Friss oder stirb – Barbara Rieger

Eine Rezen­sion von Petra Gangl­bauer

Souverän und mit unnach­ahm­li­cher Kraft nähert sich Barbara Rieger, die mit „Bis ans Ende, Marie“ erfolg­reich debü­tierte, den Themen Mager­sucht und Bulimie.

Schon der Einstieg in das formal gelungen aufbe­rei­tete Buch erzeugt einen regel­rechten Sog, indem er schon zu Beginn aus der „Zukunft“ (Gegen­wart) gesehen, jene Entwick­lung zusam­men­führt, die schließ­lich das ganze Buch umfasst, bis Anna am Ende des Romans wieder „dorthin“ gelangt – ins Hier und Jetzt, sich und ihren Körper spürt, ihren Bauch, jedoch unter anderen Umständen als zuvor.

Der Kreis schließt sich also, der Erzähl­rahmen gibt den aufwüh­lenden inhalt­li­chen und sprach­li­chen Sequenzen Kontur, bis das Ende, bis der Anfang klar gesetzt sind.

Die puber­tie­rende Anna schlit­tert zuneh­mend in eine seeli­sche Diffu­sion und Zerris­sen­heit, die sich in Form von äußersten Turbu­lenzen ihres Körpers äußert: In Form eines zwang­haften Essver­hal­tens, zwischen Fress­at­ta­cken und dem Wunsch zu „kotzen“. Barbara Rieger findet dafür einen beinahe phäno­me­no­lo­gi­schen Zugang, indem wir, die Lese­rInnen uns gemeinsam mit Anna zuse­hends hinein­be­wegen müssen (!) in ihre Körper­zu­stände, ja, mitge­zogen werden von den unkon­trol­lier­baren Verhal­tens­mus­tern, indem wir unbe­wussten Prozessen beiwohnen und dabei beinahe in ihren Körper schlüpfen, in ihre gesamte Gefühls­welt. Und die ist durch­setzt von Selbst­zweifel, Hass­ge­fühlen, zartem, zerbrech­li­chen Hoff­nungs­schimmer und dem Wunsch, alles, alles – sich selbst mithin – loszu­werden.

Einge­spannt zwischen der kühlen, hilf­losen Ordnungs­liebe und dem scha­blo­nen­haften Verhalten ihrer Mutter, die die Verein­sa­mung ihrer Tochter nicht erkennt,  und der Absenz ihres Vaters, dessen Namen (um nicht zu sagen Exis­tenz) sie erst viel später und mit viel Nach­druck, der Mutter abringt, wird Anna vom Leben herum­ge­schleu­dert; sie reagiert hoch­sen­sibel (und zugleich wie unter einer Glas­glocke) und letzt­lich zwang­haft auf alles und jedes, um nach schreck­lich schmerz­haften Entwick­lungs­schüben, ihr Leben in den Griff zu bekommen: hinter ihr liegen dann enttäu­schende und belas­tende Bezie­hungen, ein nicht erfül­lendes aber dennoch statt­fin­dendes Treffen mit ihrem Vater, die zahl­rei­chen Besuche bei der Thera­peutin und der unaus­ge­setzte Kampf mit sich, gegen sich, schließ­lich für sich selbst.

Ein äußerst gelun­gener Balan­ceakt, der offen­legt, dass auch ein sich in weiten Teilen, wenn auch vari­an­ten­reich wieder­ho­lender Prozess einer Sucht­ent­wick­lung span­nend und packend bis zur letzten Seite aufbe­reitet sein kann.

Ein Buch, dass nicht nur frei­zügig offen­legt, sondern auch Hoff­nung zu geben vermag, dort, wo sie gebraucht wird.

Anna ist stark.

Petra Gangl­bauer, August 2020
Für die Rezen­sionen sind die jewei­ligen Verfas­se­rInnen verant­wort­lich.

Friss oder stirb: Barbara Rieger
Wien: Kremayr & Sche­riau, 2020
224 Seiten
Euro 22,-
ISBN: 978–3‑218–01228‑7

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