Bereit­schaft zu Umwegen und Abwegen

Ein Inter­view mit Brigitta Höpler

In eine Stadt eintau­chen und die Inspi­ra­tionen aus der Tiefe nutzen – wie das gehen kann? Brigitta Höpler leitet dazu in „Urbane Text­felder“ an.

BÖS: Wie kann man sich das “in die Stadt hinein­schreiben” vorstellen?

Brigitta Höpler: Schreiben hat für mich viel mit Sammeln, mit Auflesen, mit Gehen zu tun. Wie ich meine Umge­bung wahr­nehme. Da und dort ein gefun­dener Satz, Gesprächs­fetzen, Farben, Gerüche, Klänge, die auf dem Blatt Papier einen Ausdruck, eine Form finden.  Und schon bin ich tief im Text­ge­webe der Stadt. Kann viel­leicht auch den einen oder anderen Satz oder Text in der Stadt verste­cken und so das Gewebe weiterknüpfen.

BÖS: Welche Vibra­tionen hat Wien als Schrei­bort im Moment für dich?

Brigitta Höpler: Der Kultur­sommer und das Impulstanz­fes­tival gehen gerade zu Ende, die Fest­wo­chen setzten Ende August fort. Das hinter­lässt Spuren in der Stadt, in der Atmo­sphäre, aber auch mit Plakaten. Am Karls­platz wurde die Ausstel­lung „Urban Natures“ eröffnet und damit die Diskus­sion um Malen und Schreiben im öffent­li­chen Raum fort­ge­setzt. Dazu der Graf­fi­tikünstler Friend „das Malen im öffent­li­chen Raum ist für mich ein Ausdruck von Frei­heit, von Mensch­lich­keit, von Hand­lungs­fä­hig­keit. Städte ohne Graf­fiti verlieren an Charme, haben einen eigen­ar­tigen Beigeschmack, machen mir Angst.“ Ich sehe das ganz genauso. Die vielen Graf­fitis, Sten­cils, gekrit­zelten Zeilen ergeben eine span­nende visu­elle Poesie, machen aus der Stadt ein Text­feld. Im Moment lässt sich viel zur Pandemie, zur Regie­rung, zu den Femi­ziden und neuen Lebens­formen lesen.

BÖS: Du möch­test auch Anre­gungen für “Schreiben auf Reisen” geben. Was schätzt du beim Schreiben auf Reisen besonders?

Brigitta Höpler: Eine andere Haltung als im Alltag. Mehr Offen­heit und Neugier. In Reso­nanz mit meiner Umge­bung zu sein. Die Bereit­schaft zu Umwegen und Abwegen. Eine gewisse Ziel­lo­sig­keit. Im Gehen, Denken und Schreiben abschweifen, mich über­ra­schen lassen.

 

Brigitta Höpler leitet den Schreib­work­shop “Urbane Text­felder“ am 4./5. September 2021. Anmel­dungen an office@boesmail.at

Foto: Martin Leitner