Schne­cken­kö­nigin – Sabine Schönfellner

Eine Rezen­sion von Roswitha Perfahl

Die Haupt­figur Klara leidet an zeit­weise auftre­tenden Erschöp­fungs- und Schmerz­zu­ständen, die undia­gnos­ti­ziert bleiben. So ratlos wie die Familie und Freun­dinnen sind auch die Ärzt:innen. Als Kind schon kränk­lich, wird dieser Umstand im Berufs- und Fami­li­en­leben mit Kind zu einem immer größeren Problem. Aller­dings hat Klara Glück, nicht nur die Arbeit­ge­berin ist flexibel, sondern auch der Partner, die Familie, die Freun­dinnen springen bei Bedarf ein. Beson­ders der Partner wird als besorgter und verständ­nis­voller Mann in die Geschichte einge­führt. Er versucht Struk­turen, nach­voll­zieh­bare Abläufe, Auslöser in den in Schüben verlau­fenden Schwäche- und Schmer­z­epi­soden zu finden. Doch diese Suche nach Ursprung und Grund bzw. die Einord­nung der Episoden nerven Klara zuse­hends. Über­haupt reagiert sie, die physisch schwach und hilfs­be­dürftig darge­stellt wird, im Laufe der Geschichte immer schroffer und abwei­sender gegen­über ihrem Umfeld. Die Verwei­ge­rung führt bis zur Tren­nung von ihrem Partner, denn der blass gezeich­nete Kinds­vater, wird von Klara plötz­lich als über­griffig empfunden. Dieser Sprung wirkt etwas befremd­lich, so wie die zuneh­mende Selbst­be­zo­gen­heit und Empa­thie­lo­sig­keit, die sich durch den Text ziehen. Eine Freundin erzählt von ihrer chro­ni­schen Migräne und bemerkt: „… ich dachte, das würdest du verstehen“. Klara denkt nur: „Was hatte das mit mir zu tun“. (S. 79, oder im Dialog mit ihrer Schwester, S. 121). Die Hand­lungen Klaras werden dadurch nur bedingt nach voll­ziehbar, die Dialoge wirken immer unge­lenker und unver­ständ­li­cher (z.B. S.75 Schiff/Wrack Dialog, S.110), was den Zugang zur Figur erschwert. Deren Leidens­druck über­trägt sich kaum auf die Leser:innen. Viel­leicht können Menschen, die unter chro­ni­schem Erschöp­fungs­syn­drom leiden, das Verhalten der Haupt­figur besser nach­voll­ziehen. 
Viel­leicht führt diese Art von Krank­heit dazu, schwierig, selbst­be­zogen, auffah­rend, unge­duldig, fordernd zu werden. Viel­leicht ist das die Crux, die das Buch erzählen will: die Abhän­gig­keit von chro­nisch Kranken von Familie, in Klaras Fall der Mutter, Schwester, den Freun­dinnen, dem Partner. Und das gleich­zei­tige Bedürfnis, nichts mehr mit diesen Personen zu tun haben zu müssen, in Klaras Fall mit der Mutter. Im Ende trennt sich Klara nur von ihrem Partner.
Der von der Autorin geschil­derte Ausweg scheint ein Versuch a la „krea­tive Zerstö­rung“ zu sein, es doch alleine schaffen zu können. Klara will sich nicht mehr erklären und sucht auch nicht mehr nach Erklä­rungen. Allein mit dem Kind, Lea, in einer sehr kleinen Wohnung ist sie sicher, dass ein Neube­ginn gelingt. Ein Märchen­schluss.
Der, weiter­ge­dacht, um das in der Folge paren­ti­fi­zierte Kind fürchten lässt. Lea wird als sprach­lich gewandt (S.75/76), gleich­zeitig als 5‑jährige noch sehr baby­haft gezeichnet, wenn sie plötz­lich ihre Nudeln durch die Küche wirft (S. 50), und durch ihr noch immer erra­ti­sches Schlaf­ver­halten Klara heraus­for­dert. Was befremd­lich wirkt, viel­leicht möchte die Autorin hier sicher­stellen, dass ein Kind Kind bleiben darf, und nicht von der Krank­heit der Mutter geprägt wird.
33 kurze Kapitel, mehr­heit­lich aus der Sicht der Prot­ago­nistin geschrieben, einige wenige aus jener der Mutter bzw. Schwester, bieten einen unan­ge­strengten Leselauf. Die Rück­blenden sind nicht immer leicht von den Schil­de­rungen in der Gegen­wart zu unter­scheiden.
Ein Buch, dem der Vorzug gebührt, chro­ni­sche Erschöp­fungs­zu­stände in Lite­ratur zu fassen.

 

Roswitha Perfahl, Februar 2026

Für die Rezen­sion sind die jewei­ligen Verfasser:innen verantwortlich.

 

Sabine Schön­fellner: Schne­cken­kö­nigin
Graz: Lite­ra­tur­verlag Droschl 2025
160 Seiten
23 Euro
ISBN: 978–3‑99059–188‑8

 

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