Irgendwo in diesem Dunkel – Nata­scha Wodin

Eine Rezen­sion von Ange­lika Moser

Auf Spuren­suche

Nata­scha Wodin macht sich in „Irgendwo in diesem Dunkel“ auf die Suche nach den Spuren ihres Vaters, dessen Leben für sie bis zu seinem Todestag Lücken aufweist, die mit einem Schweigen wie aus Zement gefüllt sind. Ein Schweigen, das sich bereits durch ihr gesamtes Leben gezogen hat. Selbst als Wodin nach Jahren nach Russ­land zurück­kehrt und Spuren seines Lebens dort findet, bleiben die Antworten doch aus. „Ich hatte ein Leben mit Luft­wur­zeln gelebt“ (Seite 142), bringt es die Autorin tref­fend auf den Punkt.

Obwohl der Vater einen Groß­teil seines Lebens in Deutsch­land verbringt, verwei­gert er sich der deut­schen Sprache vehe­ment. „Brauche“ und „brauche nix“ (Seite 9) müssen genügen, was dazu führt, dass Wodin bereits als Zehn­jäh­rige als Dolmet­scherin für ihren Vater fungiert. Während die Prot­ago­nistin sich nichts sehn­li­cher wünscht, als Teil der neuen Kultur zu sein, verliert der alko­hol­kranke Vater, der einst als Mitglied eines Kosa­ken­chors auf Tournee ging, seine Stimme gänz­lich und das Zuhause wird mehr und mehr zu einem Ort des Hasses, der Angst, der Gewalt und der Scham: „Ich war das Wäsche­stück in meines Vaters Händen, und er konnte damit machen, was er wollte.“ (Seite 104)

Geprägt vom frühen Selbst­mord ihrer Mutter im Oktober 1956, der so viele Fragen offen­ge­lassen hat, versucht sie, in den soge­nannten „Häusern“, einem Viertel an der Regnitz, in dem die Displaced Persons aus dem Zweiten Welt­krieg unter­ge­bracht wurden, zu über­leben und ihren Platz zu finden in einer Welt, die nicht die ihre ist. „Mit einem Jungen gehen, sich verloben, heiraten“ (Seite 33) ist nicht nur ein Wunsch­traum, sondern über­le­bens­not­wendig, um ihrem Vater zu entkommen. Ein Leben als deut­sche Haus­frau mit Sauer­kraut und Schwei­ne­braten, Marmor­ku­chen und Kaffeeklatsch …

Wodin springt kapi­tel­weise zwischen Präsens und Vergan­gen­heit hin und her, steht am Toten­bett und erin­nert sich an das Leben mit ihrem Vater, das bruch­stück­haft geblieben ist … bis zum Schluss: die brutale Gewalt, die aus ihm heraus­brach, schon als sie klein war; seine Abnei­gung gegen Schmutz, die im Arbeits­lager unter den Nazis noch verstärkt wurde. Bis sie es als „Sech­zehn­jäh­rige mit dem Stigma der ‚Häuser‘“ (Seite 201) schluss­end­lich nicht mehr aushält und sich davon macht, ihren Kampf ums Über­leben woan­ders und auf sich allein gestellt austrägt.

Irgendwo in diesem Dunkel“ ist die Geschichte von dem Wunsch nach Zuge­hö­rig­keit und Akzep­tanz, der Undurch­dring­lich­keit des Schwei­gens und der Suche nach den eigenen Wurzeln. Und vom Hass, der in Mitleid umschlägt, wenn die Prot­ago­nistin den Vater beim Sterben beob­achtet und fest­stellt: „Nichts wollte ich damals weniger sein als sein Kind – jetzt ertrug ich es nicht, dass er schwä­cher war als ich, dass ich, da er mein Kind geworden war, nicht mehr sein Kind sein konnte.“ (Seite 20) Eine Geschichte, die nachhallt.

Nata­scha Wodin, Schrift­stel­lerin und Über­set­zerin, wurde 1945 als Kind sowje­ti­scher Zwangs­ar­beiter geboren. Für die Geschichte ihrer Mutter, „Sie kam aus Mariupol“, erhielt sie 2017 den Preis der Leip­ziger Buchmesse.

 

Ange­lika Moser, Juni 2026

Für die Rezen­sionen sind die jewei­ligen Verfasser:innen verantwortlich.

 

Nata­scha Wodin: Irgendwo in diesem Dunkel
Hamburg: Rowohlt 2018
239 Seiten
14,39 EUR
ISBN 978–3‑499–27449‑7

 

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