Das genaue Hinschauen macht den Unterschied

Ein Text von Claudia Dabringer

Die jour­na­lis­ti­sche Heran­ge­hens­weise an das Schreiben kann dem Autor:innentum Tiefe und Exper­tise bringen.

Die berühmten W‑Fragen (Wer, Was, Wann, Wo, Wie – manchmal und idea­ler­weise ergänzt um das Warum) sind die Grund­aus­stat­tung jour­na­lis­ti­schen Arbei­tens. Dabei wurden sie ursprüng­lich noch nicht einmal vom Jour­na­lismus erfunden, sondern in der Antike von Rich­tern, Anwälten und Anwälten dazu heran­ge­zogen, um Sach­ver­halte aufzu­klären. Nun: In der heutigen Zeit braucht es mehr denn je diese Fragen, um kompli­zierte und komplexe Sach­ver­halte aufzu­klären – auch für Autor:innen. Rudyard Kipling drückte das in einem kleinen Gedicht aus:

I keep six honest serving-men (They taught me all I knew); Their names are What and Why and When And How and Where and Who.
(„Ich habe sechs ehrliche Diener, sie brachten mir alles bei, was ich weiß; ihre Namen sind Was und Warum und Wann und Wie und Wo und Wer.“)

Gerade wenn es um das Verfassen lite­ra­ri­scher Geschichten geht, können diese “sechs ehrli­chen Diener” eine Hilfe sein, um Klar­heit, aber auch Prägnanz in das Schreib­vor­haben grund­sätz­lich, aber auch die Geschichte im Spezi­ellen zu bringen. Gehen wir sie in der Kipling’schen Reihen­folge durch:

Was?
In der Vorbe­rei­tung hilft das Was, uns darüber klar zu werden, worüber wir eigent­lich schreiben möchten. und im Schreib­vor­gang unter­stützt es dabei, auf der gewählten Linie zu bleiben und nicht den roten Faden zu verlieren.

Warum?
Für mich persön­lich die wich­tigste Frage dies­seits und jenseits des weißen Blattes oder Bild­schirms, aber beim Schreiben vor allem aus einem Grund: sich selbst und die Inten­tion zu hinter­fragen. Die Autorin und Femi­nistin Gertraud Klemm hat in einem bald erschei­nenden Inter­view auf dem BÖS-Blog folgende Blick­winkel eröffnet:

Warum schreibe ich? Wegen des Geldes? Bestimmt nicht. Wegen der Aufmerk­sam­keit? Schon eher. Von wem bekomme ich die, was bringt sie mir und zu welchem Preis kommt das alles?
Schreibe ich, um geliebt zu werden? Wenn ja – kann ich bestimmen, wer mich liebt, wie lange will ich von wem geliebt werden, und wie werd ich die Liebe wieder los??
Oder schreibe ich wegen des Bedürf­nisses, die Welt besser zu verstehen und sie mir selbst zu erklären? Wenn ja – ertrage ich, es mit einem Gegen­über aufzu­nehmen, das immer anonymer wird, das zuneh­mend despo­ti­scher wird, das ständig die Regeln ändern kann?”

Im Schreib­pro­zess selbst hilft das Warum, um die Beweg­gründe der handelnden Personen zu hinter­fragen und ihre Akti­vi­täten und Aktionen authen­tisch erscheinen zu lassen. Auch ist es wichtig für das Setting. Beispiels­weise hilft es der Strin­genz eines Textes, zu begründen, warum eine grüne Vase oder ein Paar ausge­latschte Schuhe wichtig für den Plot sind.

Wann?
Heraus­zu­finden, wann man am besten schreibt, ist wohl eines der großen Geheim­nisse der lite­ra­ri­schen Produk­ti­vität. Von vielen Schriftsteller:innen ist bekannt, dass sie entweder morgens oder spät­abends am besten geschrieben haben. In den seltensten Fällen dauerte ihr Fokus länger als drei bis fünf Stunden. Heraus­zu­finden, welcher Schreibtyp man ist, hilft bei der Beant­wor­tung der Frage nach dem Wann immens. Im Schreib­pro­zess spielt diese Frage eine Rolle, wenn wir zu entscheiden haben, ob wir unsere Geschichte in einer bestimmten histo­ri­schen Periode ansie­deln. Daraus resul­tiert, dass wir in die jour­na­lis­ti­sche Qualität der Recherche tauchen müssen, um alles zu erfahren, was signi­fi­kant für diesen Zeit­raum sein könnte.

Wie?
In der Schreib­vor­be­rei­tung ist es wichtig, das rich­tige Medium für sich zu wählen. Schreibe ich mit der Hand in einen Notiz­block, ein Schreib­buch oder auf Flip­chart-Blätter? Oder entscheide ich mich für den Laptop und alle Möglich­keiten, die schnelles Reagieren und Korri­gieren leichter macht. Von Daniel Kehl­mann beispiels­weise ist bekannt, dass er erste Entwürfe immer händisch in ein Notiz­buch schreibt. Elfriede Jelinek wiederum ist bekannt für ihre enge Verbin­dung zu Bild­schirm und Tastatur.
Beim Schreiben selbst ist das Wie verknüpft mit der Erzähl­per­spek­tive, dem Tempus und der Wort­wahl. Aus welcher Perspek­tive man eine Geschichte schreibt, setzt den Ton für einen Text, ebenso wie die Entschei­dung für Präsens, Imper­fekt oder Perfekt – oder eine Mischung. Und es macht auch einen Unter­schied, ob man Dinge beim konkreten Namen nennt oder für sich eine eher komple­xere Sprache beschließt.

Wo?
Im Kaffee­haus oder unter dem Dach, in einer einsamen Hütte oder am Meer – die Orte, wo wir unsere Texte verfassen, sind viel­fäl­tige wie unsere Schreib­ideen. Aus Erfah­rung weiß ich, dass viel­fach die Natur als wich­tiges Krite­rium genannt wird. Entweder wünscht man sich eine über­dachte Terrasse mit Blick ins Grüne oder zumin­dest ein Fenster mit Blick ins Grüne, durch das man während des Schrei­bens schauen kann. George Bernard Shaw soll das zele­briert haben, indem er sich in seinem Garten eine hölzerne Klause auf einer rotie­renden Platt­form bauen ließ, um immer wieder neue Perspek­tiven zu bekommen.
Der Inhalt eines Textes kommt häufig auch nicht um ein örtli­ches Setting herum. Wie man eine Örtlich­keit greifbar macht oder welche Rolle sie im Plot spielt, sind nur zwei Fragen, die sich Schrei­bende zu stellen haben.

Wer?
Viel­fach haben Schrei­bende ein Problem damit, sich als Autor:innen zu beschreiben. Denn wann genau wird man dazu? Mit dem ersten Gedicht? Der ersten Publi­ka­tion? Dem ersten Buch? Das führt häufig zu Selbst­zwei­feln, denn oft fragt man sich, wer denn das lesen soll, was man vom Kopf aufs Papier bringen will. Eine erwei­terte Version dieser Frage wäre also: Wer bin ich, dass ich ein Buch schreiben kann? Diese Selbst­zweifel verfliegen meis­tens sehr schnell, wenn man den Schritt in Schreib­gruppen oder Schreib­work­shops wagt. Denn dort merken wir sehr schnell, dass unsere Worte defi­nitiv Rele­vanz haben – was wiederum unsere Selbst­zweifel in Schach hält, idea­ler­weise zum Verschwinden und uns in die Selbst­er­mäch­ti­gung bringt.
Eine Erzäh­lung – ob Short Story oder Roman – lebt von den Charak­teren. Sie genau zu defi­nieren, ihre Merk­male zu nennen und der Leser:innenschaft damit eine Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fläche zu bieten, ist essen­ziell für jede:n Autor:in. Sher­lock Holmes spielte die Geige, wenn ihm lang­weilig war. Und die Liste der Eigen­arten der TV-Seri­en­figur Monk würden diesen Text sprengen. Meis­tens reichen drei Merk­male: ein opti­sches, ein sprach­li­ches und ein widersprüchliches.

Sich als Autor:in mit den W‑Fragen zu beschäf­tigen, unter­stützt also nicht nur den Text, sondern auch dessen Vorbe­rei­tung. Und sie verleiht der Arbeit eines Autors/einer Autorin Tiefe und Glaubwürdigkeit.

PS: Der Voll­stän­dig­keit halber und weil das zu Rudyard Kiplings Zeiten noch kein großes Thema war: Das moderne siebte W ist das Woher. Denn seit wir es mit Fake News zu tun haben, wird das Nennen der Quelle immer wichtiger.

 

Dieser Beitrag ist im Mai 2026 auf dem Blog von &Radieschen – Zeit­schrift für Lite­ratur” erschienen.

Foto: www.tica-foto.com