Wie aus Grup­pen­dy­namik Lite­ratur wird. Teil 2

Ein Text von Harald Jöllinger

Du Papa, was ich noch fragen wollte“
„Noch immer wegen der Jugend­messe?“
„Ich muss mich doch vorbe­reiten. Ich bin ja der Grup­pen­leiter.“
„Also, was gibt’s? Wieso liest du denn dauernd dieses Skriptum von meinem Seminar?“
„Du hast gesagt, ich darf.“
„Eh, aber da steht doch nichts darüber drin, wie man Kapellen schmückt.“
„Nein, aber da ist dieses Rang­dy­na­mik­mo­dell vom Schindler. Sag ist das der jüdi­sche Autor?“
„Nein, du meinst den Robert Schindel, das ist ein anderer. Dieser Schindler war so ein Psych­oheini, der ist schon tot.“
„Jeden­falls ist eines klar, dass ich der Alpha bin.“
„Du? Glaubst wirk­lich?“
„Na sicher, ich bin doch der Grup­pen­leiter.“
„Und wer hat vorge­schlagen, dass der Grup­pen­leiter ausge­lost und nicht gewählt wird?“
„Das war der Paul.“
„Na eben.“
„Du glaubst … Nein, Blöd­sinn, ich bin der Grup­pen­leiter, also bin ich auch der Alpha. Dann das „G“. Da steht, dass das die Grup­pen­auf­gabe ist, oder das Gegen­über. Gegen­über haben wir ja keins. Die Mädels fürs Buffet sind ja auch keine Feinde. Also ist bei uns das „G“ der Schmuck für die Kapelle. Stimmt’s?“
„Ja, sicher.“
„Dann der Beta. Das ist ja sauleicht bei uns. Weißt, wen ich mein?“
„So gut kenn ich deine Freunde auch wieder nicht.“
„Das ist der Robbie. Der kann ja urgut zeichnen. Also der Robbie ist der Beta. Alle anderen sind die Gammas.“
„Bist du dir sicher, dass das so einfach ist?“
„Nein, es ist eh nicht einfach. Ich weiß nicht, wer unser Omega sein soll.“
„Am besten gar keiner. Wer will schon der Omega sein? Weißt eh, was das heißt?“
„Na sicher. Das ist der Teschek.“
„Ja, so kann man’s auch sagen. Aber wer will schon der Teschek sein?“
„Niemand.“
„Nur so nebenbei, weil ihr ja alle so katho­lisch seid: Kennst den Satz aus der Bibel: „Die letzten werden die ersten sein“?“
„Was hat das damit zu tun?“
„Die Omegas sind den Alphas sehr ähnlich, sagen die Psych­oheinis.“
„Meinst? Wie die Anne?“
„Wer ist das schon wieder?“
„Von der hab ich dir eh erzählt. Das ist die, die das ganze Jahr nichts macht. Nur Fünfer schreibt. Und vor der letzten Schul­ar­beit oder Prüfung lernt sie was und dann kommt immer ein Einser. Seit zwei Jahren kommt die so durch. Ist die so ein Omega?“
„Da ist was dran. Wenn die das ganze Jahr was lernen würde …“
„Genau, so hat sie am Ende lauter Vierer. Na egal, geht mich ja nichts an. Die ist eh bei den anderen und macht das Buffet. Wer unser Omega ist, weiß ich noch immer nicht.“
„Kann dir doch egal sein. Das hab ich dir vorher schon gesagt, das ist doch nur theo­re­tisch.“
„Ich find das alles voll inter­es­sant. Ich werd später einmal Sozio­loge.“
„Du wirst enterbt.“
„Oder Pfarrer.“
„Jetzt hilf einmal mit beim Kapelle-Schmü­cken. Und dann kannst immer noch nach­denken.“
„Amen!“

 

Harald Jöllinger, geboren 1973 in Mödling, lebt in Maria Enzers­dorf, schreibt Nonsens, schwarz­hu­mo­rige Lyrik und Kurz­prosa. Teil­nehmer der Celler Schule 2007 und Gewinner des Irseer Pegasus 2013. Absol­vent der Leon­dinger Akademie für Lite­ratur 2016. Publi­kums­preis bei der Nacht der schlechten Texte in Villach 2016. Im Früh­jahr 2019 erschien der Erzähl­band „Marillen und Sauer­kraut“ bei Kremayr & Sche­riau.

Harald Jöllinger ist Absol­vent des Lehr­gangs Schreib­päda­gogik 2018/ 2019

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