Jahrzehnt später, als ich wieder einmal diese Ausweiskopie ansehe, erkenne ich den Grund. Am Pass selbst ist der Vorname meiner Großmutter eingesetzt, während am ebenfalls der Dänischen Gesandtschaft vorliegenden Freigabe-Formular selbstredend meine Mutter unterschrieben hatte. Eine kleine amtliche Schlamperei hat hier Schicksal gespielt. Und mich in die Arme meiner Adoptiveltern.
Über Vermittlung des Jugendamtes hatten meine Mutter und Fräulein Gurli Janstrup, eine dänische Kindergärtnerin, einen Vertrag geschlossen, der mich in Pflege und Erziehung nach Dänemark bringen sollte. Mit Aussicht auf Wahlkindschaft und damit verbundener Änderung des Vor- und Zunamens.
„Das Kind im Mittelpunkt“ sei eine der Devisen von Gurli Janstrup und ihrer Freundin Alice Bjorngard gewesen, hatte mir der Jugendamt-Mitarbeiter im Zuge der Akt-Übergabe erklärt. Er kenne die Geschichte der beiden Damen sehr gut, weil er seine Diplomarbeit über die „Entwicklung der Wohlfahrt im skandinavischen Raum“ verfasst habe.
Es gibt also vielleicht doch noch einen Menschen, der mich persönlich vor knapp sechs Jahrzehnten nicht nur gesehen, sondern sogar berührt hat! Warum wäre gerade ich das auserwählte Kind gewesen? Spontan reift in mir der Entschluss, diese Person, die mich als Kleinstkind von Wien nach Kopenhagen mitnehmen wollte, persönlich kennenzulernen. Im Internet finde ich einen Zeitungsausschnitt. Ein Farbfoto zeigt im Rahmen eines mehrseitigen Artikels im Bryggebladet die greise Gurli Janstrup in einem Rollstuhl inmitten einer Kinderschar. Die eben 90-Jahre-alt-Gewordene präsentiert stolz eine eben erhaltene Auszeichnung.
Ich korrespondiere auf Englisch mit dem Verfasser des Artikels. Der Redakteur Jean Geauthier, Autor des wenige Jahre zuvor veröffentlichten mehrseitigen Berichtes, teilt mir nicht nur mit, dass Gurli Janstrup leider vor kurzem verstorben sei, sondern auch, dass die knapp über neunzigjährige Alice Bjorngard sicher noch imstande sei, mir Fragen zu beantworten. Neben diesen Auskünften mailt mir der Journalist noch ausführliche Einzelheiten zum Leben und Wirken der beiden Frauen. Er betont, dass die beiden unverheirateten Frauen in den Nachkriegsjahren eine staatliche Sondergenehmigung hatten, die es jeder von ihnen gestattete Kinder zu adoptieren.
Selbst für skandinavische Verhältnisse betreuten die beiden Adoptivmütter ihre Kinder pädagogisch außerordentlich fortschrittlich. Hauptberuflich leiteten sie bis ins Pensionsalter einen sehr renommierten Kindergarten in Kopenhagen. Dieser Kindergarten dürfte auch jener Ort sein, wo Gurli Janstrups im Bryggebladet dokumentierte Ehrung stattgefunden hat. Privat bewohnten die beiden Frauen mit einigen adoptierten Kindern ein Landhaus an einem See in der Umgebung Kopenhagens. Die Kinder wurden mit viel Bewegung an frischer Luft, mit Musik, Geschichten erzählen und Spielen aufgezogen. Fast wäre ich eines dieser Kinder mit dem Familiennamen Janstrup geworden. Aber irgendwie war der Stein für dieses Kinderparadies in meinem Lebenspuzzle nicht auffindbar.
Nach dem Schließen des Aktes stelle ich folgende Überlegung an. Gurli Janstrup war gleich alt wie meine leibliche Mutter. Vielleicht habe ich in ihr meine Mutter zu erkennen geglaubt und ihr vertrauensvoll die Hände entgegengestreckt, sie sogar angelächelt. Eben, weil ich – im Unterschied zu den anderen Kleinkindern – von meiner Mutter zumindest sporadisch besucht worden bin. Auch meine späteren Adoptiveltern könnte ich auf diese Weise für mich gewonnen haben.
Die Texte sind im Schreibworkshop “Weiter schreiben, fertig schreiben” mit Britta Mühlbauer entstanden.