Herbstfeuer – Karin Rettenmoser
Eine Rezension von Tobias Thomas March
Kein Herbstfeuer und auch kein Lagerfeuer
Karin Rettenmosers erster Roman wird leider kein Bestseller. Die Handlung hat viele unlogische Sprünge und das Ende ist vorhersehbar, viel zu klassisch. Aber beginnen wir am Anfang:
Die Protagonistin Anna hat eine mehr schlechte als rechte Beziehung zu ihrem Mann Richard, als sie Nora auf der Lindauer Hütte kennenlernt. Ein Auf und Ab der Gefühle und eine zweite Beziehung neben der mit Richard beginnt. „Nora sagte kein Wort, sah Anna tief in die Augen und küsste sie auf den Mund. Anna spürte Einheit im Herzen und Erregung in ihrem Körper. Sie zog Nora fester an sich und erwiderte ihren Kuss. Sie war zu mehr bereit. Es fühlte sich richtig an.“ (S. 22) Mit platten Sätzen baut Rettenmoser eine Liebesbeziehung auf und auf der nächsten Seite widerspricht sich die Figur Anna selbst, wenn die „so bereite“ Anna sagt, sie hätte noch nie eine Frau geliebt und noch nie mit einer Frau geschlafen. Ist sie jetzt in Nora verliebt, oder nicht?
Nora bekommt Probleme in ihrer Beziehung zu ihrem Ehemann Alex, da dieser fremdgeht. Richard hat keine Lust auf Sex mit Anna. Nachdem die zwei Frauen eher plakativ beschriebenen Sex miteinander haben („Anna hielt Nora fest, während ihr Körper bebte. Sie spürte, wie sich Wellen in ihr ausbreiteten und aus ihr herausbrachen. Dann schrie sie auf. Nora verschloss Annas Mund mit dem ihren.“ (S. 31)) trinken die beiden Frauen Wein. „Wenig später läutete es an der Tür. „Die Kinder kommen.“ Nora stand auf. „Ich habe extra den Schlüssel stecken lassen, damit wir nicht von ihnen überrascht werden.“ Sie zwinkerte dabei schelmisch mit den Augen. Zwei Mädchen stürmten herein, beide lange Haare, […].“ (S. 31) Auch auf dieser Seite stören sich Leser:innen an unlogischen Sprüngen und Auslassungen.
Nur das Klettern ist eine rettende Ausflucht für die Autorin und für die Protagonistinnen. Klettern erdet Anna und Nora, es erfüllt sie mit Freude und bringt sie dazu, immer wieder Zeit miteinander zu verbringen und sich gegenseitig nahe zu sein.
Bei diesen Passagen merkt man auch, dass Karin Rettenmoser in der Alpinwelt und im Klettern zuhause ist. Die zweite Leidenschaft Noras (und der Autorin) ist das Malen. Im letzten Drittel des Buches nimmt das Malen auf einmal sehr viel Platz in der Handlung ein, die Auswahl der Bilder für die Galerieausstellung, das Verschenken und Verkaufen der Bilder und woher die Inspiration für die Bilder stammt. Bei solchen Stellen holt die Autorin die Leser:innen ab und nimmt sie mit, doch wenn Nora nach einer Gewalterfahrung durch Alex bei diesem bleibt, vergrault Rettenmoser Leser:innen wieder. „Und du hast nicht die Polizei gerufen?“ „Nein, ich ging zu ihm in das Arbeitszimmer, sagte ihm, dass unsere Vereinbarung aufgehoben sei, dass ich ihn verlassen werde und jetzt in mein Atelier ginge.“ (S. 70) Da Nora davor als starke Frauenfigur porträtiert worden war, erscheint die Entscheidung, nicht die Polizei zu rufen und ihn nicht zu verlassen, obwohl sie auf diese Möglichkeit das ganze Buch über gewartet hat, wiederum unlogisch. Im nächsten Absatz sagt Nora, dass sie wütend und beschämt sei, weil sie zugelassen habe, dass er sie schlägt.
Für das Ende des Romans muss Nora sterben. Für Rettenmoser kann die Geschichte anders nicht enden. Das ist sehr schade und ein sehr klassisches Ende, dass schon vielfach gehört und gelesen worden ist. Nora, als sehr gute Kletterin, stirbt unvorhersehbar durch einen Kletterunfall. Aber wie durch ein Wunder hat sie für Anna einen Abschiedsbrief in der Tasche, und als diese ihn liest „spürt sie Nora neben sich stehen und sie umarmen.“ (S. 109). Leider zu viel Hollywood-Kitsch.
Tobias Thomas March, August 2026
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich.
Karin Rettenmoser: Herbstfeuer
Hohenems: Bucher Verlag 2026
112 Seiten
19 EUR
ISBN 978–3‑99018–759‑3
Mehr zum Verlag
Mehr zum Buch
Mehr zur Autorin
Mehr zum Rezensenten
