garten­fa­cetten – Fabian Thaler

Eine Rezen­sion von Tobias Thomas March

Zwischen Groß­stadt und Land könnte der Unter­schied wohl nicht größer sein. So scheint es zumin­dest in „garten­fa­cetten“ von Fabian Thaler. Zuerst stehen im Buch Gedichte, am Ende folgen Prosa­texte. Lyrik und Prosa beschreiben, wie es ist, im Länd­li­chen, im Kleinen aufzu­wachsen und die Jahres­zeiten mitzu­er­leben. Bei Thaler ist es keine Land­idylle, die uns umgibt. Gut erkennbar in seinem Gedicht „insel­da­sein“: „der see schützt nicht vor dem gerede, welches aus den mündern quillt/anonymität ist hier ein fremd­wort in dem ohnehin wort­kargen reper­toire der leut./die norm bestimmt die routine und die routine ist nichts als ein evolu­tio­närer rückschritt/auf der insel drehst du dich im kreis und der kreis ist dein paradies/lauf so schnell du kannst, um am selben fleck zu bleiben …“ (S. 61) Immer wieder tritt in den Gedichten die der Norm unter­wor­fene Gesell­schaft als Antago­nist, als Gegen­spieler auf. Das lyri­sche Ich kämpft gegen diese Normen an und so kann auch die konse­quente Klein­schrei­bung gedeutet werden: Ein Aufbe­gehren gegen unhin­ter­fragte Normen und ein Nicht-auf-demselben-(orthografischen)-Fleck-Bleiben. Was der Autor in seinen „VORwörter[n]“ verspricht, wird auch erfüllt: „ein weiterer ichzen­trierter autor, der alles klein schreibt, um seine künst­le­ri­sche und gesell­schafts­kri­ti­sche sicht zu unter­strei­chen. […] kuhscheiße, dorf­ge­schichte und depres­sives allerlei. es soll text für den kleinen mann und die vermut­lich nicht so kleine frau sein.“ (S.5) Doch auch wenn Thalers Vorwort vor Selbst­ironie trieft, so sind seine Gedichte ernst und schaffen es, einen Refle­xi­ons­raum für Leser:innen zu öffnen. In „bezie­hungen am land“ geht es um eine Bezie­hung, in der keine Liebe mehr ist und um Verdrän­gung: „schweigen und speiben/in der ehe beginnt die frustkur/für das leib­liche wohl ist gesorgt/während es sich der bauer selbst/auf den neuen kalender besorgt/[…]“joa mei“/sagt die mutter zum kind/solang der wolf­gang ambros singt,/kanns uns ja nicht so schlecht gehen…“ (S. 15) Und in „frus­triert am stamm­tisch“ wird ange­spro­chen, dass das Wirts­haus kein Ort für Emotio­na­lität und kein Brücken­bau­erort sei: „ein schau­er­li­cher schnaps/und schon biegen sich die/zehennägel zur tisch­kante hinauf/der verdauung tuts gut/wie das alter dem wein/nur das weinen lass hier sein/weil das ist kein ort für trauer/nur frust über die unüberwindbare/emotionale mauer/[…] wisch das vergan­gene fort …“ (S. 66)

Immer wieder flicht Thaler ins Stan­dard­deut­sche seinen Heimat­dia­lekt aus Nieder­ös­ter­reich ein: „hoit aus/ned schlecht/herr specht/is da wieda was awigfoin?/Is es diesmal dein selbstbild?/welches zerbricht unter den kriti­schen gedanken deiner selbst …“ (S. 65). Und immer wieder geht es um die Diskre­panz zwischen dem, was Männer/Herren vorgeben zu sein und was sie dann wirk­lich sind und machen. Thaler schafft es, den Finger genau in die Wunden unserer Gesell­schaft zu legen: „während da nachbar/sei mucks­mäus­chen daschlagt/weils scho­wieda de marl­boro rot/vergessen had.“ (S. 37) Der Autor entlarvt diese männ­liche Doppel­glei­sig­keit mithilfe von Reimen, Aufzäh­lungen, ABC-Darien und waag­rechten und senk­rechten Gedichtanordnungen.

 

Tobias Thomas March, Februar 2026

Für die Rezen­sionen sind die jewei­ligen Verfasser:innen verantwortlich.

 

Fabian Thaler: garten­fa­cetten
Groß­wolf­gers: Biblio­thek der Provinz 2025
94 Seiten
15 EURO
ISBN 978–3‑99126–356‑2

 

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