The truth is near

Ein Text von Carin Caduff

Mila wartet auf einer Bank an der Apol­lo­gasse. Wartet auf die Linie 5.
5 Linien, 5 Zeilen.
5 Fragen schweben von der Bilden­gasse daher.
5 Antworten warten am Sieben­stern­platz.
Die Stras­sen­bahn lässt auf sich warten, wahr­schein­lich fährt sie nicht mal, sondern wird von Fidelia, dem Hanf­mann & dem Barber mit der Sopran­stimme von hinten ange­schoben – durch die Stadt geschoben.
Nun gut, dann kata­pul­tiert sie sich halt auf ihren Hot Jazz Planeten.
Niemand hört die Musik, nur sie in ihrem Kopf und ihr Fuss spürt den Takt.
Bohaaar! Wann kommt die Bahn denn endlich?
Viel­leicht in 3 Minuten, viel­leicht in 5 Jahren? Ach. Ich muss einfach tief, bron­chial, brachial atmen.

Haben wir denn schon alle Antworten in uns?
Hab ich alle Gedanken dabei?
Hast du alle Gedanken dabei?
Haben du und ich, wir auch unsere Gefühle dabei?
Während sie auf die Strasse starrt, trabt Lolo Rosso mit seinem Reiter Giuliano vorbei. «Buon­giorno!», ruft er rüber. «Seavus», ruft sie zurück. Sie freut sich über Freund­lich­keit, alles andere ist eh Nüsse!
Giuliano hält an, fragt wie’s geht, wie’s steht, wie das Leben mit ihr umgeht.
«Ach Giuliano, keine Projekte ohne Drama!»
«Ok. Ok. Naaa aber immerhin sind deine Schuhe & deine Jacke farb­lich akkurat aufein­ander abge­stimmt. Harmo­nisch.»
Ach, ja. Süsse Minuten mit Giuliano & Lolo Rosso bis sie von Dannen traben von der Frie­dens­brücke, rüber auf die andere Seite.
Dann denkt sie wieder über den Mann nach, der verwöhnt, der Mann der sich nie fügt, weil sich fügen ja lügen wäre, der Mann der in der Stras­sen­bahn die parkierte Autos zählt wenn er keine Menschen anschauen mag, der Mann der domi­nant mit der rechten Hand nach ihrer greift und sie durch ambi­va­lente Rausch­gassen führt.

Die Stras­sen­bahn kommt.
The truth ist near.

 

Der Text ist im Rahmen des Schreib­work­shops “Urbane Text­felder” bei Brigitta Höpler entstanden. Nächster Termin: 25./26. September 2027