Lahea – Lisa-Viktoria Niederberger

Eine Rezen­sion von Barbara Rieger

Femi­nis­ti­scher Insel­roman mit Spannungssog

Lahea lautet der Name der Heldin, mit der wir uns auf rund 360 Buch­seiten auf die Reise begeben.

In einer nicht allzu weit entfernt schei­nenden Zukunft haben Über­le­bende eines Schiffs­un­falls auf der fiktiven Insel Ebria eine egali­täre, nicht-kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schafts­form geschaffen, die ohne Geld oder Elek­tri­zität auskommt. Die Menschen leben fried­lich und in Einklang mit dem, was ihnen die Insel zur Verfü­gung stellt sowie mit dem, was das Meer anspült. Ob es nun Plas­tik­müll ist, der nach Brauch­bar­keit sortiert wird, oder ein toter Wal wie im Eingangs­ka­pitel. Mensch­liche Zivi­li­sa­tion außer­halb der Insel scheint noch vorhanden zu sein, Sehn­sucht danach wird tabuisiert.

Lahea selbst verspürt diese Sehn­sucht nicht, sie ist im Grunde glück­lich mit ihren zwei Part­nern und ihrer Tochter im Küsten­dorf Ipane, auch wenn es einige gesell­schaft­liche Regeln gibt, die sie kritisch hinter­fragt. Dass ausschließ­lich Frauen poli­ti­sche Funk­tionen einnehmen dürfen, findet sie über­holt. Auch der Tatsache, dass sie sich als kommende Nach­fol­gerin der Dorf­vor­ste­herin, ihrer Mutter, alleine auf den Weg in die Haupt­stadt begeben muss, um vom Ältes­tenrat initi­iert zu werden, steht sie ein wenig ambi­va­lent gegen­über. Nicht etwa aus Angst, kennst sie Gewalt doch nur als verschwom­mene Kindheitserinnerung.

Doch in der ersten Nacht trifft sie in der Reise­un­ter­kunft auf Johnny, den Vorboten ihres Gegen­spie­lers. Er trägt nicht nur einen „alten, eindeutig engli­schen Namen“ (S.83), und riecht nach Alkohol, der auf Ebria nur medi­zi­nisch verwendet wird, sondern verhält sich Lahea gegen­über so über­griffig, wie sie es noch nie zuvor erlebt hat und niemals für möglich gehalten hätte. Als Lahea trau­ma­ti­siert in der Haupt­stadt eintrifft, muss sie fest­stellen, dass Johnny kein Einzel­fall ist und dass die Gesell­schafts­form, deren Werte sie im Grunde doch teilt, bedroht ist.
In 54 Kapi­teln, die aus wech­selnder Perspek­tive erzählt sind, schraubt sich alles auf einen Höhe­punkt zu, dessen Auflö­sung hier nicht verraten werden soll.

In ihrem Debüt­roman schöpft Lisa-Viktoria Nieder­berger aus dem Vollen. Ethno­gra­fi­sche Genau­ig­keit in den Schil­de­rungen des Alltags, femi­nis­ti­sche Ausein­an­der­set­zungen mit Fragen von Macht und Herr­schaft, ein diverses Figu­ren­en­semble, ein drama­tur­gisch perfektes Zusam­men­spiel von großen lite­ra­ri­schen Motiven wie Tod & Geburt, Krieg & Liebe, Gut & Böse, ein Span­nungs­bogen, der sich gewa­schen hat, und nicht zuletzt eine Sprache, die trägt und filmi­sche Szenen evoziert.

Einige der einge­floch­tenen gesell­schafts­po­li­ti­schen Über­le­gungen, die dem Text zu Grunde liegen, hätte es in ihrer Expli­zität meiner Meinung nach gar nicht gebraucht. Die Konflikte und Hand­lungen der Figuren spre­chen stark für sich und sind Denk­an­stoß genug.
Doch dies ist auch Geschmack­sache und frei­lich der Autorin zu über­lassen. Lisa-Viktoria Nieder­berger weiß offen­sicht­lich nicht nur, was sie will, sondern auch genau, was sie tut!

 

Barbara Rieger, April 2026

Für die Rezen­sionen sind die jewei­ligen Verfas­se­rInnen verantwortlich.

 

Lisa-Viktoria Nieder­berger: Lahea
Salz­burg: Otto Müller Verlag 2026
361 Seiten
28 EUR
ISBN: 978–3‑7013–1340‑2

 

 

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