Bist Du schon Autor:in?

Ein Text von Claudia Dabringer

Ab welchem Zeit­punkt man sich als Autor oder Autorin bezeichnet, hängt von verschie­denen Krite­rien ab. Meist ist es aber eine ganz persön­liche Entschei­dung. Keine leichte – zugegeben.

“Gedichte schreiben, Song­texte schreiben, für diverse Maga­zine schreiben – all das hat mein Selbst­ver­ständnis ‘Autorin zu sein’ noch nicht wirk­lich zemen­tiert. Dieser unglaub­liche Moment kam erst, als ich meine erstes eigenes Buch, noch druck­frisch, in den Händen hielt”, erzählt die Kinder­buch­au­torin Susa Hämmerle in einem Inter­view auf dem BÖS-Blog. Und tradi­tio­nell ist dieser Gedanken noch in vielen Schreiber:innen-Gehirnen veran­kert. Dabei beginnt dieser Prozess viel früher.

Wer regel­mäßig schreibt – ob Gedicht, Erzäh­lungen oder Artikel -, ist im Grunde bereits eine Autorin oder ein Autor. Dahinter steckt die Haltung, dass man für das, was der Kopf ausge­spuckt hat, Verant­wor­tung über­nimmt. “Dazu stehe ich”, könnte eines der Mantras sein, die das unter­stützen. Eine weitere Möglich­keit, für sich selbst einen Stand­punkt zu finden, ist eine Schreib­übung, die mit “Schreiben ist für mich…” oder “Meine persön­li­chen Erwartungen/Hoffnungen/Sehnsüchte ans Schreiben sind…”. Und da spielt es anfangs keine über­mä­ßige Rolle, ob man bereits in einem Magazin einen Artikel veröf­fent­licht, ein Gedicht auf eine Website gestellt oder einen Roman im Selbst­verlag heraus­ge­geben hat. Es ist stets eine krea­tive Leis­tung, in die man Zeit und Arbeit inves­tiert hat. Schon alleine das ist wertzuschätzen.

Viele warten aller­dings immer noch auf den (externen) Ritter­schlag von Lite­ra­tur­agen­turen, Lekto­raten oder Verlagen. Wer ihn erhält, bekommt das Gefühl, sich gegen den Mitbe­werb durch­ge­setzt zu haben. Was natür­lich stimmt, denn die Konkur­renz ist groß. Doch was bedeutet das Sich-durch­ge­setzt-Haben? Die Ritter­schläger haben Manu­skript auf Markt­fä­hig­keit über­prüft, beson­ders ambi­tio­nierte Verlage schauen auch auf die lite­ra­ri­sche Qualität. Markt­fä­hig­keit zielt auf Genre-Genau­ig­keit, den Zeit­geist, Herstel­lungs­kosten. Wer da nicht pass­genau schreibt, schaut viel­fach durch die Finger. Doch keine Sorge, Autor:in bleibt man trotzdem.

Früher gab es das Schreck­ge­spenst der so genannten Druck­kos­ten­zu­schuss-Verlage, wo man richtig Geld in die Hand nehmen musste, um sein eigenes Buch in Händen halten zu können. Und nicht zu Unrecht schim­merte in diesen Fälle oft mehr oder weniger stark die Eitel­keit durch. Das aller­dings hat mit dem, was man heut­zu­tage als Self­pu­bli­shing bezeichnet, kaum mehr etwas zu tun. Autor:in in diesem Kontext bedeutet, nicht nur für den Plot oder die Figuren verant­wort­lich zu sein, sondern auch für das Cover­de­sign oder die Vermark­tung. Inzwi­schen stehen viele erfolg­reiche Self­pu­blisher Bestseller-Autor:innen im klas­si­schen Verlags­seg­ment um nichts mehr nach. Doch machen wir uns nichts vor: Auch Hobby-Texte ohne Lektorat und Anspruch finden sich unter den Selbstverlegern.

Was viel­fach unbe­kannt ist: Fried­rich Schiller war ebenso ein Self­pu­blisher seiner Zeit wie Charles Dickens oder auch Julia Cameron. Ihr Stan­dard­werk “Der Weg des Künst­lers” wurde von Lite­ra­tur­agen­turen und Verlagen abge­lehnt, weil man nicht an den Erfolg eines spiri­tu­ellen Schreib­leit­fa­dens glaubte. Sie alle fühlten sich als Autor:innen, obwohl keiner an sie bezie­hungs­weise ihre Texte glaubte. Und sie waren im Grunde das, was heute eine moderne Autor:innen-Persönlichkeit ausmacht. Diese tragen die Gesamt­ver­ant­wor­tung für ihr Buch-Projekt, entscheiden alle über Inhalt, Ton und Form und leben damit die reinste Form der künst­le­ri­schen Autonomie.

Kürz­lich habe ich in einem Schreib­work­shop den Satz einer Frau gehört, die sich ganz bewusst für den Selbst­verlag entscheiden hat: “Ich wollte mich nicht verbiegen, und ich habe an meinen Text geglaubt.” Das ist Autor:in-Sein.

 

Dieser Beitrag ist im September 2026 auf dem Blog von “&Radieschen – Zeit­schrift für Lite­ratur” erschienen.

Foto: Silvia Tica