Schreibläden – eine Vision
Ein Text von Claudia Dabringer
Das Schreiben gibt uns die Hoheit über unsere Gedanken zurück, gerade in Zeiten von unverdaulich schnellen Entwicklungen.
Wo sind plötzlich all diese Barber-Läden hergekommen? Wann sind Zeitungen und Zeitschriften zugunsten von Dutzenden Vape-Produkten aus den Trafiken verschwunden? Warum wundere ich mich, wenn ich plötzlich in einem Einkaufszentrum eine Buchhandlung entdecke? Wann hat diese Verschiebung vom Innen ins Außen stattgefunden, und in welcher Geschwindigkeit?
Entweder habe ich Jahre meines Lebens verschlafen oder es hat eine stille Revolution stattgefunden, die den Äußerlichkeiten huldigt. Um klarzustellen: Ich halte es für durchaus positiv, dass Männer auf ihr Äußeres schauen. Und vermutlich ist es nur eine Annahme, dass Menschen lieber ihren Geist vernebeln als ihn zu füttern, sprich lieber vapen als verschlingen. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, dass Menschen die Nachrichten aus dem Internet ziehen – und das oft kostenlos, als Geld für eine Zeitung oder ein Magazin in die Hand zu nehmen. Swipen statt schmökern sozusagen. Glücklicherweise gibt es immer noch Kaffeehäuser, wo man das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften zelebrieren kann. Und die Buchhandlungen? Ich vermute, viele finden es spannender, aus dem Modestil eines anderen Menschen auf dessen Charakter zu schließen als Charaktere in Büchern kennenzulernen und sich selbst ein Bild zu machen. Die vier Prozent Minus, die Buchhandlungen 2025 ausgemacht haben, muss schließlich irgendwo her kommen.
Ich frage mich oft, wie Menschen mit den vielen Eindrücken, die unsere visuelle Welt zu bieten hat, zurechtkommen. Wie verstoffwechseln sie das Erlebte, Gesehene, Gehörte? Gehen sie da einfach drüber, bürsten Dinge ab, ghosten Menschen, die ihnen unangenehme Gefühle bescheren? Ich habe keine Ahnung, doch eines weiß ich: Mit Drübergehen, Abbürsten oder Ghosten kann ich nichts anfangen. Ich muss schreiben, über alles, was ich nicht verstehe.
Während ich heute durch eine Straße spaziert bin, in der sich Barbershops mit Handyläden und Nagelstudios abgewechselt haben, dachte ich mir, wie die Welt aussehen würde, gäbe es statt den Handyläden Schreibläden. Also nicht Schreibwarengeschäfte, sondern Orte, wo man Schreiben kann. Wo man Anregungen kriegt. Wo man Gleichgesinnte trifft, die Ähnliches verdauen müssen. Wo man sich – im Gegensatz zu den Handyläden – um die Kommunikation mit sich selbst kümmert, einen Dialog mit seiner eigenen Stimme führt anstatt darauf zu warten, bis irgendwer irgendwann antwortet. Beachten wir unseren inneren Flüsterton, brauchen wir keine Zeit zu verschwenden, denn er meldet sich verlässlich und zeitnah, wenn er die Gelegenheit dazu bekommt.
Auf dem Schaufenster des Schreibladen würde “Schreibst du schon oder wartest du noch?” stehen. Oder irgendwas Ähnliches. Drinnen gäbe es richtige Tische, an die man sich während des Schreibens lehnen kann. Nicht die beliebten Couchtische, wo man die Teetasse zum Mund balancieren muss. Nein, richtige Tische und richtige Stühle. Die dürfen ruhig bequem sein, aber nicht so bequem, dass man in Versuchung kommt, sich hinzulümmeln. Denn aus dem Lümmeln ist selten eine Erkenntnis erwachsen. Auf dem Tisch würden Stifte in einer Dose stecken, man bekäme etwas Kleines zu essen, und es spielte keine Loungemusik im Hintergrund. Was ich immer wieder höre: Natur braucht es zur inneren Einkehr – also vielleicht Pflanzen, vielleicht eine Terrasse im Hinterhofgarten, begrünte Wände? Und vielleicht doch Klänge, Klänge wie Vogelgezwitscher, Meeresrauschen oder schnurrende Katzen.
Wir müssen mehr schreiben in einer Welt, die uns in einer unverdaulichen Geschwindigkeit mit News versorgt, die unser Gehirn verstopfen. Wollen wir nicht abstumpfen für die wirklich essentiellen Dinge des Lebens, müssen wir einen Weg finden, die Unwichtigkeiten von den Wichtigkeiten zu trennen. Gezielt geschieht das, wenn wir schreiben. Wenn wir uns fragen, was das Außen mit unserem Innen macht. Ob es tatsächlich etwas mit uns zu tun hat oder ob wir uns zuschütten lassen, bewusst und doch unbewusst. In Zeiten wie diesen müssen wir uns die Hoheit über unsere Gedanken wieder zurück holen und sie formulieren. “Worte sind Energie. Sie einzusetzen sollte bewusst geschehen”, schreibt die Autorin, Radiokünstlerin und Schreibpädagogin Petra Ganglbauer. In diesem Sinne freue ich mich über die Eröffnung des ersten Schreibladens, demnächst in der Umgebung unseres Wirkens. Und danach können wir immer noch zum Barber oder ins Nagelstudio gehen.
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