Gewit­ter­war­nung – Norma Norvald

Eine Rezen­sion von Tobias Thomas March

Midgard­schlange und gebors­tene Eisfjorde

Autorin Norma Norvald entführt uns in ihrem Gedicht­band­debüt “Gewit­ter­war­nung” mit dem Unter­titel „von fremden Vorfahren aus gebors­tenen Eisfjorden“ in den hohen Norden und in die nordi­sche Mytho­logie. Nicht nur die Welt haltende Midgard­schlange, Fjorde, heulende Wölfe und der mytho­lo­gi­sche Ikarus spielen in diesem Gedicht­band eine Rolle. Auch wird berüh­rend und persön­lich auf die Verschlep­pung und Vernich­tung von Frauen im Natio­nal­so­zia­lismus Bezug genommen. In „Lied für Alma“ heißt es: „Im Regen ruht / ein Lobge­sang, / von allen innigen Tönen du / spiel­test / in mir / bis zu diesem Früh­ling, / der / in Vernich­tung / ausklang und verstummte, / und wir uns, / sachte trop­fend, / einen Herbst vor der Todes­kammer / ersannen, / …“ (S. 47.) Dieses Gedicht ist der Wiener Geigerin und Diri­gentin des Frau­en­or­ches­ters Ausch­witz, Alma Rosé, gewidmet. Und auch Ruth Maier und ihrer Freundin Gunvor Hofmo sind fünf Gedichte gewidmet. Ruth Maier wurde 1942 in Ausch­witz von den Natio­nal­so­zia­listen getötet.
Norvald gelingt es, kollek­tive Trauma­er­fah­rungen wie die Vernich­tung von Menschen im Zweiten Welt­krieg durch ihre Gedichte greif­barer zu machen, aber durch ihre Worte auch eine Versöh­nung und den Anfang einer Heilung zu schaffen, wie man in „Draußen II“ nach­voll­ziehen kann. Da heißt es: „fliegen wir / über die Fjorde / davon / wohin / wo niemand schreien muss / wo niemand sterben muss / dorthin wo / wir hin / wohin // draußen in den hellen Nächten / draußen am Meer / einmal werden wir alle / Möwen sein.“ (S. 52–53.)
Finger­spit­zen­ge­fühl beweist Lyri­kerin Norvald im Gedicht „Briefe“, wenn sie den getarnten Liebes­briefen und der geheimen Chif­fre­sprache der zwei sich liebenden Frauen, Maier und Hofmo, nach­geht: „in zarter Feder / schrift packst du / mir / deine Worte / ein: / Geheim­chiffre / über / mich / über dich / über unsere Welten / Zwischen­zeilen / in einem verwun­deten Reise­koffer / Zwischen­zeiten / in zuge­klebtem Kuvert / wissen nur / die Briefe / über unsere Liebe / Bescheid“. (S. 54.) Auch wenn nicht alle Gedichte Norvalds so unmit­telbar sind und so ernste, tabui­sierte Themen explizit aufweisen, so ist es doch wichtig, dass auch diese Gedichte im Band versam­melt sind. Denn wie Norvald selbst schreibt in „Fjord­trauer II“: „warum? / Warum sollen wir nicht leiden, wenn so viel Leid ist?“ (S. 57.)
Es gibt auch Gedichte abseits der Shoa-Thematik, wie unter anderem „mormor“ (=norwe­gisch für Groß­mutter), „Sturz“, „Ikarus“, „Schlaf“ oder „Die Abna­be­lung der Zeit“. In letzt­ge­nanntem Gedicht steht: „…Unser Wagemut durs­tete / nach Ehrfurcht und Ruhm und etc. / bis uns die Zeit / zu knapp wurde, / bis wir zögerten, / bis sie uns auffraß. / Und jetzt? / Jetzt / hocken wir auf der Börse, / wollen inves­tieren, / uns frei­kaufen, / wollen die Zeit stehlen, / wollen sie um den Finger wickeln / wollen Poker mit ihr spielen…“ (S. 70–71.) Und in „mormor“ geht es um die Groß­mutter des lyri­schen Ichs, aber auch um Märchen und ihre trös­tende Funk­tion: „die trös­tende Wunde, wenn / deine Schrift­züge sich im Regen­tropfen offen­baren / und / das kleine Mädchen mit den Schwe­fel­höl­zern noch / da aber / du / schon längst Asche…” (S. 63.)

Statt einer (Gewitter)WARNUNG gibt es für dieses Buch eine große Lese­emp­feh­lung für diese viel­schich­tige, liebende, trau­ernde, große und zum Nach­denken anre­gende Lyrik.

 

Tobias Thomas March, Mai 2026

Für die Rezen­sionen sind die jewei­ligen Verfasser:innen verantwortlich.

 

Norma Norvald: garten­fa­cetten
Wien: Edition Fabrik Transit 2026
90 Seiten
15 EUR
ISBN 978–3‑903267–87‑9

 

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