Was ist Schreib­pädgogik?

Ein Rück­blick und Gedanken von Barbara Rieger

Nicht selten werde ich oder jemand von meinen Kolle­gInnen gefragt:

Schreib­päda­gogik? Was ist das? Was macht ihr da eigent­lich?

Grund genug einen Work­shop zu genau diesen Fragen anzu­bieten, eine Stand­ort­be­stim­mung und einige Antworten zu wagen!

Grund­le­gendes

Pädagogik ist die Theorie und Praxis der Erzie­hung und Bildung. Als anwen­dungs­ori­en­tierte Lehre umfasst sie zahl­reiche Subdis­zi­plinen, so auch das Schreiben.

Der Begriff Schreib­päda­gogik meint aber nicht das Erlernen der Fertig­keit des Schrei­bens (Alpha­be­ti­sie­rung) und auch nicht unbe­dingt die schu­li­sche Schreib­di­daktik und den schu­li­schen Schreib­un­ter­richt im Sinne des Erler­nens von bestimmten Text­sorten. (Was nicht heißt, dass sich die Schreib­päda­gogik nicht für die Schule inter­es­siert!)

Schreib­päda­gogik bezieht sich auf das soge­nannte „Krea­tive Schreiben“, auf die spie­le­ri­sche und lust­volle Ausein­an­der­set­zung mit Sprache, auf die Selbst­er­fah­rung im Schreib­pro­zess und nicht zuletzt auf krea­tive Prozesse in Schreib­gruppen. Auch geht es um das Schreiben als Kunst­form und um die Produk­tion lite­ra­ri­scher Texte.

Histo­ri­sches

Die „Wiener Schreib­päda­gogik“, wie sie seit den 1980er Jahren von Gerwalt Brandl und Christa Brauner und später am BÖS weiter­ent­wi­ckelt und zum Teil bis heute gelehrt wird, ist ein spezi­fi­scher metho­disch-didak­ti­scher Ansatz mit folgenden Aspekten:

  • Im Zentrum steht die Sprache, schrei­bend werden Ich, Welt und Sprache reflek­tiert.
  • Text als Selbst­aus­druck, als Kontakt­fläche in der Schreib­gruppe
  • Krea­ti­vität als das Zusam­men­führen von unbe­wussten und bewussten Anteilen der Persön­lich­keit
  • Schreiben als intran­si­tiver Prozess
  • Schreiben ohne Mittei­lungs- und Darstel­lungs­zweck
  • Schreiben als Selbst­er­fah­rung, Schreiben als Therapie
  • Schreiben als Kunst, Lite­ratur als Kunst

Altes und Neues

In den letzten Jahren hat sich am BÖS vieles getan. Petra Gangl­bauer hat den Verein und die Leitung des Lehr­gangs weiter­ge­geben. Neue (Team-)Mitglieder, Dozent­Innen und nicht zuletzt neue Lehr­gangs­teil­neh­me­rInnen bringen frische Impulse ein, indem sie Fragen stellen, Feed­back auf die Ausbil­dung geben und ihre Wünsche äußeren.

Wir hören zu, disku­tieren und entwi­ckeln neue Ideen.

Wir blicken zurück, aber auch nach vorn.

Und immer wieder auch nach links und nach rechts.

Aktu­elles

Die Band­breite sprach­li­cher, text­li­cher und lite­ra­ri­scher Möglich­keiten und deren Einsatz in verschie­densten Berei­chen auszu­loten, war der Anspruch des Work­shops „Was ist Schreib­päda­gogik?“, der im August 2018 statt­ge­funden hat.

JedeR der Teil­neh­menden hielt einen Impuls­vor­trag, auf den Diskus­sionen folgten. In Bezug auf die Frage „Was ist Schreib­päda­gogik?“ ergab sich daraus – ohne Anspruch auf Voll­stän­dig­keit:

  • Im Zentrum von Schreib­päda­gogik stehen nach wie vor die Sprache und der Text.
  • Schreib­päda­gogik beinhaltet Selbst­er­fah­rungs­as­pekte, erhebt aber keinen thera­peu­ti­schen Anspruch.
  • Es geht um die spie­le­ri­sche Ausein­an­der­set­zung mit sich selbst und mit anderen – auf sprach­li­cher Ebene!
  • Wesent­liche Elemente von Schreib­päda­gogik sind profes­sio­nelles Text­feed­back und Text­kritik bis hin zu Text­coa­ching.
  • Die Ausein­an­der­set­zung mit Lite­ratur spielt eine große Rolle, darunter fällt auch das Erlernen lite­ra­ri­scher Formen und des damit verbun­denen Hand­werks.
  • Auch andere Bereiche wie das schu­li­sche und wissen­schaft­liche Schreiben, Schreiben im poli­ti­schen Umfeld oder Schreiben als Beitrag zur Kultur­ver­mitt­lung, fallen in das poten­ti­elle Inter­es­sens- und Arbeits­ge­biet von Schreib­pädagog­Innen.
  • Schreib­päda­gogik eröffnet und schafft Schreibräume. Sie ist an den unter­schied­lichsten Orten zu finden; in der Stadt, am Stadt­rand, in der Natur, in der Biblio­thek und im Internet.
  • Schreib­päda­gogik verfolgt einen gesell­schafts­po­li­ti­schen Anspruch.
  • Schreib­pädagog­Innen müssen sich (zumin­dest meis­tens) auf dem freien Markt behaupten.
  • Schreib­pädagog­Innen müssen über pädago­gi­sche Kompe­tenzen verfügen, sowie in der Lage sein, Gruppen zu leiten und über grup­pen­dy­na­mi­sche Prozesse zu reflek­tieren.

Fazit

Schreib­päda­gogik, wie wir sie hier im BÖS verstehen, ist im engeren Sinn die Methodik und Didaktik der „Wiener Schreib­päda­gogik“, die in den 1980er-Jahren von Gerwalt Brandl und Christa Brauner entwi­ckelt und durch den BÖS etabliert wurde.

Im weiteren Sinn sind aber alle, die – in welchem Kontext und zu welchem Zweck auch immer – Schreiben lehren, als Schreib­pädagog­Innen tätig und können von dieser Methodik und Didaktik profi­tieren und ihrer­seits zu ihrer Weiter­ent­wick­lung beitragen.

Der BÖS – als Berufs­ver­band der Öster­rei­chi­schen Schreib­pädagog­Innen –  ist zum einen Anbieter des Lehr­gangs Schreib­päda­gogik und verschie­denster Schreib­work­shops. Zum anderen fungiert er als Dreh­scheibe und verbin­dendes Element für alle jene, die schreiben, schreiben lehren oder schreiben lehren wollen.

 

Barbara Rieger, September 2018

Barbara Rieger absol­vierte den Ausbil­dungs­lehr­gang „Wiener Schreib­päda­gogik“ bei Petra Gangl­bauer und begann danach für den BÖS zu arbeiten. Seit 2018 leitet sie den Lehr­gang.